Nach blutigem Überfall Tessin steht unter Schock
Tessin - "Ich kann mir die Tat nicht erklären. Und unsere Menschen im Ort auch nicht", sagte Gertrud Geistlinger, Bürgermeisterin von Tessin, dem Nachrichtensender N24. "Es ist eine Tat, die man mit normalem Verstand nicht begreifen kann. Ich kann dazu nichts anderes sagen."
Die jugendlichen Täter und der Sohn des getöteten Ehepaars seien eng miteinander bekannt. "Die Jungs sind befreundet", so Geistlinger, "sie verbringen ihre Freizeit zusammen auf dem Dorfsportplatz. Deshalb ist das nicht zu verstehen, warum diese Familie ausgesucht wurde, warum überhaupt diese Tat passiert ist."
Die zwei Gymnasiasten hatten am Samstagabend in Tessin bei Boizenburg ein Ehepaar mit mehreren Messerstichen getötet und ein 15-jähriges Mädchen als Geisel genommen. Auf der Flucht mit dem Auto der Getöteten konnten sie aber von der Polizei zur Aufgabe bewegt werden. Am Sonntagabend hatte das Amtsgericht Hagenow Haftbefehle wegen Totschlags, Geiselnahme und gemeinschaftlichen Diebstahls gegen die beiden Schüler erlassen.
"Wir gehen davon aus, dass die beiden 17-Jährigen zum Haus des Ehepaares gegangen sind, um sich deren Auto anzueignen. Und weil der tödliche Angriff erfolgte, um diese Straftat umzusetzen, haben wir auch den Mordvorwurf erhoben", erklärte Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick in Schwerin. Ein nachvollziehbares Motiv sei jedoch auch nach der Befragung der beiden geständigen Schüler nicht erkennbar.
Die beiden Jungen hatten den 46 Jahre alten Familienvater nach Angaben der Staatsanwaltschaft beim Öffnen der Tür erstochen und anschließend seine fünf Jahre jüngere Frau getötet. Der 16-jährige Sohn des Ehepaares konnte dann die Polizei alarmieren. Danach flüchteten die Täter mit ihrer gefesselten und geknebelten Geisel. Das Mädchen habe die Bluttat nicht mit ansehen müssen, trat Pick entsprechenden Berichten entgegen.
Die 15-Jährige sei zuvor in einen Schuppen gesperrt worden. Gemeinsam mit den Tätern und anderen Jugendlichen soll sie zuvor den Abend in dem 400-Einwohner-Dorf verbracht und Alkohol getrunken haben. Einer der Täter stammt aus Tessin, der andere aus einem Nachbarort. Die beiden Todesopfer werden heute von Gerichtsmedizinern untersucht.
Am Elbe-Gymnasium, an dem die beiden Inhaftierten zur Schule gingen, herrscht große Betroffenheit. "Normaler Unterricht ist unter diesen Bedingungen nicht möglich", sagte Schulleiter Norbert Stern in Boizenburg. Die Lehrer würden mit den Schülern über die Tat sprechen. Psychologen und ein Pfarrer seien zur Betreuung vor Ort, um das Geschehen mit den Schülern aufzuarbeiten. An dem Gymnasium in dem Elbestädtchen nahe Hamburg lernen 560 Schüler. Die Jugendlichen wurden von der Schulleitung als gute, kluge und engagierte Schüler beschrieben. Sie hätten an dem Gymnasium einen Computerkurs geleitet und seien bisher in keiner Weise negativ aufgefallen.
Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) hat mit Entsetzen auf die Tat reagiert. "Den Angehörigen der Opfer dieser Bluttat spreche ich mein tief empfundenes Mitgefühl aus", sagte Ringstorff in Schwerin. "Es ist für mich unerklärlich, zu welch unglaublicher Gewalt die beiden Schüler in der Lage waren. Es ist wichtig, dass die Hintergründe dieser Tat umfassend aufgeklärt werden."
Ähnlich äußerte sich Innenminister Lorenz Caffier (CDU). Er warnte jedoch vor voreiligen Schlussfolgerungen. Es zeige sich, dass die generelle Auseinandersetzung mit den Ursachen von Jugendgewalt sowie eine umfassende Prävention fortgeführt werden müssten.
jto/dpa/AFP