Mord an Elfjährigem: Schweigekartell der Killer-Kinder - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Mord an Elfjährigem Schweigekartell der Killer-Kinder

Rhys Jones galt als auffallend liebenswert. Mit Liverpools rivalisierenden Jugendbanden hatte der Elfjährige nichts zu tun und starb dennoch zwischen ihren Fronten. Die Polizei ahnt, wer den Fall klären, die Mordserie stoppen könnte - doch diese Leute hüllen sich in Schweigen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

London - Weinend knien Melanie und Stephen Jones vor dem Blumenmeer am Rande des Parkplatzes, auf dem ihr Sohn Rhys verblutete. Freunde und Fremde haben ihr Mitgefühl und ihre Anteilnahme an dem brutalen und sinnlosen Tod des Elfjährigen in Form von Briefen, Blumen und Spielzeug zum Ausdruck gebracht. "Jedes Tor, das ich schieße, wird für dich sein", hat einer seiner Freunde auf einen Zettel geschrieben und zwischen einen großen Teddybären und einen Schal des Fussballclubs Everton, dessen glühender Fan Rhys war, gelegt.

Die Polizei scheint dem Kampf zweier rivalisierender Jugendbanden machtlos gegenüberzustehen. Der kleine Rhys ist das bisher jüngste Opfer einer Mordserie an Minderjährigen in Großbritannien, die die Polizei und Politik in Atem hält. "Stell dich. Bitte gib' den Eltern nach dieser Tragödie ein wenig Frieden", richtete sich Vize-Polizeichefin Patricia Gallan via BBC an den Mörder.

Die Suche konzentriert sich Polizeiangaben zufolge auf einen 13- bis 15-Jährigen, der auf einem BMX-Rad angefahren kam, auf Rhys und dessen Freunde schoss und davonradelte, als der Elfjährige zusammenbrach. Bisher seien nur wenige Anrufe eingegangen, beklagt die Vize-Polizeichefin. "Wir sind darüber sehr enttäuscht. Ich brauche mehr Hilfe, um dieses Verbrechen aufzuklären", sagte Gallan "Sky News". "Dieser Mörder muss von der Straße." Es gebe genügend Leute, die genau wüssten, wer für den Mord an dem Jungen verantwortlich sei. "Wir brauchen Ihre Hilfe!", wandte sie sich noch einmal direkt an die Betroffenen.

Doch die Resonanz auf ihren Aufruf bleibt spärlich. Die Menschen im Liverpooler Stadtteil Croxteth, in dem Rhys Jones mit seiner Familie lebte, haben Angst. Bewohnern zufolge sollen Jugendliche hier Waffen wie Fußball-Sammelkarten austauschen. Eine Schusswaffe oder ein Messer in der Hosentasche gelten als Statussymbol unter den Teenagern.

Das eher gutbürgerliche Croxteth ist zwischen die Fronten der rivalisierenden Jugendbanden Crocky Eds und Nogzy Eds geraten, berichtet "The Guardian". In der Gegend sind laut "Times Online" im vergangenen Jahr 48 Jugendliche unter 18 Jahren wegen eines Waffendeliktes verhaftet worden. Innenministerin Jacqui Smith sagte, in Großbritannien seien einfach zu viele Waffen im Umlauf. Man dürfe aber auch nicht vergessen, dass die meisten Jugendlichen friedlich im Land lebten.

Sowohl Täter als auch Opfer: Beide sind meist Teenager

Videos, die bis vor kurzem bei YouTube kursierten, zeigen ein anderes Bild. Sie dokumentieren die Gewalt zwischen den beiden Banden aus Rhys' Nachbarschaft: Die Filme zeigen die Waffenarsenale der Crocky Eds und Nogzy Eds, zwei Gruppen, die nur Hass und Rache miteinander verbinden. Die Kamera schwenkt vom spießig-gepflegten Rasen zu einem Meer von Gewehren, bissigen Pitbulls und gestohlenen, umgebauten Autos. Im Hintergrund ertönt ein Schuss, dann fällt der Blick der Kamera wieder auf einen Haufen Maschinenpistolen, dann wieder auf drei furchterregende, die Zähne fletschende Kampfhunde. "Alle Kinder, die hier zu den Banden gehören, tragen Waffen", zitiert "The Guardian" einen 16-Jährigen. "Die überlegen nicht zweimal, bevor sie abdrücken."

