Mafiamorde von Duisburg: Showdown im Killerprozess - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Duisburger Sechsfachmord: Im Namen der Mafia

Foto: HO/ AFP

Mafiamorde von Duisburg Showdown im Killerprozess

In Kalabrien steht der mutmaßliche Drahtzieher des Mafia-Massakers von Duisburg vor Gericht - in Kürze wird das Urteil im Fall Giovanni Strangio erwartet. Ganz klar ein Freispruch, tönt sein Staranwalt. Unbedingt lebenslänglich, hoffen die Mafia-Jäger Nicola Gratteri und Renato Cortese.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

PAX, Frieden, steht in großen Lettern über dem weißen Friedhofstor von San Luca. Eine steile Straße führt hinauf, vorbei an leerstehenden Betonbauten und baumhohen, mit messerscharfen Spitzen bewehrten Gitterzäunen. Die Sonne brennt, die Aussicht auf den Aspromonte, den "rauen Berg" Kalabriens, ist grandios.

Der 4000-Seelen-Ort könnte ein ganz normales süditalienisches Dorf sein. Wären da nicht die kugeldurchsiebten Müllcontainer, in die Sprengsätze scharfkantige Löcher gerissen haben. Oder die Gedenktafel für Carmine Tripodi, Unteroffizier der Carabinieri, der im Februar 1985 auf dem Heimweg abgeknallt wurde. Weil er die Nase in Dinge steckte, die ihn nichts angingen.

Auf die Frage, ob man das Auto im Parkverbot stehen lassen könne, sagt der Wirt in der Bar "Le Delizie" spöttisch: "Kein Problem. Hier gibt es keine Verkehrspolizisten."

San Luca ist mehr als ein Mafia-Dorf, es gilt als die Urzelle, das "Betlehem" der kalabrischen 'Ndrangheta. Seit dem Ausbruch der Fehde zwischen den Clans Nirta-Strangio und Pelle-Vottari im Jahr 1991 starben Dutzende Bewohner des Ortes eines gewaltsamen Todes. Spätestens das Massaker von Duisburg, bei dem vor dem Restaurant "Da Bruno" am 15. August 2007 sechs Männer per Gnadenschuss hingerichtet wurden, brachte die Region auch international auf die Agenda.

"Es gibt hier ehrliche Leute, die mit ehrlicher Arbeit ihr Geld verdienen", sagt der Mann hinter dem Tresen der Bar. Zwei junge Männer kommen herein, kurz geschorenes Haar, schlank und durchtrainiert. Beide haben verblüffende Ähnlichkeit mit Giovanni Strangio, dem Hauptverdächtigen im Fall Duisburg, der seit April 2010 im kalabrischen Locri vor Gericht steht.

Anfang Juli soll das Urteil gesprochen werden - die Staatsanwaltschaft hat lebenslange Haft für Strangio und weitere acht Tatverdächtige gefordert.

"Ich schwöre vor Gott"

Dem 32-Jährigen wird vorgeworfen, das Blutbad von Duisburg geplant und mit Hilfe von vermutlich drei Komplizen durchgeführt zu haben. "Ich habe erst am Tag danach im Fernsehen davon erfahren", beteuerte Strangio kurz nach seiner Festnahme im März 2009 in Amsterdam. "Ich falle auf die Knie und schwöre vor Gott (...), dass ich unschuldig bin", ließ er durch das italienische Magazin "Panorama" verlauten.

Diese Einschätzung teilt sein Anwalt Carlo Taormina. "Der Prozess ist für uns hervorragend gelaufen", brüstet sich der Ex-Staatssekretär und Abgeordnete der rechtskonservativen Forza Italia, der für seinen Freund Silvio Berlusconi einst ein Gesetz verfasste, das den Premier vor Strafverfolgung schützen sollte. Am Anfang hätten ihm die Indizien noch Sorgen bereitet, sagt der 70-Jährige, aber dann habe man sämtliche angebliche Beweise der Anklage locker demontieren können.

