Mord-Prozess in Berlin "Sie war kaputt, am Ende"
Berlin - Der Zeuge erinnert sich genau an jenen Wortwechsel, den er damals mit seiner Ex-Freundin führte. Samstag sei ihr letzter Tag, sie habe genug vom Leben, soll sie ihm gesagt haben. "Willst du dir etwas tun?", fragte er. "Alles kann geschehen", antwortete sie. Um ihre kleine Tochter Amani könne sich ja der Staat kümmern. Zwei Wochen nach diesem Gespräch wird die achtjährige Amani mit durchschnittener Kehle in einer Parkanlage im Berliner Stadtteil Wilmersdorf gefunden.
Nun führt die 32. Strafkammer des Berliner Landgerichts einen Indizienprozess gegen die Mutter des Mädchens. Mit unbewegtem Gesicht sitzt die hübsche, rundliche 33-jährige Teshua K. vor ihren Richtern. Am ersten Verhandlungstag verliest Verteidigerin Beate Böhler im Namen ihrer Mandantin eine Erklärung: "Die Ermordung meiner Tochter ist für mich das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Ich weiß nicht, wer ihr das angetan haben könnte und warum. Ich bin mir absolut sicher, dass ich sie nicht getötet habe."
Zwischen Voodoo und Reinkarnation
Fast zwei Tage suchte die Polizei im Mai 2007 nach Teshua K. Sie war plötzlich verschwunden. Erst am späten Abend des 6. Mai tauchte K. im Wohnheim für obdachlose Familien auf, in dem sie mit ihrer Tochter wohnte. Dort wurde sie von Polizeibeamten durchsucht. In ihrer Tasche befanden sich Bahnfahrkarten, Berlin-Hamburg und zurück, sowie ein kleines, sauberes Cuttermesser. Am Boden der Tasche entdeckte ein Ermittler einen braunen Fleck, er hielt ihn für Schmutz. Später untersuchte man diesen Fleck genauer es war das Blut von Amani.
Ihre Mandantin, erklärte die Anwältin, habe keinerlei Erinnerung an den 5. Mai 2007, den Tag an dem Amani getötet wurde. Vier Sitzungstage sind mitterweile vergangen, 17 Zeugen wurden gehört. Darunter etliche, die beschreiben, wie liebevoll und geduldig sich die alleinerziehende Mutter um ihre Tochter kümmerte. Doch es mehren sich die Hinweise auf eine seelische Erkrankung der Angeklagten. Sollte die forensische Gutachterin zu diesem Ergebnis gelangen, wird Teshua K. nach ihrem Prozess in der Psychiatrie untergebracht.
Schon ein, zwei Jahre vor jener schrecklichen Tat, so schildert es ihre Freundin Joyce vor Gericht, "redete Teshua wildes Zeug". Sie sprach von Voodoo und von Reinkarnation. "Es wurde immer extremer." So behauptete die Angeklagte etwa, sie sei in einem früheren Leben die Mutter ihres Vaters gewesen. Auch glaubte sie, Amani sei Opfer sexueller Übergriffe geworden. Ein Gynäkologe bestätigte diesen Verdacht jedoch nicht.
Abstieg in Raten
Das Leben der jungen Frau, die jetzt der Tötung ihres Kindes verdächtigt wird, verlief anfangs ziemlich durchschnittlich. Teshua K. wuchs als Kind eines Ghanaers und einer Deutschen in einem gutbürgerlichen Viertel Westberlins auf. Ihre Eltern besaßen ein Haus, damals, als der Vater noch nicht das Geld der Familie durchgebracht hatte. Den Kontakt zu ihrer Mutter beschreibt die Angeklagte als gut, den zu ihrem Vater als problematisch. Sie war 13 Jahre alt, da musste ihr Vater wegen "Unterschlagung von Nazi-Dokumenten" ins Gefängnis. Das sprach sich herum.
K. soll eine begabte Schülerin gewesen sein. Nach dem Abitur begann sie, Politik zu studieren, bis sie 1998 einen Mann von der Elfenbeinküste kennenlernte, heiratete und bald schwanger wurde. Als ihre Tochter im Januar 1999 geboren wurde, hatte ihr Mann sie bereits verlassen. Er habe sich nur selten um Amani gekümmert, sagt K.
Nach der Geburt veränderte sich die hübsche, schlanke, lebenslustige Frau. Sie wurde ängstlicher, nahm extrem zu und fühlte sich schlapp. Ihre Kraft reichte kaum für die Betreuung ihrer Tochter. Durch die enorme Gewichtszunahme passte K., die sich vorher gern adrett kleidete, nicht mehr in handelsübliche Kleidung. Sie verlegte sich auf weite, afrikanische Gewänder.
Damals meinte die junge Frau, sie leide an einer Stoffwechselkrankheit. Während der Haft nahm sie hingegen rapide ab, wie eine Bekannte bemerkte. K.s Ex-Freund berichtet von Zuckerlösungen, die sie regelmäßig trank und von vielen Tabletten. Manchmal ging sie zudem monatelang nicht auf die Straße. Sie versank in sich selbst und in Armut.
"Sie war nicht mehr die Teshua, die ich kannte"
Anfang 2007 konnte die arbeitslose Frau ihre Wohnung nicht mehr bezahlen. Drei Wochen vor Amanis Tod zog sie mit ihr in ein Obdachlosenwohnheim. Der Tiefpunkt war erreicht.
"Sie war nicht mehr die Teshua, die ich kannte", so Freundin Joyce. "Sie war kaputt, war am Ende, konnte nicht mehr." Auch die Eltern der Angeklagten, die vor Gericht die Aussage verweigern, müssen sich um ihre Tochter gesorgt haben. Vor zwei Jahren wollten sie Amani zu ihrem Vater geben.
Einsam und fast isoliert muss die Angeklagte die letzten Monate vor der Tat verbracht haben, zum Schluss sprach sie noch nicht einmal mit ihren Mitmenschen, sagt die Frau des Heim-Hausmeisters. Sie hätte oft das Gefühl gehabt, von niemandem gemocht zu werden, erinnert sich ihr Ex-Freund, den sie nach sechs Wochen aus ihrer Wohnung geschmissen hatte.
Ein enger Bekannter ergänzte, K. habe an Gedächtnisverlust gelitten. Ihm gegenüber sagte die Angeklagte, sie benötige eine Psychotherapie. Sie wolle sich aber erst in Behandlung begeben, wenn Amani groß ist. Im Gerichtssaal zeigt K. diesem Bekannten den Stinkefinger er ahnt warum: Sie wirft ihm vor, sich nicht genug um sie gekümmert zu haben. Damit könnte sie Recht haben.