Rhys Jones ist das jüngste Opfer der Mordserie unter Minderjährigen. Der Elfjährige träumte davon, Profi-Fußballer zu werden. Er schwärmte für die Spieler des FC Everton und war stolzer Besitzer einer Dauerkarte. Er war auf dem Heimweg vom wöchentlichen Fußballtraining - im Trikot seiner Lieblingsmannschaft, in Fußballschuhen und Schienbeinschützern. Mit zwei Freunden bolzte Rhys noch kurz auf dem benachbarten Parkplatz des "Fir Tree Pub". Da näherte sich ein Unbekannter, sein Gesicht unter einer Kapuze versteckt, auf einem BMX-Rad.

Ohne Vorwarnung feuert er drei Schüsse ab: Einer trifft ein geparktes Auto, ein anderer geht fehl, der dritte trifft Rhys Jones im Nacken. Der Täter radelt davon. Ein Besucher des Pubs sprintet zu dem verletzten Elfjährigen, dessen beide Freunde geschockt verharren. Jemand alarmiert einen Rettungswagen und die Polizei.

"Wer immer das getan hat, er muss gefasst werden"

Einer von Rhys' Trainern rast zum nahe gelegenen Elternhaus des Jungen, überbringt der Mutter die Nachricht. Melanie Jones eilt zu dem Parkplatz. Als sie eintrifft, hat ihr Sohn bereits das Bewusstsein verloren. "Er lag in einer riesigen Blutlache. Die Sanitäter versuchten eineinhalb Stunden lang, ihn zu reanimieren, aber sein kleiner Körper schaffte es nicht", zitiert "Daily Mail" die Mutter.

"Wer immer das getan hat, er muss gefasst werden", sagte Rhys' Vater, Stephen Jones. "Niemand soll noch einmal das durchmachen, was wir gerade durchleben: Den eigenen Sohn in seinem Blut liegen sehen, wie er um sein Leben kämpft."

"Das nächste Mal kann es Ihr Sohn, Ihr Bruder sein"

Ihr Sohn habe keiner Jugendbande angehört, sagt das Ehepaar Jones. Sein ganzes Interesse habe dem Fußball gegolten. "Mein Baby war nur elf Jahre alt", sagte Melanie Jones in einer ergreifenden Fernsehansprache. "Er hat das nicht verdient. Er wurde von hinten in den Nacken geschossen, mein Baby. So etwas darf nicht passieren, so etwas darf sich nicht wiederholen. Bitte, helfen Sie uns!"

"Die Welt hat einen guten Jungen verloren"

Mit tränenerstickter Stimme flehte die 41-Jährige, dass sich diejenigen melden sollen, die mehr wissen - auch wenn sie Angst davor haben. "Das nächste Mal kann es Ihr Sohn, Ihr Bruder sein, weil es wieder passieren wird, wenn der Täter nicht gefasst wird." Auch an den Schützen richtete sie sich persönlich: "Gib auf!" Sie seien am Ende ihrer Kräfte, sagte ihr Ehemann Stephen. "Wir haben unsere Welt verloren - und die Welt einen guten Jungen."

Polizeichef Bernard Hogan-Howe bezeichnete die tödlichen Schüsse auf den Elfjährigen als das schrecklichste Verbrechen der vergangenen 20 Jahre. Fieberhaft fahndet eine 100 Mann starke Sonderkommission nach dem Täter: Einem weißen, schlanken Jungen zwischen 13 und 15 Jahren, der ein schwarzes BMX-Rad fuhr, dunkel gekleidet, mit Kapuze und weißen Turnschuhen. Zwei kurz nach der Tat festgenommene 14- und 18-jährige Jungen aus Croxteth sind wieder auf freiem Fuß.

