Münchner Vermisstenfall Das rätselhafte Verschwinden eines Workaholics
Hamburg - Ein Mann verschwindet mitten in München am helllichten Tag, keiner hat es offenbar bemerkt, die Polizei steht bislang ohne Zeugen da, dafür vor jeder Menge Ungereimtheiten. So stellt sich der Fall Peter M. bislang dar. Die Ermittlungen hat die Mordkommission übernommen.
Peter M. verließ am Montag gegen 7.45 Uhr seine Tankstelle an der Richard-Strauss-Straße in München-Bogenhausen. Mit seinem weißen Porsche fuhr er die kurze Strecke zu seiner Hausbank am Herkomerplatz, keine fünf Autominuten entfernt. Eine belebte Ecke, gerade am frühen Morgen, mitten im Berufsverkehr, voller Geschäfte und Marktstände am Straßenrand.
Dort verliert sich M.s Spur.
Wenige Stunden später wundert sich ein Mitarbeiter an der Tankstelle, wo der Chef bleibt. Dieser hatte gesagt, er wolle nur die Einnahmen der Nacht zur Bank bringen - 2000 Euro in Scheinen, eingepackt in eine schwarze Geldtasche. Auf dem Handy erreicht er den 48-Jährigen nicht. Auch M.s Ehefrau wartet auf eine Antwort. Kurzerhand fährt der Angestellte zur Bank.
Dort findet er den geparkten Porsche M.s - unverschlossen, der Schlüssel steckt im Zündschloss, auf dem Beifahrersitz liegt das Portemonnaie des Chefs. Um 12.20 Uhr meldet der Angestellte M. als vermisst.
Den Ermittlungen zufolge hat eine Bankmitarbeiterin die leere Geldmappe auf dem Asphalt gefunden und an sich genommen. In der Nähe des Porsches fanden Passanten die Bankkarte M.s.
Doch niemand hat den 48-Jährigen gesehen oder gesprochen. "Die Videoaufzeichnungen aus der Bank haben nichts ergeben", sagt Peter Reichl, Sprecher der Münchner Polizei. Es sei unklar, ob M. das Foyer der Bank betreten habe. Dort stehen die Automaten, an denen er die Einnahmen einzahlen wollte. Die Bank selbst öffnet erst um halb neun. Die 2000 Euro eingezahlt hat M. definitiv nicht.
Hat Peter M. hohe Schulden?
M. lebt mit seiner Ehefrau in einer unauffälligen Doppelhaushälfte in Pliening, einer Gemeinde 20 Kilometer östlich von München. Der Diplom-Kaufmann hat vor sechs Jahren die Tankstelle als Pächter von seinen Eltern übernommen, die diese seit 1985 führten. Er gilt als Workaholic, zuverlässig und zuvorkommender, verständnisvoller Vorgesetzter. Ab spätestens 7 Uhr in der Früh stand er jeden Tag im Laden.
Das Geschäft läuft lange nicht mehr so gut wie zu den Zeiten, als es den Eltern gehörte. Inzwischen ist der Mittlere Ring, eine der Hauptverkehrsstraßen in München, untertunnelt. Seither passieren laut Planungsreferat nur noch 6000 Autos pro Tag die Tankstelle mit Supermarkt und Waschanlage, früher waren es 60.000 täglich. Zusätzlich sollen auf dem Areal Wohnhäuser gebaut werden.
Ist der 48-Jährige auf eigenen Entschluss verschwunden oder ist er Opfer eines Verbrechens geworden?
Fest steht: An der Außenseite der Fahrertür, zehn Zentimeter unter der Fensterscheibe haftete Blut - laut DNA stammt es zweifelsfrei von M. "Es handelt sich dabei um eine sogenannte Wisch-Spur", sagt Reichl. Die unmittelbar nach dem Verschwinden veranlassten Suchmaßnahmen seien bislang ohne Erfolg verlaufen.
"Zuletzt gab es einen Umsatzrückgang von fast 40 Prozent"
Das Handy des 48-Jährige wurde in der Tankstelle gefunden. Es war ausgeschaltet, die Datenauswertung dauert noch an. Aus dem Portemonnaie fehlen EC- und Kreditkarten, Ausweise und Bargeld waren noch da.
Gerüchte, M. habe hohe Schulden, wollte Reichl nicht kommentieren. "Noch prüfen wir seine Firmenkonten und die privaten", so der Polizeisprecher.
