Mordfall Plochingen "Heute eliminiere ich euch alle!"
Bestattungsunternehmer vor dem Haus der Familie in Plochingen: "Ich wollte das nicht"
Foto: Oskar Eyb/ dpaIhre Kinder nannte sie Tamara, Tobias, Tim, Tom und Thilo. Ihre Vornamen sollten mit dem gleichen Buchstaben beginnen wie der des Vaters. Heute haben die fünf Geschwister keinen Papa mehr. Thomas W. ist tot, und seine Frau Sabine, Mutter der fünf Kinder, muss sich wegen Mordes vor dem Landgericht Stuttgart verantworten.
Sabine W. hat schütteres, schulterlanges, braunes Haar. Sie trägt eine Brille und einen türkisfarbenen Kapuzenpulli, zwischen Brust und ihre gefesselten Handgelenke hat sie Akten geklemmt, als sie den fast fensterlosen Saal 6 betritt. Die Untersuchungshaft hat Spuren hinterlassen. Man würde die 41-Jährige älter schätzen.
Sabine W. hat am 23. Januar in ihrem Haus in Plochingen, einem Vorort von Stuttgart, ihren Ehemann erschossen. Daran gibt es keine Zweifel. Die gelernte Arzthelferin hat selbst die Polizei alarmiert und umfangreich in den Vernehmungen Tat und Vorgeschichte geschildert. Sie sagt, sie habe ihre Kinder vor ihrem Vater schützen wollen.
Die Eltern wollen nur das Beste für Sabine
Das klingt im ersten Moment nach jahrelanger Tortur, Gewaltexzessen, psychischen Misshandlungen. Für Sabine W. war es das vielleicht auch. Was sie am Donnerstag vor Gericht schilderte, ließ allerdings Zweifel aufkommen.
Warum tötet eine Frau den Vater ihrer fünf Kinder - und nimmt ihnen so auch die Mutter?
Sabine und Thomas lernen sich im Tanzkurs kennen. Der damals 19-Jährigen imponiert es, dass sich Thomas W. angemeldet hat, obwohl er schon 25 Jahre alt ist. Sie verstehen sich auf Anhieb. Thomas hat ein Pferd, die Wochenenden verbringen sie auf dem Reiterhof. Sie reisen nach Venedig, ins Elsass und fliegen für gemeinsame Urlaube ans Mittelmeer.
Keine drei Jahre später ziehen sie in eine Eigentumswohnung in Plochingen, die Sabines Eltern gehört. Sie wohnen ebenfalls dort, für ihre Tochter, ein Einzelkind, wollen sie das Beste. Geld spielt keine Rolle, Sabine soll es gut haben. 1993 wird mit einem großen Fest geheiratet. Das junge Ehepaar baut ein Haus in Plochingen, im Wert von einer Million Euro. Im Dezember 1994 ziehen sie ein. Sie träumen von zwei bis vier Kindern, eine Fehlgeburt bremst das Glück.
Thomas will Sabine auffangen, ihr beistehen. Er überredet sie, gemeinsam einem Schützenverein beizutreten. Thomas liebt das Schießen, fährt mindestens einmal pro Woche zum Schießstand. Sabines Begeisterung stagniert, als sie 1998 endlich Mutter wird - Tamara wird geboren.
Der junge Vater ist ganz vernarrt in das Mädchen, zeigt sich liebevoll. So beschreibt es Sabine W. am Donnerstag vor Gericht. Als die Kleine im Skiurlaub Fieber hat und viel schreit, ist er jedoch genervt. "Aber das war nicht beängstigend", betont die Angeklagte.
Der Vater entfremdet sich von den Kindern
Zwei Jahre später wird Tobias geboren. Als er krabbeln kann, alles anfasst und antatscht, zeigt sich Thomas W. erneut unwirsch, schlägt dem Jungen auf die Finger. Seine Frau missbilligt das. "Eigentlich waren wir uns einig, dass wir die Kinder nicht schlagen." Im Urlaub auf Mallorca bezieht Thomas W. ein eigenes Hotelzimmer, Sabine schläft bei den Kindern.
Der Grundstein für ein Ungleichgewicht innerhalb der Familie scheint gelegt. Sabine W. kümmert sich um die Kinder, jobbt nebenbei, Thomas W. verdient das Geld. So bleibt es auch, als das dritte Kind, Tim, geboren wird.
Thomas W. reagiert gereizt, wenn der Jüngste an den Knöpfen der Stereoanlage herumdrückt. Er zeigt sich unbeeindruckt, wenn sich die Kinder aus Versehen im Badezimmer einschließen. Er raucht genüsslich seine Zigarette zu Ende, bevor er ein ausgebüxtes Kind einfängt. Er sieht nicht ein, die Kinder zu hüten, wenn seine Frau arbeiten muss oder zum Arzt oder Friseur will. Er weigert sich, gemeinsam mit den Kindern an Weihnachten den Tannenbaum zu schmücken.