Rhys' Heimatort Croxteth mit den vielen Bäumen und Einfamilienhäusern gilt als Mittelklasse-Gegend, in der viele Familien und Pensionäre leben. Viele haben Angst vor den gewaltbereiten Teenagern. Premierminister Gordon Brown sagte, man habe es mit einer Serie von Morden unter Kindern zu tun. Es handle sich vor allem im Fall des kleinen Rhys um einen besonders "abscheulichen Mord, der das ganze Land schockiert".

War es eine Verwechslung - oder eine Mutprobe?

Allein in London sind seit Januar 17 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren getötet worden: Sechs wurden erschossen, der Rest bei Messerstechereien regelrecht niedergemetzelt. Ihre Mörder waren zwischen 16 und 22 Jahren alt. Auch in Nottingham, Birmingham, Blackpool, Liverpool und Manchester wurden Kinder von Altersgenossen ermordet. In Newcastle kam es fast zeitgleich mit dem Mord an Rhys zu einer Messerattacke auf einen 17-jährigen. Er liegt im Krankenhaus - mit fünf Stichwunden im Rücken.

Garry Newlove starb vor wenigen Tagen, weil er in Warrington eine Gruppe betrunkener Teenager gestellt hatte. Sie hatten das Fenster eines Baggers zerschlagen. Die Jungen gingen auf den 47-Jährigen los, traten wie besinnungslos auf ihn ein - und filmten den brutalen Anschlag mit ihren Handykameras.Der Vertriebsleiter starb im Krankenhaus. Neun Jugendliche wurden gefasst, zwei 15-Jährige und ein 16-Jähriger des Mordes angeklagt.

Im April wurden eine Zwölfjährige in Manchester und ein 15-Jähriger in seinem Elternhaus in London erschossen. Wenngleich die Polizei im letzteren Fall von einer Verwechslung sprach.

Das vermutet Jane Towey, eine Nachbarin der Familie Jones, auch im Mordfall Rhys. Der Junge sei "verrückt nach Fußball", "höflich und schüchtern" gewesen, sagte sie dem "Guardian". "Es muss sich um eine Verwechslung handeln. Wer sollte Rhys erschießen?" Andere munkeln, es habe sich um eine Mutprobe gehandelt und Rhys sei ein reines Zufallsopfer.

Rhys war "der beliebteste Junge der Schule", so eine Lehrerin

Rhys' Eltern finden nur schwer den Weg in ein Leben ohne ihren jüngsten Sohn. In einem Interview erzählten sie, wie sie aus der Klinik nach Hause kehrten. "Ich ging in sein Zimmer, in dem er eigentlich schlafen sollte, öffnete seinen Kleiderschrank und sah seine Schuluniform, die wir gerade erst für die Senior School gekauft haben. Sein neuer Füller, die Buntstifte – alles nagelneu."

Der Elfjährige mit den großen blauen Augen sollte in zehn Tagen auf die neue Schule wechseln. Er sei "der beliebteste Junge der Schule" gewesen, sagte einer seiner ehemaligen Lehrer laut "Times Online". Rhys galt als klug und aufgeschlossen. "Er war ein Junge, der so vieles aus sich hätte machen können", ergänzt sein ehemaliger Schuldirektor Mark Coleman. "Er wäre vielleicht ein brillanter Arzt geworden, er hätte alles werden können." Seine Klassenlehrerin, Elaine Spencer, beschreibt Rhys als einen außergewöhnlich "liebevollen, hilfsbereiten Jungen".

Auch Rhys' Lieblingsverein, der Everton-Club, zeigt Mitgefühl am tragischen Tod des Elfjährigen. Morgen soll es vor dem Spiel eine Schweigeminute geben. Und alle Spieler werden schwarze Armbänder tragen.