Münchner Mordfall 13 Schüsse in der Garage
Dirk Poschinger-Camphausen: In der Garage mit 13 Schüssen getötet
Foto: PolizeiHamburg - Nach außen hin gibt sich Rainer H. ruhig, gefasst, nahezu gelassen. So hatte er sich auch in den Vernehmungen verhalten: Bloß nicht die Contenance verlieren. Mit dem Mord an Dirk von Poschinger-Camphausen, einem Mann aus bester Gesellschaft, will der 40-jährige Münchner nicht in Verbindung gebracht werden.
Der Fall hatte Anfang des Jahres für Aufsehen gesorgt: Zunächst wurde der Investmentmanager aus München-Bogenhausen als vermisst gemeldet, drei Tage später fand man seine Leiche. Rainer H. wurde als mutmaßlicher Mörder festgenommen. Er bestreitet die Tat.
Ab 2. November muss sich der gelernte Energieelektroniker wegen Mord aus Habgier und Raub vor dem Münchner Landgericht verantworten. Die Beweise, die die Staatsanwaltschaft vorlegt, sind erdrückend.
Laut Anklage träumte Rainer H. seit Jahren davon, ohne große Anstrengung ans große Geld zu kommen. Die 2000 Euro netto, die er als Hausmeister bei einem der größten deutschen Bauunternehmen verdiente, reichten ihm nicht.
Bereits im Sommer 2008 soll H. geplant haben, den Besitzer eines hochwertigen Autos zu töten, um so an den Wagen zu kommen, ohne den Kaufpreis zu bezahlen. Den Ermittlern zufolge bestellte er im Dezember 2008 zwei Leichensäcke im Internet. Doch dafür, dass Rainer H. jahrelang an dem Plan gefeilt haben soll, war die Ausführung recht dilettantisch.
"Herr Arnold" erschleicht sich das Vertrauen des Opfers
Ein Jahr lang hatte Rainer H. laut Anklageschrift die beiden grünen Säcke in seiner Garage aufbewahrt, als Dirk von Poschinger-Camphausen im Internet seinen Audi A 8 Quattro inseriert - für 53.999 Euro. Für knapp die Hälfte hatte der 36-Jährige, ehemals Banker bei JP Morgan und Morgan Stanley und zuletzt Direktor einer Investmentgesellschaft in München-Schwabing, den schwarzen Wagen selbst im Internet ersteigert. Er hat nur 4000 Kilometer auf dem Tacho, neu würde er rund 90.000 Euro kosten. Das Surfen im Netz und Onlineauktionen gehören zu den Hobbys Poschinger-Camphausens.
Den 233 PS starken Wagen fährt er eine Zeitlang, entscheidet sich dann zum Weiterverkauf.
Am 18. Dezember 2009 kontaktiert Rainer H. den Manager und gaukelt diesem vor, er heiße Arnold und agiere im Auftrag eines bulgarischen Geschäftsmannes namens Filip Kirkorov, der in München eine Firma betreibe und eine Limousine als Dienstwagen suche. Drei Tage später treffen sich die Männer zu einem Besichtigungstermin in Bogenhausen, man ist sich auf Anhieb sympathisch. Poschinger-Camphausen erzählt seiner Frau nach dem Treffen, "Herr Arnold" habe einen Münchner Akzent und wirke sehr freundlich.
Am 13. Januar 2010, so belegen es die Ermittlungen, mailt Rainer H. die notwendigen - gefälschten - Unterlagen wie Handelsregisterauskunft und Kopie des Reisepasses an Poschinger-Camphausen und täuscht vor, sie stammten von Kirkorov. Poschinger-Camphausen schöpft keinen Verdacht, er setzt noch am selben Abend einen Kaufvertrag über 50.000 Euro auf. Am nächsten Tag sollte der Verkauf laut Anklage abgewickelt werden.