"Da war auf einmal eine furchtbare Panik, er tut den Kindern etwas an"
Seine bodenlose Ignoranz und Gleichgültigkeit setzen Sabine W. zu. Doch gegen seine kruden Marotten wehrt sie sich auch nicht: So akzeptiert sie, dass sie vorübergehend das Duschen einstellen muss, und er wöchentlich den Wasserverbrauch notiert, um sie zu kontrollieren. Einmal rechnet er Sabine W. vor, dass sie insgesamt 21 Stunden pro Monat mit ihrer Mutter telefoniere.
Ein anderes Mal verbietet er der Familie, den Garten zu betreten. Zur Kontrolle sucht er nach umgeknickten Grashalmen. Immer wieder denkt Sabine W. an Trennung, droht sie an, meist geht er dann kurz spazieren und verspricht danach, alles werde nun besser werden.
Doch es wird nichts besser. Thomas erleidet 2008 einen Herzinfarkt. Er muss abnehmen und das Rauchen aufgeben. Kurz darauf kündigt sich das nächste Kind an. Als der Verdacht aufkommt, es könne behindert sein, habe Thomas sie beruhigt. Wenn das Kind behindert sein sollte, stehe man auch das gemeinsam durch. Für Sabine W. müssen diese Worte wie pure Ironie geklungen haben.
Längst ist sie dahinter gekommen, dass ihr Mann eine Geliebte hat. Es schmerzt sie, als sie E-Mails findet - voller Worte der Zuneigung. "Ich lernte einen ganz anderen Menschen kennen: einfühlsam, verständnisvoll - so wie er zu uns nie war", sagte Sabine W. vor Gericht.
Die beiden jüngeren Kinder waren für ihn ein "Störfaktor"
Trotzdem entscheiden sie sich gemeinsam, wie sie sagt, dass Nachzügler Tom nicht wie ein Einzelkind aufwachsen soll. Kind Nummer fünf, Thilo, wird im Mai 2010 geboren. Fünf Monate zuvor hat Thomas W. sein Verhältnis mit seiner Geliebten beendet - es ist sein Geschenk zum 40. Geburtstag seiner Frau.
Sabine W. hat sich, ihren Schilderungen vor Gericht zufolge, mit den Besonderheiten in ihrer Ehe arrangiert: Sie isst gemeinsam mit den Kindern, ihr Mann schottet sich ab. Fragt sie ihn, ob er etwas mit der Familie unternehmen will, schickt er sie alleine mit den Kindern los.
In den zwei Monaten vor der Tat spitzt sich die Stimmung zu, so zumindest behauptete es die fünffache Mutter auf der Anklagebank. Im November 2010 habe Thomas W. den ausgerissenen Tom, keine zwei Jahre alt, unbeirrt Richtung Neckar rennen lassen. "Lass ihn laufen! Dann ist er weg und stört nicht mehr!", soll er gerufen haben, sagt Sabine W. unter Tränen.
Am Silvestertag sei sie zufällig dazugekommen, als Thomas W. den kleinen Tom ertränken wollte. "Das hat jetzt ein Ende", habe er sie angeherrscht. Gerade die beiden jüngeren Jungen seien "ein Störfaktor" für ihn gewesen. Weil er nicht wusste, wie viel Liter 1000 Milliliter sind, habe Thomas W. einen der älteren Söhne am Genick vor den Spiegel gezerrt und ihn gezwungen zu sagen: "Ich bin blöd!"
An einem Samstag, einen Tag vor der Tat, habe sich Thomas W. bei seiner Frau über seine Chefin ausgelassen. Zuvor hatte er ihr lange Zeit verschwiegen, dass er keine Projekte mehr leiten durfte. Es liege an seiner Art, habe ihm seine Vorgesetzte vorgehalten.
Am Abend sitzt Sabine W. wieder einmal alleine mit den Kindern am Esstisch. Erst als die Familie fertig ist und auf der Couch faulenzt, setzt sich Thomas W. mit seinem Abendbrot dazu. Der Zweitjüngste wirft ein Glas voller Salzstangen um, da stürmt der Vater auf ihn zu, schlägt den Unterarm des Jungen auf den Tisch. "Papa, aua!", ruft der Kleine. Sabine W. weint hemmungslos, als sie die Szene vor der 1. Schwurgerichtskammer beschreibt.
"So, Motzki, jetzt bist du dran"
Die älteren Kinder hatten sich seit einiger Zeit angewöhnt, sich nachts in ihren Zimmern einzuschließen. So auch in dieser Nacht - aus Angst vor dem Vater.
Am nächsten Morgen steht Thomas W. als letzter auf. Es ist 10 Uhr, als er in die Küche kommt. Ob er zum Mittag auch Fischstäbchen wolle, fragt ihn Sabine W. Nein, er wolle frischen Lachs. Ob er mit der Familie einen kleinen Spaziergang nach dem Essen machen wolle? Nein, er gehe selbst gleich los, allein.
