Odenwaldschule Missbrauchsfall könnte vor Gericht landen
Odenwaldschule: Bislang haben sich mehr als 50 Opfer sexueller Übergriffe gemeldet
Foto: Marius Becker/ dpaHeppenheim - Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule in Südhessen wird womöglich ein gerichtliches Nachspiel haben: In einem Fall sei die Straftat noch nicht verjährt, sagte Brigitte Tilmann am Montag und bestätigte Informationen der "Berliner Zeitung". Die frühere Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt erstellt zusammen mit der Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller einen Bericht über das Ausmaß der Übergriffe an dem Eliteinternat in Heppenheim.
Der mutmaßliche Täter könne sich "jetzt schon einmal mit der Möglichkeit von Strafverfolgung auseinandersetzen", heißt es in dem Bericht. Der Beschuldigte sei jedoch "niemand, der aktuell noch an der Odenwaldschule tätig ist". Laut hessischem Justizministerium verjährt schwerer sexueller Missbrauch von Kindern 20 Jahre nachdem das Opfer volljährig geworden ist. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt sagte, der neue Fall sei dort noch nicht bekannt. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen sechs ehemalige Lehrer und einen früheren Schüler.
Erste Ergebnisse des Berichts waren am Wochenende vorgestellt worden. Demnach gab es von Ende der sechziger bis Anfang der neunziger Jahre etwa 50 missbrauchte Schüler. Unter den mutmaßlichen Tätern befänden sich auch Frauen. Eine "Fülle von Hilferufen" von Schülern sei über Jahre hinweg nicht ernstgenommen worden. Eine strafrechtliche Bewertung aller Vorgänge soll der Schlussbericht im September 2010 enthalten.
"Wir brauchen ganz schnell eine neue Satzung"
Das für seine Reformpädagogik bekannte Eliteinternat hat unterdessen eine neue Führung. Bei einer Mitgliederversammlung wurden am Wochenende fünf Vorstände gewählt, unter ihnen auch ein Opfer. Sie wollen die Schule umkrempeln und fit für die Zukunft machen, wie der ehemalige Schüler Johannes von Dohnanyi als einer der Vorstände sagte. Auch solle eine Art Entschädigung geprüft werden. Der frühere Vorstand war Ende März wegen des Skandals unter Druck zurückgetreten.
Der neue Vorstandsvorsitzende, der 60 Jahre alte Rechtsanwalt Michael Frenzel sagte: "Wir brauchen ganz schnell eine neue Satzung." Der Trägerverein wurde auf 54 Mitglieder fast verdoppelt. Die frühere Bundesfamilienministerin Rita Süssmuth (CDU) wird eine mit Experten aus dem In- und Ausland besetzte externe Kommission leiten, die helfen soll, Missbrauch zu verhindern. "Wir wollen auch Modell werden, wie man mit Missbrauchsopfern umgeht", sagte von Dohnanyi.