Mordfall in Washington Ende einer Hatz
Die Presse sieht sich als vierte Gewalt im Staate, und wohl nirgendwo wird das so schön zelebriert wie in Amerikas Hauptstadt. Die Exekutive hat dort ihr Weißes Haus, die Legislative hat ihr Capitol, die Judikative ihren Obersten Gerichtshof, alles strahlend schöne Gebäude in bester Lage.
Und der Journalismus hat: das "Newseum", ein Tempel für die Medienbranche, mitten im Herzen Washingtons. Rund 450 Millionen Dollar war die Einrichtung teuer, draußen ist der Verfassungszusatz zur Pressefreiheit in Stein gemeißelt, drinnen thronen Erinnerungsstücke an die großen Skandale, die mutige Reporter aufdecken halfen: Watergate, Iran-Contra, die Lewinsky-Affäre. Ein Walhalla der Medien-Aufklärung.
Ob sie dort bald auch neue Andenken zum Mordfall Chandra Levy aufnehmen? Die 24-jährige Praktikantin war im Mai 2001 beim Joggen in Washingtons Rock Creek Park spurlos verschwunden, ihre Leiche wurde knapp ein Jahr später entdeckt.
Es wäre ein schönes Ausstellungsstück für eine Art von Journalismus, der manchmal auch in Blutsport ausarten kann. Die Gefahr besteht natürlich auf der ganzen Welt, auch in Deutschland. Aber weil in Washington mit so hohen Einsätzen gespielt wird, ist die Gefahr dort vielleicht einen Tick größer.
Vincent Foster, ein Clinton-Topmitarbeiter, der sich vor dem Medien-Dauerfeuer über nie belegte Grundstücks-Skandale in den Selbstmord flüchtete, schrieb in seinem Abschiedsbrief: "In dieser Stadt ist es ein Sport, den Ruf von Menschen zu zerstören."
In diesem Sinne lassen die vielen "breaking news"-Berichte am Wochenende, dass im Mordfall Chandra Levy ein in US-Haft einsitzender Salvadorianer namens Ingmar Guandique als Mörder verhaftet werden soll, ein Detail oft aus: dass nämlich sehr viele US-Medien einen Mann zum Killer von Levy abgestempelt haben, der damit wohl gar nichts zu tun hatte. Gary Condit, ein demokratischer Kongressabgeordneter.
Der Nicht-Vorzeige-Ehemann ein Mörder?
Man erinnere sich: Die Sache Levy war im Sommer 2001 die größte Story seit der Lewinsky-Affäre. Für Journalisten - vor allem von den aufstrebenden 24-Stunden-Kabelsendern - schien die Geschichte fast zu schön, um wahr zu sein. Levy war ein unschuldig aussehendes Mädchen, von der fernen Westküste für ein Praktikum in die Hauptstadt gekommen, idealistisch und voll Tatendrang.
Sie wollte in die Politik, was verändern, und sie fand Condit, den Abgeordneten ihres Heimatstaates Kalifornien, unwiderstehlich. Bald hatten die beiden eine Affäre. Condit war verheiratet, 53 Jahre alt, seine Tochter war zwei Jahre jünger als seine Geliebte. Der Kalifornier profilierte sich gerne als aufrechter Kämpfer für Familienwerte, über Bill Clintons Sex-Fehltritte hatte er sich lautstark ereifert.
Condit brachte also alle Voraussetzungen für die Rolle des Medien-Buhmanns mit - und spielte diese Rolle unfreiwillig glänzend. Die Affäre mit Levy gestand er erst nach langem Leugnen, als deren Tante Unterhaltungen mit ihrer Nichte darüber publik machte. In einem TV-Interview wich der Abgeordnete Fragen nach Levys Verschwinden aus. Eine andere Ex-Geliebte meldete sich öffentlich. Condit wurde überrascht, als er vor der Durchsuchung seiner Wohnung ein Frauen-Geschenk verschwinden lassen wollte.
Nicht gerade ein Vorzeige-Ehemann, dieser Condit, gewiss.
Doch auch ein Mörder?
