Protest in der Provinz "Wir haben Angst"
Joachimsthal - Es ist zauberhaft in Joachimsthal. Lichtdurchflutete Wälder, blaue Seen, ein niedliches Örtchen mitten in einem riesigen Naturreservat. Im Sommer kommen Touristen. Gut 3300 Menschen leben das ganze Jahr über hier, einige hundert davon in einer Siedlung auf einer Anhöhe am Rande des Ortes. "Hoher Wohnwert, hoher Freizeitwert", verheißt ein meterhohes Schild am Eingang des Wohnparks Templiner Straße, und auf den allerersten Blick könnte man es glauben. Doch gern wohnt hier derzeit vermutlich kaum jemand.
"Der Sexverbrecher muss weg", steht in grellen Lettern auf einem weißen Bettlaken, das jemand an den Balkon seiner Wohnung gehängt hat. Auf einem anderen Laken: "Wer wird die nächste? Sperrt ihn wieder weg!!!" Etliche solcher Parolen haben die Anwohner in der Siedlung aufgehängt. Gemeint ist Werner K., der in einer Dachwohnung in einem gelb getünchten Mietshaus mitten in der Anlage wohnt.
Das meiste, was über K. öffentlich bekannt ist, stammt aus seinen Gerichtsakten. Er hat sich seit 1976 mehrfach an Frauen und Kindern vergangen. Einige Male schlug er wenige Monate nach einer Entlassung aus dem Gefängnis erneut zu. Serientäter K. saß mehr als 20 Jahre hinter Gittern. Die Staatsanwaltschaft hält ihn nach wie vor für gefährlich.
Seit einigen Tagen nun ist K. auf freiem Fuß. Ursprünglich hatte das Landgericht Neuruppin für K. nachträgliche Sicherungsverwahrung beantragt, doch der Bundesgerichtshof (BGH) wies dies vorige Woche ab. Begründung: Das Landgericht Frankfurt (Oder) hatte 2006 nach einer Anklage gegen den Sexualstraftäter wegen einer "überlangen Verfahrensdauer" kein Hauptverfahren eröffnet. Laut BGH hatte das Frankfurter Gericht "die Möglichkeit der primären Anordnung von Sicherungsverwahrung" nicht einbezogen. Das sei "eine mangelhafte rechtliche Bewertung", die nachträglich nicht mehr korrigiert werden könne - eine Justizpanne also.
K. ist also frei, doch unbeobachtet ist er nicht. Nach Angaben der Polizei wird der 49-Jährige rund um die Uhr überwacht. Anwohner berichten von einer Kolonne von Sicherheitsbeamten, die K. stets folge, wenn er das Haus verlässt.
Die Nachbarn beruhigt das wenig - im Gegenteil. So manch einer wittert in der Anwesenheit der Polizei ein weiteres Indiz für die Gefährlichkeit K.s. Wenn die Beamten weg seien, habe K. "freie Bahn", argwöhnen viele. "Wir haben Angst", sagt Grit Brobowski, Mutter zweier achtjähriger Kinder. Diesen Satz, auf ein Laken geschrieben, hat sie auch an ihren Balkon gehängt. Niemand lasse mehr seine Kinder allein nach draußen. Mütter und Väter hetzen mit ihren Autos zur Schule oder zum Kindergarten, um die Sprösslinge abzuholen. Zu Fuß und ohne Begleitung nach Hause? Das war einmal. Etliche Nachbarn erwägten schon wegzuziehen, berichtet Brobowski. "Es muss was passieren."
Sicher fühlt sich keiner mehr im Wohnpark Templiner Straße, nicht einmal hinter verschlossener Haustür. Denn das Gerücht geht, dass jeder Haustürschlüssel in die Schlösser aller anderen Gebäude in dem Komplex passt. "Zumindest passt mein Schlüssel in alle Haustürschlösser dieses Wohnblocks", sagt Grit Brobowski, "und vielleicht ja auch in die übrigen". Jeder könne sich im Keller verstecken, "und wer hört einen da schon schreien?"
Vorerst ist es seltsam still in der ganzen Siedlung. Die Spielplätze zwischen den Häusern sind verwaist, weit und breit ist kein Kind zu sehen. Zwei Wippen stehen verloren im Sonnenlicht unter dem Balkon von K.s Wohnung.