Mafia Verhaftungswelle auf Sizilien
Rom - Zwei Monate nach der Verhaftung des obersten Mafia-Bosses von Sizilien haben die italienischen Ermittler der Cosa Nostra einen weiteren schweren Schlag versetzt: Bei einem Großeinsatz am Dienstag nahm die Polizei 45 Verdächtige fest, darunter 16 Chefs verschiedener Mafia-Clans. Nach sieben weiteren mutmaßlichen Cosa Nostra-Mitgliedern wird noch gefahndet. Gegen alle 52 Verdächtigen wurde Haftbefehl wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Erpressung erlassen. "Die Cosa Nostra ist in die Knie gezwungen", jubelte der nationale Mafiajäger Piero Grasso.
Dem Einsatz mit dem Codenamen "Gotha" gingen langwierige Ermittlungen voraus, in deren Zuge die Fahnder das Organisationsschema der Mafia in Siziliens Hauptstadt Palermo aufdecken konnten. Die Ermittler hatten zwei Jahre lang eine Garage in Palermo abgehört, in der sich die Mafiosi trafen und ihre kriminellen Geschäfte berieten. Ausgewertet wurden zudem chiffrierte Unterlagen, die im April bei der Festnahme des sizilianischen "Bosses der Bosse" Bernardo Provenzano sichergestellt wurden.
Antimafia-Ermittler Grasso freute sich besonders über die Festnahme von 16 Mafia-Bossen, die über verschiedene Stadtviertel der Inselhauptstadt Palermo geherrscht hatten. Drei davon hätten gewichtige Rollen in der Führung der Verbrecherorganisation gespielt. Nach Angaben Grassos sind die 16 festgenommenen Bosse sämtlich wegen Mafia-Straftaten vorbestraft. Nach dem Verbüßen ihrer Haftstrafen seien sie alle sofort wieder in die Reihen der Mafia zurückgekehrt und hätten ihre Geschäfte wieder aufgenommen.
Die Ermittlungen legten auch Verbindungen zwischen der Mafia und Unternehmern oder Politikern offen, berichtete der Staatsanwalt. So habe die Cosa Nostra gezielt Männer in die Kandidatenlisten für Wahlen geschleust, die sie für vertrauenswürdig hielt. Am Dienstag wurde der erst kürzlich wieder gewählte sizilianische Regionalpräsident Salvatore Cuffaro zum zweiten Mal wegen eines Prozesses um Begünstigung der Cosa Nostra von der Staatsanwaltschaft vernommen.
Die Ermittler sammelten beim Abhören der als Mafia-Treffpunkt genutzten Garage hunderte Stunden von Tonbandaufnahmen. Die Mafiosi hätten in dem Gebäude in aller Offenheit und Seelenruhe ihre kriminellen Geschäfte geplant, weil sie sich durch einen von ihnen installierten Störsender vor unerwünschten Lauschern sicher wähnten, berichtete Grasso. Dank moderner Technologien hätten die Ermittler jedoch eine beeindruckende Zahl von Gesprächen aufzeichnen können, anhand derer die Stimmen und Äußerungen der verschiedenen Mafia-Chefs identifiziert werden konnten.
Die abgehörten Gespräche beweisen demnach auch, dass der am 11. April nach mehr als 43-jähriger Suche gefasste Bernardo Provenzano tatsächlich der oberste Chef der Cosa Nostra war. Alle wichtigen Entscheidungen seien über ihn gelaufen, erklärte die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft.
Innenminister Giuliano Amato lobte die Festnahmen als wichtigen Teilschritt im Kampf gegen das "Krebsgeschwür" der Mafia. Der Krieg sei noch nicht gewonnen, aber die Festnahme von Provenzano und die daraus resultierenden Fahndungserfolge seien ein wichtiger Schritt für die Zukunft Siziliens und seine demokratische Entwicklung.
Palermos Polizeipräsident Giuseppe Caruso warnte unterdessen vor einem drohenden neuen Krieg unter den Mafia-Clans. Die abgehörten Gespräche deuteten darauf hin, dass Morde unter zwei rivalisierenden Familien drohten.
agö/AFP