Für viele Medien war der Fall ganz klar: Ein TV-Reporter simulierte ein Telefongespräch, wie der Ehebrecher die Geliebte in den Park lockte. Die Sender spekulierten über ungewöhnliche Sex-Vorlieben Condits und eine mögliche Schwangerschaft der Praktikantin als Mord-Motiv, sie unterstellten dem Parlamentarier eine frühere Affäre mit einem Teenager - die nur erfunden war. Sie ließen die Eltern der Toten ausführlich zu Wort kommen, gebrochen natürlich, die sagten: "Mein Gefühl ist, dass sie noch am Leben sein könnte, wenn sie Condit nicht getroffen hätte." Es wirkte: In Meinungsumfragen äußerten viele Amerikaner sich überzeugt, Condit sei eindeutig der Mörder.
Dabei ging unter, dass er nie offiziell als Verdächtiger galt. Wenig beleuchtet blieb auch der vielleicht noch größere Skandal in dem Fall: dass nämlich die Polizei ausgesprochen schlampig ermittelte. Denn schon kurz nach Levys Verschwinden wurde ihr mutmaßlicher Mörder Guandique verhaftet - weil der 27 Jahre alte Mann zwei andere Joggerinnen in dem Park mit Messern angegriffen hatte. Nach der Festnahme zeigten ihm die Polizisten Bilder von Levy.
Die Polizei verzettelte sich beim Ermitteln - und schlampte
Der Mann aus El Salvador sagte, er habe sie gesehen, aber nicht angegriffen. Am Tag von Levys Verschwinden war er nicht bei seinem Job in einer Baufirma aufgetaucht, ein Bekannter sagte später, Guandique habe an dem Tag ausgesehen, als sei er in einen heftigen Kampf verwickelt gewesen. Freunde berichteten, er sei in der Zeit vor den Messerattacken und Levys Verschwinden aggressiv gewesen, habe seine Freundin bedroht, zu trinken begonnen.
Doch die Polizei konzentrierte sich lange nicht auf die Ermittlungen gegen ihn, sie verhörte die beiden Opfer nicht. Sie verschlampte die Durchsuchung seiner Sachen so lange, bis die meisten weggeworfen waren - und fand Levys Leiche lange nicht, auch weil die Durchsuchung ihres Computers vermasselt wurde, die Hinweise auf ihre Joggingroute im Rock Creek Park gab. Guandique wurde nur wegen der Messerangriffe verhaftet, er sitzt noch immer in einem Gefängnis in Kalifornien. Ein Mithäftling sagte aus, Guandique habe den Mord an der Praktikantin gestanden. Doch weil der einen Lügendetektortest vermasselte, wurde auch diese Spur bald wieder ignoriert.
Das Medien-Sperrfeuer gegen Condit brach erst mit den Anschlägen vom 11. September ab. Osama Bin Laden löste Condit als Buhmann ab. Für den war das nur ein begrenzter Segen. Seine Wiederwahl verlor der einst sicher gesetzte Abgeordnete im kommenden Jahr deutlich, er zog nach Arizona statt in die Heimat zurück. Condit verklagte ein paar Boulevardblätter, doch der gewaltige Schatten über seinem Namen war ohnehin nicht mehr zu vertreiben - dass er vielleicht doch nicht nur ein schlechter Ehemann, sondern auch ein mörderischer Liebhaber ist.
Dass der nun verschwinden dürfte, hat der Ex-Parlamentarier ironischerweise wohl auch Medien mitzuverdanken. Die "Washington Post", vielleicht auch aus schlechtem Gewissen, hat in den vergangenen Jahren nicht lockergelassen in dem Fall und immer wieder nachgebohrt, was die Polizei wohl zum Durchhalten anregte. In einer 13-teiligen Serie im Vorjahr hatte die "Post" schon Guandique als mutmaßlichen Täter ausgemacht. Die Zeitung berichtete nun auch als eine der Ersten ausführlich über die neuen Entwicklungen: Polizeiquellen berichten von einem "Durchbruch" bei den Entwicklungen, die einen Haftbefehl gegen Guandique rechtfertigten. Von einer DNA-Spur wird berichtet, doch eine offizielle Bestätigung dafür steht noch aus.
Condit hat sich nur knapp zu Wort gemeldet: "Ich hatte immer gehofft, meine Seite der Geschichte erzählen zu können, doch niemand wollte sie hören." Der Mediengesellschaft scheint auch er nicht abgeschworen zu haben: Er plane ein Buch über seine Sicht der Dinge zu schreiben, ließ er PR-wirksam gleichzeitig verlauten.