Mutmaßlicher Cop-Killer gestellt Finale im Feuer
Carter Evans wollte ganz nah dran sein an der Action. So nah dann aber wohl doch nicht: Am Dienstag findet sich der Korrespondent des TV-Senders KCAL9 aus Los Angeles mitten im Kreuzfeuer - im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Berichterstattung über die Fahndung nach dem mutmaßlichen Cop-Killer Christopher Dorner hat Evans nach Big Bear geführt, einem Skigebiet rund 150 Kilometer östlich von Los Angeles. Dort soll Dorner, 33, gesichtet worden sein. Polizisten und Reporter sammeln sich. Über sein Handy geht Evans live auf Sendung. Im Studio sitzt seine Kollegin Sandra Mitchell.
Plötzlich sind im Hintergrund Schreie zu hören: "Haut ab hier! Haut ab hier!" Dann: Schüsse. "Das waren Schüsse", informiert Mitchell die Zuschauer, als sei das unklar. Carter flüstert da nur noch: Gerade stürmten Hilfssheriff "in voller Tarnausrüstung" auf ihn zu. Er habe sich zu Boden werfen müssen, hinter die Räder seines Wagens: "Wir sind hier mitten, mitten im Herzen der Action!" Seine Stimme bebt.
Die Geräusche werden immer bedrohlicher und undurchschaubarer. Mitchell fragt nach Evans' Befinden. Keine Antwort. Stattdessen immer mehr Chaos, Schüsse, Schreie: "Hey du, komm her!" - "Verdammt, geh' in Deckung! Runter!"
Eine geschlagene halbe Stunde dauert das brutale Feuergefecht, das die TV-Zuschauer live mit anhören können, während der Sender nur Helikopter-Luftaufnahmen der Berge zeigt. Reporter Evans bleibt dabei unversehrt. Zwei Hilfssheriffs haben weniger Glück: Einer wird getötet, ein weiterer verletzt. Der mutmaßliche Schütze auf der anderen Seite: Chris Dorner.
Fahndung nach dem Cop-Killer: Showdown in den Bergen
So beginnt er, der letzte Akt des Dramas, das nicht nur Kalifornien seit Tagen in Atem hält und dessen Finale buchstäblich zum TV-Krimi gerät. Geendet sein soll es in der Nacht, so jedenfalls die lange widersprüchlichen Informationen aus diesen Stunden, mit dem einsamen Tod Dorners - gestellt, umzingelt und schließlich in einer Berghütte verbrannt.
"Dies ist eine bittersüße Nacht", resümiert Charlie Beck, der übernächtigte Chef des Los Angeles Police Departments (LAPD), die Geschehnisse. "Es hätte viel besser enden können. Es hätte schlechter enden können."
Seit der vergangenen Woche jagen die Beamten ihren früheren Kollegen, der ihnen in einem wirren "Manifest" den Krieg erklärt hat und erst drei, dann vier Morde auf dem Gewissen haben soll. Nach etlichen falschen Fährten - darunter eine nach Mexiko - konzentriert sich die Suche schließlich auf die Berglandschaft von Big Bear.
Hier ist Dorners verkokelter Truck schon am Freitag gefunden worden. Von dem Ex-Cop aber fehlt jede Spur. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Die Polizei bekommt einen entscheidenden Tipp - von zwei Haushälterinnen in Big Bear, wie die "Los Angeles Times" später herausfindet: Jemand, der wie Dorner ausgesehen habe, habe sie tagelang als Geiseln gehalten. Am Dienstag dann sei er in einem Auto geflüchtet.
Kurz darauf erspähen Förstereibeamte einen Truck, den Dorner zuvor von einem Paar gestohlen hat. Mit drei Wagen nehmen sie die Verfolgung auf. Dorner habe die Scheibe heruntergerollt und sofort auf sie geschossen, berichtet Patrick Foy, der Förstereisprecher.
Dorner entkommt, flieht zu Fuß weiter, verbarrikadiert sich in einer leeren Berghütte. Hier kommt es zu dem Feuergefecht, bei dem auch Reporter Evans in die Schusslinie gerät.
Durch eine Hintertür will Dorner sich den Weg freischießen, im Schutz einer Rauchbombe. Doch die Beamten, inzwischen durch Sondereinsatzkommandos verstärkt, treiben ihn wieder in das Gebäude zurück. Es wird still.
Zwei angeschossene Hilfssheriffs werden per Hubschrauber ins Krankenhaus transportiert. Einer überlebt nicht, der andere wird noch in der Nacht operiert. LAPD-Sprecher Andy Smith tritt später vor die Kameras und appelliert an Dorner aufzugeben: "Genug ist genug. Es ist Zeit, sich zu stellen." Es gebe keinen Ausweg: "Bis dieser Kerl in Handschellen ist, wird kein Mensch in unserer Behörde ruhen."