SMS an die Ehefrau: "Es ist alles in Ordnung"
Um 8.45 Uhr macht sich Poschinger-Camphausen an jenem Donnerstag mit dem Audi auf den Weg. Seine Ehefrau hat ein ungutes Gefühl, sie will ihn begleiten, Poschinger-Camphausen beruhigt sie und fährt alleine. Kurz nach 9 Uhr schreibt er ihre eine SMS, alles sei in Ordnung.
Rainer H. indes hat um 8 Uhr an seinem Arbeitsplatz gestempelt, um notfalls ein Alibi zu haben. Er lässt sein Privat- und sein Firmenhandy zurück und macht sich mit der U-Bahn und einem Mobiltelefon, das er laut Staatsanwaltschaft extra zur Ausführung der Tat besorgt hat, auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt.
Um 9.30 Uhr fahren die Männer den Ermittlern zufolge los, Rainer H. lockt den ahnungslosen Manager nach München-Laim, wo der erfundene Kirkorov angeblich seine Firma habe. Tatsächlich steuern sie Rainer H.s Zuhause an. Poschinger-Camphausen glaubt laut Staatsanwaltschaft zu diesem Zeitpunkt noch fest an einen fairen Verkaufsdeal.
Schüsse "in kurzer Folge und auf kurzer Distanz"
In Laim angekommen soll H. den arglosen Familienvater in die Garage gelotst und mit einer halbautomatischen Pistole der Marke Ruger Kaliber 22 bedroht und gezwungen haben, sich Handschellen anzulegen. Dem Obduktionsbericht zufolge hat sich der 36-Jährige nicht gewehrt. Er muss bis zum Schluss gehofft haben, dass ihn der Täter leben lässt, wenn er seine Befehle befolgt.
Als Poschinger-Camphausen gefesselt vor ihm kniet, schießt H. laut Anklage "in kurzer Folge und auf kurzer Distanz" mit einem aufgesetzten Schalldämpfer das komplette Magazin leer, lädt nach und feuert erneut drei Schüsse ab.
Insgesamt wird das Opfer von 13 Kugeln getroffen - in Kopf, Rücken, Bauch und Beine. Der Täter muss demnach mehrfach seine Position verändert haben.
Den Toten packt Rainer H. den Ermittlungen zufolge in einen der Leichensäcke, und schleppte diesen zu seinem VW-Transporter, der vor der Tür parkte. Ein Nachbar beobachtete ihn dabei und wunderte sich noch über die schwere Last, die H. über den Asphalt hievte.
Vor der Haustür der Transporter mit der Leiche, die Tatwaffe in der Garage
Um 12.46 Uhr fährt Rainer H. erstmals an jenem Tag seinen Bürocomputer hoch. Um 14.55 Uhr verlässt er seinen Arbeitsplatz, Kollegen sagt er, er fühle sich krank. Zwölf Minuten später, so rekonstruierten es die Ermittler, deaktiviert er die Lenkradverriegelung des Audi und parkt den Wagen um. Die Originalkennzeichen lässt er dran.
Noch am Abend meldet Poschinger-Camphausens Frau ihren Ehemann als vermisst. Zwei Tage nach seinem Verschwinden nimmt die Polizei Rainer H. am Münchner Hauptbahnhof fest. Spezialisten hatten herausgefunden, dass von seinem Computer aus Mails an den Vermissten verschickt worden waren.
Rainer H. muss sich in Sicherheit gewähnt haben: In seiner Jackentasche finden die Beamten den Schlüssel für den Audi. Es ist ein Leichtes für die Beamten, die gestohlene Luxuskarosse in der Nachbarschaft zu finden. Direkt vor H.s Haustüre steht der Transporter mit der Leiche. Die Tatwaffe liegt in der Garage.
Die Ehefrau und die Eltern von Dirk von Poschinger-Camphausen treten in dem Verfahren als Nebenkläger auf. Der 36-Jährige, geboren als Dirk Duensing, hatte bei seiner Hochzeit den Namen seiner Frau angenommen, die aus einem alten bayerischen Adelsgeschlecht stammt. Das Paar hat zwei Töchter im Alter von sieben und vier Jahren.
Für den Prozess sind 14 Verhandlungstage geplant.