Als er das Haus verlassen will, staubsaugt Sabine W. den Flur. Tobias, der Zehnjährige, hantiert währenddessen mit dem Schrubber herum. Die Plastikspitze klackert über den gefliesten Boden. Er solle damit aufhören, verlangt der Vater. Tobias werkelt weiter. "Du stellst das ab!", befiehlt er seiner Frau.
Als er zurückkommt, hat Tobias noch immer den Schrubber in der Hand. "Heute eliminiere ich euch alle!", soll Thomas W. daraufhin gerufen haben. Und: "Heute stelle ich das ab!" Sabine W. sagt, sie habe Angst gehabt, furchtbare Angst. "Ich wusste, es ist anders als sonst. Da war auf einmal eine furchtbare Panik, er tut den Kindern was an!"
Entschlossen läuft sie in den Keller zum Waffenschrank, öffnet den Tresor, schnappt sich eine Springfield Kaliber 45, holt das Magazin raus, füllt es mit Munition, stürzt nach oben. Sabine W. hat zu diesem Zeitpunkt seit 13 Jahren nicht geschossen.
Thomas W. steht im Wohnzimmer, einer ihrer Söhne habe gerufen: "Mama, ich bin der nächste!" Ihr Mann habe Tom gedroht: "So, Motzki, jetzt bist du dran!" Sie habe geglaubt, er würde den Jungen vom Balkon drei Meter in die Tiefe werfen. Sie und ihr Ehemann hätten sich "fürchterlich angeschrien".
"Zwing mich nicht, etwas zu tun! Hör auf! Lass es!", habe sie gerufen und ihm die Waffe vorgehalten. Er habe entgegnet: "Heute hält mich nichts auf!"
"Eigentlich ist sie schon gestraft genug"
Dann habe sie die Waffe entsichert und geschossen. Laut Staatsanwaltschaft wähnte sich Thomas W. in diesem Moment in "völliger Sicherheit". Sabine W. traf den 47-Jährigen drei Mal: Von hinten in den Oberkörper, seitlich in die Nähe des Herzens, einmal in den Oberschenkel. Bis heute ist unklar, wer von den Kindern die tödlichen Schüsse mitansehen musste.
"Ich dachte, der bringt uns alle um!", sagte Sabine W. weinend vor Gericht. Sie habe mit allem gerechnet. "Womit denn", will die Vorsitzende Richterin Regina Rieker-Müller wissen. "Schubsen, Treten, Würgen." Ob er das je in der Vergangenheit getan habe, hakt die Richterin nach. "Er hat mich während der Schwangerschaft gekniffen und mich einmal so geschubst, dass ich aus dem Stand umfiel."
In Trance habe sie die Kinder, die meisten noch im Schlafanzug, eingepackt, sei zu ihren Eltern gefahren, habe alles erzählt und schließlich die Polizei alarmiert.
"Mir tut es so leid", schluchzte Sabine W. am Donnerstag. "Ich wollte das nicht. Ich wollte ihn aufhalten. Ich wollte, dass es als Familie weitergeht. Ich wollte den Kindern nicht den Vater nehmen."
Thomas W. mag in seiner Erziehung grob gewesen sein und in vielen Situationen sicher schwere pädagogische Fehler gemacht haben. Doch er hat weder seine Frau noch seine Kinder so verprügelt, dass sie die Polizei alarmierte oder rechtliche Schritte gegen ihn erwog. Thomas W. trank keinen Alkohol, er konnte offensichtlich schon nüchtern ein Ekel sein. Handelte Sabine W. in Notwehr?
Laut Akten hing ein Arm des Toten aus dessen Hemd, es war aufgeknöpft, die Ermittler vermuten, dass Thomas W. kurz vor den Schüssen seinen Blutdruck maß. War die Situation tatsächlich so bedrohlich und angsteinflößend?
Vielleicht konnte die fünffache Mutter vor Gericht die Dimension ihres Leids nicht überzeugend transportieren, weil sie das Leben in diesem trostlosen, ungerechten Familienkonstrukt mürbe gemacht hat. Welches Motiv könnte sonst dahinterstecken?
Nebenkläger im Verfahren sind das Jugendamt im Namen der Kinder und die Eltern des Getöteten. "Ich bin nur hier, weil ich endlich wissen will, wie es dazu gekommen ist, denn das ist mir noch immer ein Rätsel", sagt Max W., Vater des Toten. Was er in Saal 6 über seinen Sohn hört, passt nicht zu dem Bild, das er von ihm hat. Auch Arbeitskollegen und Nachbarn würden sich wundern.
"Eigentlich ist sie schon gestraft genug, weil sie sich selbst die Kinder genommen hat", sagt Max W. Die fünf Geschwister leben zurzeit in einem SOS-Kinderdorf. Sie glauben, dass sie nach dem Prozess wieder mit ihrer Mama in ihrem Zuhause wohnen werden.