Mordfall: Freispruch für Amanda Knox
Nach Freispruch Seattle feiert Amanda Knox' Rückkehr
Seattle - Der Alptraum hat vorerst ein Ende: Vier Jahre saß Amanda Knox in Italien im Gefängnis, wurde in erster Instanz wegen Mordes zu 26 Jahren Haft verurteilt, dann überraschend am Dienstagmorgen freigesprochen.
In Begleitung ihrer Eltern traf die 24-Jährige nun auf dem Flughafen in Seattle im US-Bundesstaat Washington ein. Zu Tränen gerührt und "wirklich überwältigt" nahm Knox dort die Ovationen ihrer Freunde, Wegbegleiter und Unterstützer entgegen. Mit zitternder Stimme bedankte sie sich bei allen, "die an mich glaubten, mich verteidigten und meine Familie unterstützen".
Wie Knox' Vertrauter Corrado Maria Daclon berichtete, hatten sich im Gefängnis Capanne von Perugia am Dienstagmorgen Hunderte Insassen lautstark von der US-Amerikanerin verabschiedet: "Amanda, ciao!". Dann hatte der Generalsekretär der US-italienischen Stiftung die junge Frau in einem schwarzen Mercedes zum Flughafen Leonardo da Vinci in Rom gebracht. Von hier aus war sie nach London und von dort aus weiter in die USA gereist - Business Class, mit einem Menü, das aus Krabbensalat, geräuchertem Lachs und Champagner bestand.
"Ich schaute aus dem Flugzeug nach unten und alles schien so unrealistisch", so Knox weiter. Man habe sie daran erinnern müssen, Englisch zu sprechen, erklärte die 24-Jährige, die während ihres Gefängnisaufenthalts Italienisch lernte und es seitdem sehr gut beherrscht.
Ihre Familie sei ihr im Moment am wichtigsten, erklärte Knox. Sie wollte jetzt nur Zeit mit ihnen verbringen. Knox' Großmutter Elisabeth Huff erklärte, es sei, als ob "das Gewicht der ganzen Welt von uns genommen wurde". Ihr Vater Curt sprach zuvor von "sehr langen vier Jahren". Seine Tochter werde vermutlich an die Universität von Washington zurückkehren, um ihren Abschluss zu machen. Man werde aber zunächst versuchen, zur Ruhe zu kommen. Derzeit plane man nicht, das Geschehene mit einem Psychotherapeuten aufzuarbeiten. "Sie ist ein sehr starkes Mädchen, aber es war eine harte Zeit für sie."
Mordfall Kercher wieder offen
Knox war für die Ermordung der britischen Studentin Meredith Kercher im Jahr 2007 in einem Indizienprozess zu 26 Jahren Haft verurteilt worden. Ein Geschworenengericht sprach die Amerikanerin und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito am Montagabend in Perugia in zweiter Instanz frei. Ihr Anwalt Theodore Simon sagte am Mittwoch, seine Mandantin habe einen "Marathon-Alptraum" durchgestanden.
Kercher war im November 2007 mit durchschnittener Kehle und von Messerstichen übersät in ihrer und Knox' gemeinsamer Wohnung in Perugia gefunden worden. Nach Auffassung der ersten Instanz hatten Knox und Sollecito sie bei Sexspielen getötet.
Der Verteidigung war es aber im Berufungsverfahren gelungen, Lücken und Widersprüche der Ermittlungen aufzudecken, vor allem bei angeblichen DNA-Beweisen.
Staatsanwalt Giuliano Mignini zeigte sich mit dem Urteil nicht zufrieden und kündigte an, der Fall werde in die dritte Instanz vor dem Kassationsgericht gehen. Dies könnte frühestens in 90 Tagen der Fall sein. Ob Knox dann nach Italien zurückkehrt, ist ungewiss. Es gibt kein Auslieferungsabkommen mit den USA.
Eine Verurteilung in dem Fall hat Bestand: Der von der Elfenbeinküste stammende Rudy Hermann Guede wurde zu 16 Jahren Haft verurteilt. Das oberste Gericht hat die Verurteilung bereits bestätigt, aber festgestellt, dass Guede den Mord an Kercher nicht allein beging. Doch wer waren diese Komplizen, wenn Knox und Sollecito unschuldig sind? Der Fall ist nun wieder völlig offen.