In Neufahrn bei Freising sorgen sich M.s Eltern Silvia, 68, und Hans, 72. Sie erzählen von Einbußen, die die Tankstelle durch den Tunnelbau erlitten habe. "Dass sie so stark sein würden, damit hatten wir nicht gerechnet", sagt M.s Mutter. "Zuletzt gab es einen Umsatzrückgang von fast 40 Prozent. Aber es hat sich gefangen, die Zahlen wurden kontinuierlich besser." Von Schulden wüssten sie, wären sie eklatant. Das Verhältnis zum Sohn sei "sehr eng", erst recht seit dem Tod der Tochter vor sechs Jahren.
Die M.s klammern sich an die Hoffnung, dass der Sohn entführt worden und noch am Leben ist. Eine Lösegeldforderung oder ein anderes Zeichen, das für eine Entführung sprechen könnte, gab es bisher nicht.
Einfach wegbleiben, selbst wenn er Sorgen habe, das passe nicht zum Peter, sagt Silvia M. "Sich einfach nicht mehr rühren, das würde er uns nicht antun." In ihren Augen spricht auch sonst vieles dagegen, dass er sich heimlich abgesetzt hat: "Er hätte das Auto genommen anstatt es unverschlossen zurückzulassen. Er hätte seine Papiere gebraucht und nicht die Geldtasche und die Bankkarte auf die Straße geworfen."
Wurde der 48-Jährige bedroht? Beobachtet?
Wenn M. allerdings überfallen wurde, warum hat sich der mögliche Entführer dann die Mühe gemacht, das Geld aus der Mappe zu nehmen? Oder hat M. es selbst rausgenommen und dem Täter angeboten? Wer hat nur ausgewählte Karten aus dem Geldbeutel genommen anstatt ihn ganz mitzunehmen und nachträglich zu entsorgen? Und warum?
"Alles Widersprüche", sagen M.s Eltern. Sie vermuten, dass ihr Sohn ausspioniert wurde: Zweimal pro Tag habe er Einnahmen zur Bank gebracht - allerdings immer zu unterschiedlichen Zeiten. Die 2000 Euro am Montag seien vergleichsweise "ein eher niedriger Betrag", Peter M. würde sonst "weitaus höhere Summen" einzahlen.
Der 48-Jährige hat neben der Tankstelle noch eine weitere Firma zur Innen- und Außenpflege für Fahrzeuge. "Er war ein Autonarr, Autos waren sein Heiligtum", sagt Silvia M..
Vor zwei Jahren heiratete Peter M. zum zweiten Mal, aus seiner ersten Ehe hat er einen 20 Jahre alten Sohn. "Auch ihn im Unklaren zu lassen, das würde er nie machen", sagen die Eltern.
Ihre Theorie stützt die Aussage eines Pressefotografen, der sich am Dienstagabend vor dem Haus M.s in Pliening positioniert hatte, und beobachtet haben will, wie in der Dunkelheit zwei Männer in einem schwarzen Porsche vor dem Anwesen hielten und einen Brief einwarfen. "Wir haben diese Spur aufgenommen", sagte Polizeisprecher Reichl. Mehr könne er nicht dazu sagen.
Hinweise, ob M. bedroht wurde oder sich beobachtet fühlte, haben die Ermittler bis jetzt nicht.
"Bitte geben Sie uns unser Liebstes wieder"
Vor 15 Jahren stand die Tankstelle der M.s schon einmal in den Schlagzeilen: Damals gab es eine Überfallserie auf eine benachbarte Tankstelle. Weil die Polizei damit rechnete, dass der Räuber womöglich auch den M.s Besuch abstatten würde, überwachten Zivilbeamte nächtelang in einem VW-Bus deren Tankstelle. "Wir zeigten ihnen unser Sicherheitssystem und die Defizite in der Überwachung", sagt Silvia M.
Thomas S., einer der Beamten, nutzte dieses Wissen und überfiel ein halbes Jahr später dreimal die Tankstelle der M.s, erbeutete jedes Mal zwischen 3000 und 5000 Mark. Als der 25-Jährige das vierte Mal den Aushilfstankwart mit einer Waffe bedrohte und Geld forderte, zog dieser ebenfalls eine Pistole und schoss auf den maskierten Polizisten.
Thomas S. schleppte sich aus dem Shop und brach auf einer gegenüberliegenden Wiese tot zusammen. "Er hatte das Geld dringend gebraucht", erinnert sich Silvia M.. Wenige Tage später habe er heiraten wollen.
"An diese Geschichte müssen wir immerzu denken. Damals hatten wir solche Angst. Jetzt haben wir sie wieder", sagt die 68-Jährige und richtet sich direkt an mögliche Entführer ihres Sohnes: "Bitte geben Sie uns unser Liebstes wieder - und unserem Enkel seinen Vater und seiner Frau den geliebten Mann."