Unheimliches Verschwinden: Der Fall Maddie
Madeleine McCann Das unvergessene Kind
Die Bilder sind dieser Tage überall zu sehen: Ein kleines Mädchen mit großen Augen blickt aus den britischen Zeitungen, es hat eine Stupsnase, und sein Mund steht halb offen. Am 3. Mai ist es vier Jahre her, dass die damals dreijährige Madeleine McCann aus einer Ferienwohnung im portugiesischen Praia da Luz verschwand. Und immer noch sind die beiden entscheidenden Fragen unbeantwortet: Wo ist sie? Lebt sie noch?
Maddies Verschwinden ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle des vergangenen Jahrzehnts - und eines der größten Medienereignisse. Von wie vielen Titelseiten die kleine Engländerin mit ihren mandelförmigen Augen im Laufe der Jahre geblickt hat, ist schwer zu schätzen.
Ihre Eltern Kate und Gerry McCann haben die halbe Welt in die Suche eingespannt, selbst der Papst hat ein Bild von Madeleine gesegnet. Sie tun alles, damit ihr Familienschicksal in den Schlagzeilen bleibt - und so vielleicht eine unverhoffte Spur auftaucht. Ihre Privatdetektive haben Hunderte von Zeugen befragt, mehr als tausend Anrufe und 15.000 E-Mails erhalten, doch alle Spuren sind bisher im Sande verlaufen.
Am 12. Mai, dem achten Geburtstag von Madeleine, veröffentlicht Kate McCann nun ein Buch. Es wirkt wie ein letzter Versuch, ein letztes Aufbäumen vor der Fügung in ihr Schicksal. Es sei "eine sehr schwere Entscheidung" gewesen, schreibt die Mutter auf der "offiziellen Madeleine-Web-Seite". Doch sei ihnen keine Wahl geblieben: Der schrumpfende "Madeleine-Fonds" muss aufgefüllt werden, damit die Suchaktion weiter bezahlt werden kann. Eine Million Pfund soll das Buch bringen - genug für zwei weitere Jahre Fahndung. "Jeder Penny", verspricht Kate, "wird in die Suche nach Madeleine fließen."
Die Suche nach dem entscheidenden Puzzleteil
Auch nach vier Jahren hat das Arztehepaar aus dem englischen Rothley die Hoffnung noch nicht aufgegeben, seine älteste Tochter zu finden. "Irgendjemand hat das entscheidende Stück zu diesem Puzzle", schreibt Kate McCann.
Nur wer?
Die portugiesische Staatsanwaltschaft hat den Fall längst zu den Akten gelegt. Er könnte wieder geöffnet werden, wenn neue Erkenntnisse auftauchen. Darum lassen die McCanns in ihren Bemühungen nicht nach. Über eine Web-Seite in vier Sprachen, Englisch, Deutsch, Spanisch, Portugiesisch, und eine 24-Stunden-Telefonhotline werden Hinweise entgegengenommen. Im Online-Shop kann man Madeleine-Poster, -T-Shirts und -Armbänder kaufen.
Doch je mehr Zeit vergeht, desto häufiger wird die Frage gestellt: Wann ist es genug? Wann ist der Zeitpunkt gekommen, einen Schlussstrich zu ziehen und in die Zukunft zu blicken?
Es sind die Fragen, die sich alle Angehörigen von Vermissten stellen. Entscheiden können dies letztlich nur Madeleines Eltern selbst.
Laut "Daily Mail" sitzt Kate McCann zweimal täglich im Zimmer ihrer verschollenen Tochter, das immer noch so aussieht wie damals. Regelmäßig fliegt die gläubige Katholikin an die Algarve, um in der Kirche von Praia da Luz zu beten. Die öffentliche Anteilnahme in vielen Ländern ist weiterhin groß - und wird durch das Buch sicherlich noch einmal befeuert werden.
