Leipzig 180 Polizisten jagen Michelles Mörder
Leipzig - Aus allen Richtungen strömen sie heran. Hunderte Menschen sammeln sich vor der 25. Grundschule in Anger-Crottendorf. Hier ging Michelle zur Schule - zuletzt vor drei Tagen im Rahmen eines Ferienprogramms. Viele haben nicht nur Kerzen, Plüschtiere und Blumen mitgebracht, sondern auch T-Shirts mit der Aufschrift "Tod den Kinderschändern". Die Wand der Schule ist gespickt mit Zetteln. Auf ihnen steht: "Wo bist du, Michelle, wann kommst du wieder?"
In der kleinen Kapelle zwei Straßen weiter läuten am späten Donnerstagabend die Glocken. Weinende Menschen laufen zum Altar, sie zünden Kerzen an und nehmen Platz auf den Bänken. Der Pfarrer spricht: "Wir beten für Michelles Eltern und Angehörige. Gib ihnen Kraft." Inzwischen weiß in Leipzig jeder Bescheid. "Michelle ist tot", sagt Michaela Meffert. Die 25-Jährige hat gerade eine Kerze für die Achtjährige angezündet.
Erinnerungen an den Fall des in Leipzig entführten und ermordeten Mitja kommen hoch. Auch die achtjährige Michelle wurde ermordet. Das habe die Obduktion der Leiche ergeben, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Hans Strobl auf einer Pressekonferenz am Donnerstagabend. Man gehe von einem Gewaltverbrechen aus.
"Es geht jetzt darum, den Täter dingfest zu machen und zur Verantwortung zu ziehen", sagte Strobl. Weitere Ergebnisse der Obduktion lägen noch nicht vor.
Landespolizeipräsident Bernd Merbitz bat um Verständnis, dass die Polizei nicht alle Details veröffentlichen könne. Das würde die Suche nach dem Täter erschweren. Das betreffe die Todesart, den Todeszeitpunkt und die Frage, ob das Mädchen sexuell missbraucht oder vergewaltigt wurde. Strobl sagte: "Wir möchten kein Täterwissen bekanntgeben, so lange er frei herumläuft."
Michelles Eltern klammerten sich an die kleinste Hoffnung
Am frühen Donnerstagnachmittag hatte ein Spaziergänger in einem kleinen Waldstück in Stötteritz, nicht weit vom Elternhaus entfernt, eine Wasserleiche entdeckt. Dass es sich um eine Kinderleiche handelt, machte in Leipzig schnell die Runde.
Wenige Anwohner hielt es in ihren Wohnungen. Hunderte beobachteten, wie der Fundort mit Flatterband großräumig abgeriegelt wurde. Einige versammelten sich um ihre kleinen mitgebrachten Radios. "Ich war hier gestern noch mit meiner Frau spazieren. Ich hab mit ihr dann noch auf der Bank direkt am Tümpel gesessen", sagte René Dittmer.
Weinend, mit einer kleinen Jacke in der Hand, verließ eine Frau die Menschenmenge. Eine andere nahm sie tröstend in den Arm. Viele hielten sie für Michelles Mutter - auch weil die Polizei angekündigt hatte, die Wasserleiche mit Hilfe von Michelles Eltern identifizieren zu wollen.
Doch die Eltern der Achtjährigen saßen zu dem Zeitpunkt zu Hause, betreut von Psychologen - und voller Hoffnung, ihre Tochter lebend wieder zu sehen.
Vor dem rotbraunen Mehrfamilienhaus war es menschenleer. Nur ein Einsatzwagen der Polizei stand an der gegenüberliegenden Straßenseite. "Die Beamten stellen sicher, dass sie keiner stört", sagte Polizeisprecher Andreas de Parade SPIEGEL ONLINE.
Eine Nachbarin: "Michelle war ein liebes Mädchen"
Nicht weit vom Elternhaus entfernt betreibt Barbara Lidzba einen kleinen Blumenladen. "Ich habe Michelle oft auch ihrem Weg zur Schule und zurück gesehen", sagt die 45-Jährige. Schüchtern sei Michelle gewesen, aber ein liebes Mädchen. Völlig unverständlich sei für sie, wie so etwas auf einem nur so kurzen Weg passieren kann. Einen weiten Schulweg hatte Michelle nicht: Keine zehn Minuten musste das Mädchen mit den rotblonden Haaren zur zwei Straßen entfernten Schule gehen.
"Aber anscheinend muss man sogar am Nachmittag auf seine Kinder aufpassen", sagt Monique Hofmann. Sie wohnt nur ein paar Straßen von Michelles Elternhaus entfernt. "Hier ist die kleine Michelle lang gelaufen mit ihrer Schulfreundin und dann haben sie sich getrennt." Die Kinderkrankenschwester ist empört. "Ich kann mich noch an den Fall Mitja erinnern", sagt sie. Von ihrem Arbeitsplatz konnte sie das Krankenzimmer von Mitjas Mörder sehen. "Es war furchtbar, und jetzt das", sagt sie. "Jetzt sieht man seit drei Tagen nur noch Muttis, die ihre Kinder an der Hand halten."
Wer ist "L."? Hat er etwas mit dem Tod des Kindes zu tun?
Michelle war am Tag ihres Verschwindens gemeinsam mit der betreuten Feriengruppe im Zoo gewesen. Ein Bus hatte die Kinder samt Erzieher zur Grundschule zurückgebracht. Die Achtjährige machte sich zusammen mit einer Freundin auf den Heimweg - doch sie kam nicht zu Hause an. Als sie sich von ihrer Freundin getrennt habe, habe sie noch gesagt, dass sie sich mit einem "L." treffe, sagt Polizeisprecher de Parade.
"Wir haben zwar vermehrt Hinweise aus der Bevölkerung erhalten. Aber keine heiße Spur." Im Gegenteil: Einige Anrufer erlaubten sich trotz des tragischen Anlasses Scherze mit der Polizei - so den Ratschlag, man solle doch im Umfeld der US-Serienfigur Al Bundy ermitteln.
Der Fundort von Michelles Leiche ist dreieinhalb Kilometer von der Schule entfernt. Mitten in Leipzig gelegen, mit Abenteuerspielplatz, großen Bäumen und weiten Rasenflächen. Die parkähnliche Anlage gilt als sehr belebt.
Wurde Michelle dort getötet? Oder wurde ihre Leiche dorthin verschleppt? Ihr kleiner Körper ragte aus einem Teich - unweit der Gegend, in der die Polizei fieberhaft nach dem verschwundenen Mädchen gesucht hatte.
Tag und Nacht hatten Polizisten aus ganz Sachsen nach der vermissten Grundschülerin gesucht. Die Sonderkommission wurde auf 180 Beamte aufgestockt. Allein am Donnerstag waren 350 Hilfskräfte im Einsatz. Mehr als 180 Häuser und andere Gebäude wurden durchsucht, 1400 Menschen befragt, 5000 Flugblätter gedruckt. Die Polizei überprüfte auch rund 200 einschlägig vorbestrafte Triebtäter, die aus der Umgebung gemeldet sind.
Noch ist Michelles Mörder auf freiem Fuß.