Inzwischen haben sich alle Nachrichtensender des Landes zugeschaltet. Die Amerikaner können den Showdown live mitverfolgen, im Fernsehen und im Internet. John McMahon, der Sheriff und Gerichtsmediziner des Bezirks San Bernardino, richtet eine Bitte an alle Reporter - über Twitter: "Hören Sie sofort auf zu twittern. Es gefährdet die Sicherheit der Beamten."
Die Sonne geht unter. Die Cops fürchten, dass ihnen Dorner im Schutz der Dunkelheit erneut durch die Lappen geht. Flankiert von einem eingeflogenen Sondertrupp aus Los Angeles, rücken sie mit schwerem Geschütz auf die Hütte vor. Sie schlagen die Fenster ein, schießen Tränengas hinein, rufen Dorner über Lautsprecher auf, aufzugeben. Keine Reaktion.
Also beginnen sie, die Hütte niederzureißen, eine Holzwand nach der anderen. "So wie man eine Zwiebel pellt", sagt ein Beamter der "Los Angeles Times", der am besten informierten Quelle in diesen dramatischen Momenten.
Plötzlich beginnt die Hütte zu brennen. Als die letzte Wand fällt, hören die Beamten einen einzelnen Schuss. Dann explodiert etwas, vermutlich Munition. Bald steht die ganze Hütte in Flammen. Die TV-Helikopter erfassen eine Feuersäule im Wald, von der Rauchwolken in den dunklen Himmel steigen.
Dann müssen die Sender wegblenden, fast widerwillig. Die Politik ist wichtiger - vorübergehend: In Washington tritt Präsident Barack Obama vor beide Kammern des Kongresses, um eine Rede zur Lage der Nation zu halten, die erste seiner zweiten Amtszeit.
Ein seltener Moment: Obama wird zum Pausenfüller. Kaum ist die Rede beendet, schalten CNN, MSNBC und Fox News wieder nach Big Bear. Dort lodern die Reste der Hütte - und mit ihr jetzt die wildesten Spekulationen.
Eine verkohlte Leiche sei gefunden worden, melden mehrerer Nachrichtenstationen übereinstimmend, darunter CNN und NBC. Es handele sich mit aller Wahrscheinlichkeit um Dorner. LAPD-Sprecher Smith dementiert das aber sofort: Die Hütte sei viel zu heiß, da sei ja bisher noch keiner von ihnen rangekommen.
Das Sheriff-Büro relativiert: Stimmt, man habe die Hütte noch nicht durchsuchen können. Aber man sei sicher, dass da niemand mehr rausgekommen sei, tot oder lebendig. "Dorner war in der Hütte und hat die Hütte nie verlassen", zitiert CNN einen Sheriff.
So endet die spektakulärste Verfolgungsjagd der jüngeren US-Geschichte. Allein in Big Bear sind mehr als 200 Beamte im Einsatz. Am Ende hat das LAPD eine Million Dollar Belohnung auf Dorner ausgesetzt. Mehr als tausend Hinweise werden bearbeitet, die Spuren gehen bis nach San Diego, Nevada und ins mexikanische Tijuana, wo die Polizei ein Hotel durchsuchte.
Manche Kalifornier zeigen sich sogar solidarisch mit Dorner - oder zumindest mit seinem vorgeschobenen Anliegen, mit dem er seine Bluttaten begründet. Sein "Manifest" beklagt Rassismus, Diskriminierung, Brutalität und Korruption beim LAPD - Vorwürfe, die der Behörde tatsächlich seit langem anhängen.
Auch ein weiterer Ex-Cop hat inzwischen einen Brandbrief im Stil Dorners veröffentlicht. "Das Erste, das ich ihm sagen würde, ist: Ich kann's dir nachfühlen!", schreibt der ehemalige LAPD-Beamte Joe Jones in einem Schreiben, das von der Hackergruppe Anonymous in Umlauf gebracht wurde. Der Mord Unschuldiger sei aber keine Antwort.
"Halb Los Angeles drückt Dorner die Daumen", twittert der konservative Blogger Matt Drudge. Die Berichterstattung werde eingeschränkt, da die Bilder aus Big Bear zu Unruhen führen könnten - eine völlig unbelegte Behauptung.
Am Ende stirbt Dorner so, wie er sterben wollte. "Selbsterhaltung ist mir nicht länger wichtig", schreibt er. "Ich fürchte den Tod nicht, da ich schon vor langem gestorben bin."