Kritiker verstummen nicht
Doch zumindest in Praia da Luz gibt es ein ausgeprägtes Interesse, das Kapitel Madeleine endlich abzuschließen. Die Suchplakate im Ort werden häufig abgerissen oder beschmiert. Die Bewohner wollten nach vorne blicken und nicht auf ewig mit Madeleine assoziiert werden, sagte Ines Lopez, Chefredakteurin der englischsprachigen Lokalzeitung "Algarve Resident", dem "Daily Telegraph".
Auch andere Kritiker der McCanns verstummen nicht. Schon seit 2007 hat das Paar mit dem Verdacht zu kämpfen, selbst etwas mit dem Verschwinden seiner Tochter zu tun zu haben. Der frühere Chefermittler der portugiesischen Polizei, Gonçalo Amaral, vertrat 2009 die These am deutlichsten: Madeleine sei in der Ferienwohnung zu Tode gekommen, ihre Eltern hätten die Leiche dann beseitigt, schrieb er in einem Abrechnungsbuch. Beweise für seine Theorie gibt es nicht, doch sie hält sich hartnäckig. Pünktlich zum Jahrestag legt Amaral nun nach und veröffentlicht ein zweites Buch - parallel zur McCann-Version der Geschehnisse.
Selbst wer nicht an die These vom großen Vertuschungsmanöver der eiskalten Eltern glaubt, sondern eine Entführung für wahrscheinlich hält, kann bei den McCanns doch zumindest eine Mitschuld finden. Das Paar hatte die dreijährige Madeleine mit ihren beiden zweijährigen Geschwistern abends allein in der Ferienwohnung gelassen, während es selbst in einem 120 Meter entfernten Restaurant mit Freunden zu Abend aß. Alle halbe Stunde sahen die Eltern nach den Kindern. Dennoch wird ihnen immer wieder vorgeworfen, ihre elterliche Sorgepflicht verletzt zu haben.
Kate McCann steckt alle Energie in die Suche
Vorwürfe muss sich das Paar auch für seine Medienkampagne anhören. Die Inszenierung geht vielen zu weit. Sie sagen, die verbissene Suche diene den Eltern dazu, ihr Schuldgefühl zu kompensieren. Tatsächlich haben die McCanns ein Händchen für PR. Zuletzt bewiesen sie dies vor zwei Wochen, als plötzlich berichtet wurde, " Harry Potter"-Autorin Joanne K. Rowling habe an Kates Buch mitgeschrieben. Es stellte sich heraus, dass sie bloß einige Tipps gegeben und den McCanns ihren Agenten vermittelt hatte. Doch war es die denkbar beste Werbung für das Buch.
Das Rampenlicht hat dazu geführt, dass die McCanns vielen Anfeindungen ausgesetzt sind. Auf eigens eingerichteten Web-Seiten werden die Unstimmigkeiten in dem Fall diskutiert und die Rolle der McCanns hinterfragt. Eine Lesetour wird Kate daher nicht machen - aus Angst vor Beschimpfungen. Trotz ihrer generalstabsmäßigen Öffentlichkeitsarbeit erweckt sie stets den Eindruck, dass sie sich in dem Rummel unwohl fühlt.
Während Gerry McCann recht bald wieder seine Arbeit als Herzchirurg aufnahm, will Kate nicht wieder in die Praxis zurück. Sie kümmert sich um die beiden Zwillinge, die inzwischen sechs Jahre alt sind, und verwendet ihre Energie auf die Suche nach Madeleine. Sie hat eine Online-Petition gestartet, um vollen Zugang zu den Ermittlungsakten zu bekommen, und fordert von der britischen und portugiesischen Regierung eine unabhängige Untersuchung der Polizeiarbeit.
Doch wird die Hoffnung mit jedem Jahrestag kleiner. Das beste Symbol des Stillstands ist das Apartment in Praia da Luz, aus dem Madeleine entführt wurde. Es steht leer und verwittert langsam.
Die Eigentümerin, die zufällig auch McCann heißt, aber nicht mit Madeleines Eltern verwandt ist, will es seit Jahren verkaufen. Doch noch hat sich nicht ein einziger Interessent gemeldet. Vor dem Eingang lassen sich heute Touristen fotografieren. Hier ist Maddie schon Geschichte.