"Die Staatsanwaltschaft hat sich aus unerfindlichen Gründen auf meinen Mandanten gestürzt und Ermittlungen zu anderen Tatverdächtigen vernachlässigt", so der Verteidiger. "In Deutschland", und da beruft sich Taormina auf eine Aussage des Duisburger Oberstaatsanwalts Detlef Nowotsch aus dem Jahr 2009, "wäre es aus Mangel an Beweisen nie zu einem Verfahren gekommen."

"Strangio wurde übel verschachert und in genau das Land gebracht, wo die Chancen auf einen Freispruch am geringsten sind", empört sich auch Strangios deutscher Anwalt Frank Berlanda aus Lörrach. In Italien sitzt Strangio unter verschärften Haftbedingungen ein, selbst zu den Verhandlungen im Schwurgericht von Locri wird er nur per Video aus dem römischen Hochsicherheitsgefängnis Rebibbia zugeschaltet.

Neben Giovanni Strangio sitzen im Prozess noch 14 weitere mutmaßliche Mitglieder der Clans von San Luca auf der Anklagebank. Strangios Schwestern Angela und Teresa wurden bereits am 31. Mai 2011 zu acht und achteinhalb Jahren Haft verurteilt - wegen Mafia-Zugehörigkeit.

Cleverer Vertreter der neuen Generation 'Ndrangheta

"Giovanni Strangio ist alles andere als ein charismatischer Mafia-Boss", sagt der Chef des Mobilen Einsatzkommandos von Reggio, Renato Cortese und schaut müde auf die schmale, fein duftende Zigarre in seiner Hand. Der 46-Jährige ist eine Legende unter den Mafia-Jägern, er verhaftete zahlreiche namhafte Mafiosi, darunter den sizilianischen Super-Boss Bernardo Provenzano. Auch Strangio wurde von seinen Leuten in Amsterdam festgenommen.

"Er ist noch jung, ein cleverer Vertreter der neuen Generation der 'Ndrangheta, mobil, an schnelles Geld und Drogen gewöhnt, aber dennoch der traditionellen Blutrache verschrieben." Die ist das Hauptmotiv für die blutige Abrechnung in Duisburg, da ist sich Cortese sicher.

"Wir haben jede Menge Beweise - und die reichen für eine Verurteilung", bekräftigt Anti-Mafia-Staatsanwalt und 'Ndrangheta-Experte Nicola Gratteri. Vor allem von den Fahndern aufgezeichnete Gespräche hätten konkrete Hinweise auf die Täterschaft gegeben. Zudem habe man Strangios DNA und Schmauchspuren der bei dem Massaker verwendeten Munition in seinem Fluchtwagen gefunden.

Gratteri sitzt in seinem Büro im Justizpalast von Reggio, einer Art gemütlicher Hochsicherheitszelle mit Ledersofa, Grünpflanzen und Überwachungsmonitor. Seit 22 Jahren lebt er unter Polizeischutz - dass die Mafia ihn töten will, steht außer Frage.

"Die deutschen Ermittlungsbehörden haben einen großen Beitrag zur Aufklärung des Blutbads von Duisburg geleistet", sagt Gratteri, ein freundlicher Mann mit Koboldgesicht und wachen Augen. "Nach all den Jahren haben sie verstanden, wie tief die 'Ndrangheta die Gesellschaft in Deutschland bereits durchdrungen hat."

Beide Länder betonen die gute Zusammenarbeit der Ermittlungsbehörden. Tatsächlich klappt diese auf persönlicher Ebene unter den Polizisten offenbar hervorragend. Sobald es jedoch um die Weitergabe von Ermittlungsergebnissen geht, kommt es zu Verstimmungen.

Einheitliche Anti-Mafia-Gesetzgebung für Europa

Ob gemeinsame Datenbanken und eine Art EU-Gremium den nationalen Mafia-Beauftragten helfen könnten, den Informationsfluss zu verbessern? Gratteri wehrt ab. "Wenn ich etwas wissen will, fahre ich direkt zu den Kollegen hin, das ist schneller, effektiver - und günstiger."

