Mafia-Festnahmen Der Kuss der Camorristi
Kuss unter Freunden: Camorra-Boss Daniele D'Agnese (rechts) auf dem Weg ins Gefängnis
Foto: CONTROLUCE/ AFPNeapel - Er lächelte scheel und winkte linkisch in die Menge: Kurz nach seiner Verhaftung am Mittwoch präsentierte sich Carmine Amato mit kahl rasiertem Boxerschädel und bester Laune der Öffentlichkeit. Am Leib trug der 30-Jährige ein weißes T-Shirt mit dem Konterfei von James Dean darauf.
Seit 2009 wurde der Boss des berüchtigten Amato-Pagano-Clans aus Secondigliano im Norden Neapels gesucht, stand auf der Liste der 30 gefährlichsten Verbrecher des Landes. Am Mittwoch dann gelang dem mobilen Einsatzkommando von Neapel der Zugriff.
Ebenfalls verhaftet wurde Daniele D'Agnese, flüchtig seit 2009. Der 27-Jährige war gerade auf dem Weg vom Polizeipräsidium ins Gefängnis, da näherten sich ihm vier junge Männer. Einer von ihnen fiel D'Agnese um den Hals, umarmte und küsste ihn, bevor er von einer Polizistin zurückgepfiffen wurde.
Mit großer Wahrscheinlichkeit handelte es sich bei den "Fans" um Angehörige des Clans, der durch mehr als 100 Festnahmen allein im Jahr 2009 zwar stark dezimiert, aber keineswegs zerschlagen wurde.
"Wir wollten uns nur von ihnen verabschieden, wir haben sie seit zwei Jahren nicht gesehen", sagte einer der jungen Leute laut "Corriere della sera" entschuldigend. Doch der "peinliche Kuss der Camorristi" löste in Italien Verärgerung aus. Mafia-Kenner vermuten, es könne sich bei der pathetischen Geste um eine stumme Botschaft, eine Aufforderung zum Schweigen gehandelt haben. Frei nach dem Motto: Halte den Mund und dich selbst an die Omertà, plaudere nichts aus, dann wird alles gut. Es ist bekannt, dass Mafiosi in Haft von ihren Clans gut versorgt werden. Das gilt auch für die Angehörigen, die während dieser Zeit kein "Einkommen" haben.
''Wie haben sie es denn geschafft, hier reinzukommen?"
Mitten in der Nacht hatten die Spezialisten des mobilen Einsatzkommandos von Neapel Amato und D'Agnese überrascht, als diese in ihrem Versteck unweit der Müllkippe von Chiaiano bei Neapel gerade gebannt auf die Monitore ihrer zehn Überwachungskameras starrten. Beide waren mit je einer Pistole bewaffnet.
Ein Helikopter soll im Vorfeld das Versteck nahe der Müllhalde geortet haben. Das gesamt Gelände wurde umstellt. Um bis zu den Flüchtigen vorzudringen, musste die Polizei eigenen Angaben zufolge eine Abflussrinne entlang laufen und eine Tuffsteingrube durchqueren. ''Wie haben sie es denn geschafft, hier reinzukommen?", soll eine der Ehefrauen laut der Nachrichtenagentur Ansa noch fassungslos gefragt haben.
Bei ihrer Verhaftung befanden sich Amato und D'Agnese nur wenige Meter von ihrem Fluchtweg entfernt, einer Luke, die in die Grube führte. Beide müssen sich nun wegen Mafiazugehörigkeit und Drogenhandels verantworten. Amato wird außerdem des Mordes angeklagt.
Italienischen Ermittlern zufolge fürchteten die beiden Bosse nicht so sehr die Ankunft der Polizei, als einen Angriff durch Mariano Riccio, einen Vertrauten des im Gefängnis sitzenden Cesare Pagano, mit dem sich Carmine Amato in der Vergangenheit überworfen hatte. Die Fehde unter den verfeindeten Bossen hat seit Jahresbeginn bereits fünf Todesopfer gefordert.
Dem Chef des mobilen Einsatzkommandos zufolge ist Amato im Herbst aus Holland nach Italien zurückgekehrt. In den Niederlanden habe er die Drogengeschäfte seines Clans kontrolliert. Seitdem habe er sich nicht mehr von der Stelle bewegt, sagte Vittorio Pisani.
"Die Bosse auf ihrem eigenen Terrain zu verhaften, dort, wo sie glauben, sicher zu sein, ist der richtige Weg", lobte Polizeichef Antonio Manganelli die Arbeit seiner Leute.
Die sogenannten "scissionisti di Secondigliano" ("Spalter von Secondigliano") sind ein von Raffaele Amato geführtes Camorra-Kartell, das sich 2004 vom Clan Di Lauro abspaltete. Sie werden auch "die Spanier" genannt, weil sie riesige Mengen Kokain von Südamerika über Spanien nach Europa bringen und sich bisweilen auf der iberischen Halbinsel verstecken.
Ihr "Heimatstandort" sind die berüchtigten Trabantenstädte und Kriminalitätshochburgen Secondigliano und Scampia im Norden Neapels, von denen Erfolgsautor Roberto Saviano in seinem Buch "Gomorrha" eindringlich berichtet hat. Raffaele Amato wurde im April 2009 im spanischen Marbella festgenommen und im Mai 2010 von einem italienischen Gericht zu 20 Jahren Haft verurteilt.
Schlag gegen die Müll-Mafia
Ebenfalls am Mittwoch ging den italienischen Ermittlern ein Geschäftsmann aus Neapel ins Netz. Der Betreiber von vier Abfallbeseitigungsanlagen und Besitzer von 65 Fahrzeugen soll die Camorra bei illegalen Müllgeschäften unterstützt haben.
Im Rahmen der Festnahem wurden Vermögenswerte in Höhe von 50 Millionen konfisziert. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Mann eng mit dem Casalesi-Clan kooperierte. Er wurde in Castel Volturno in der Nähe von Caserta nördlich von Neapel festgenommen. Mit der Justiz kooperierende Auftragsmörder hatten den Angaben zufolge Verbindungen des Geschäftsmanns zur Camorra offenbart.
Die Abfuhr von Müll und vor allem die illegale Verklappung von Giftmüll ist ein lukratives Geschäft für das organisierte Verbrechen in Italien. Vor allem Neapel hat seit Jahren mit einem chronischen Müllproblem zu kämpfen.
Erst am Dienstag hatte die Umweltschutzorganisation Legambiente in ihrem jährlichen Bericht betont, dass die Camorra in Neapel, die Mafia auf Sizilien und die 'Ndrangheta in Kalabrien insgesamt geschätzte 20 Milliarden Euro mit umweltschädlichen Geschäften machen. Das meiste Geld machen die Organisationen dabei mit der illegalen Müllverklappung.