Natürlich müsse sich die EU intensiv der organisierten Kriminalität widmen: "Wenn jeder Staat nur für sich ermittelt, werden wir es nie schaffen." Die 'Ndrangheta verkaufe ja nicht nur Drogen und bringe Tausenden jungen Menschen den Tod: "Sie stutzen der Wirtschaft die Flügel, sie konditionieren den freien Wettbewerb und verjagen Unternehmer, die dann in anderen Ländern investieren."

Das Problem: Deutschland, die Niederlande, Frankreich oder Spanien seien strafrechtlich nicht gewappnet für einen Kampf gegen die Mafia. Immer wieder käme es zu Verzögerungen, Kompetenzgerangel und Unstimmigkeiten. "Die erprobte italienische Anti-Mafia-Gesetzgebung sollte in ganz Europa einheitlich umgesetzt werden. Die nationalen Polizeien sollten auch in anderen Ländern ermitteln dürfen. Wir müssen als ein Staat agieren, nur so können wir mit der rasanten Entwicklung der Mafia Schritt halten."

Online-Durchsuchungen, Vorratsdatenspeicherung, Wanzen in Telefonen und Wohnungen: Die italienischen Ermittler setzen voll auf moderne Abhörtechniken und dürfen diese auch nutzen. "Wir sollten uns bei der Kriminalitätsbekämpfung nicht an Italien orientieren", warnt der Bundesbeauftragte für den Datenschutz Peter Schaar. "Der Kernbereich der Privatsphäre ist unantastbar, man kann doch nicht einfach ins Blaue hineinermitteln. Außerdem haben wir keine Mafia wie in Italien."

Das sieht Staatsanwalt Gratteri anders. Er weiß, wie die international agierende Holding namens Mafia, weltweit Drogen- und Waffendeals einfädelt und ihre geschätzten 44 Milliarden Euro Jahresumsatz geschickt in die legale Wirtschaft pumpt und lupenrein wäscht.

"Die Leute, die heute kommandieren und wirkliche Macht haben, sind Ärzte, Anwälte oder Ingenieure", sagt Gratteri. Die Söhne der großen Bosse würden studieren und säßen längst an den Verhandlungstischen der großen Unternehmen und Behörden. "Das ist der Qualitätssprung, die fundamentale Veränderung innerhalb der 'Ndrangheta."

Etwa 1800 von insgesamt 10.000 'Ndranghetisti hätten die kalabrischen Sicherheitskräfte in den vergangenen Jahren festgenommen. "Es ist eine gute Zeit für Ermittler - aber wir sind weit davon entfernt das Problem zu lösen", sagt Gratteri.

'Ndrangheta in Deutschland wieder voll aktiv

Blutige Auseinandersetzungen würden in Deutschland die Ausnahme bleiben, meint der Fahnder: "Wenn ich Geld waschen will, dann gehe ich nicht los und erschieße oder erpresse die Leute in meinem Umfeld. Ich suche mir einen schönen, sauberen Ort und investiere dort. Und ich erlaube niemandem, in der Region Verbrechen zu begehen."

Knapp vier Jahre nach dem Massaker kann es als gesichert gelten, dass die Mafia in Deutschland wieder auf vollen Operationsmodus geschaltet hat: "Wir haben konkrete Belege dafür, dass die italienische Mafia Nordrhein-Westfalen auch weiterhin als Transit-, Aktions- und Rückzugsraum nutzt", sagt Thomas Jungbluth, Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt in Düsseldorf.

Carabinieri aus Catanzaro nahmen im März weltweit 40 mutmaßliche 'Ndranghetisti fest - sechs von ihnen in Baden-Württemberg und Hessen. Im Februar ging den deutschen und italienischen Fahndern in einer Pizzeria in Oberhausen ein großer Fisch ins Netz: Bruno Pizzata, "König der Drogendealer".

Mitte März wurde er laut Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf nach Italien ausgeliefert. Ob der Super-Dealer eine Lücke in der Organisation hinterlasse? Mafia-Jäger Renato Cortese lacht bitter auf. "Vielleicht für zwei bis drei Wochen, dann wird er ersetzt." Es gebe keine exklusiven Rollen im Mafia-Geschäft. "Wenn einer aus San Luca kommt, dann reicht das als Qualifikation."