Prozess: Die Qualen der kleinen Lea-Marie - DER SPIEGEL
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Prozess Die Qualen der kleinen Lea-Marie

Sie wurde mit Kalkreiniger gefüttert, mit kochendem Wasser übergossen und geschlagen: Die Mutter der fünfjährigen Lea-Marie hat sich vor dem Rostocker Landgericht in Widersprüche verwickelt. Durch die Vernehmung der Zeugen kommt nach und nach das Ausmaß der Qualen des kleinen Mädchens ans Licht.
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Rostock - Neben den etwa zwei Dutzend Vorfällen, bei denen die 27-Jährige Mutter ihrer Tochter Lea-Marie Haushaltsreiniger eingeflößt haben soll, wurden bei dem Kind auch Wunden heftiger und wiederholter Schläge diagnostiziert. Eine blutende Kopfverletzung des Mädchens schob die Mutter zunächst dem 30-jährigen Vater zu. Später sagte sie aus, das Kind sei über die Teppichkante gestolpert und an die Heizung gefallen.

Die Tatbeteiligung des Vaters an den Misshandlungen der heute Fünfjährigen konnten auch am zweiten Prozesstag nicht geklärt werden. Der Mann bestreitet, von den Vergiftungen seiner Tochter gewusst oder das Mädchen selbst geschlagen zu haben.

Dagegen sagte eine Psychologin, das Kind habe von Schlägen beider Elternteile berichtet. Erziehungsmethoden wie Hauen und Anschreien seien gang und gäbe gewesen, "das war für das Kind Normalität", sagte die Gutachterin. Das Mädchen habe die Quälereien sehr bewusst erlebt. Lea-Marie, die inzwischen bei einer Pflegefamilie wohnt, gilt als schwer traumatisiert.

Das Mädchen habe im Sommer im Krankenhaus vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt von den Misshandlungen berichtet, sagte die Psychologin. Erstmals habe sie für sich registriert, dass die Handlungen der Mutter sehr schlimm für sie waren und mit großen Schmerzen einhergingen.

Im Greifswalder Kinderkrankenhaus habe das Mädchen detailliert berichtet, wie sie von der Mutter auf den Boden gedrückt und ihr "böser", mit Haushaltsgiften versetzter Tee eingeflößt wurde. Die körperliche Gewalt ihrer Mutter habe das Kind am Teddy auf dem Krankenhausbett demonstriert. Auf Geruchsproben von Essig und Kalklöser habe das Mädchen entsetzt reagiert und angefangen zu weinen, berichtete die Gutachterin. In einem Rollenspiel mit der Psychologin habe sie gesagt: "Mama, das sollst du nicht machen, ich will das nicht trinken, davon wird man krank."

Die behandelnden Ärzte beschrieben vor Gericht den lebensbedrohlichen Gesundheitszustand Lea-Maries, als sie im Juni ins Krankenhaus gebracht worden war. Lippen, Mund und Speiseröhre waren demnach blutig verätzt. Das Kind hatte starke Schmerzen, konnte nicht schlucken und musste daher künstlich ernährt werden. Bis heute könne Lea-Marie nur Brei essen. Alle zwei Wochen werde die Speiseröhre geweitet, was voraussichtlich noch Jahre fortgesetzt werden müsse, erklärte die Medizinerin.

Weinen und laute Schreie aus der Wohnung der Familie

Vor Gericht wurden erstmals auch Nachbarn sowie die Schwester des Angeklagten befragt. Obwohl es enge Beziehungen zu den Familien beider Elternteile gab, blieben die Misshandlungen unbemerkt. Eine Nachbarin gab lediglich zu Protokoll, dass sie spätabends oft Weinen und lauten Streit aus der Wohnung der Angeklagten gehört habe.

Im Prozess müssen sich die Eltern wegen schwerer Körperverletzung und Misshandlung sowie wegen Versicherungsbetrugs verantworten. Die Mutter hatte zu Prozessbeginn Ende November zugegeben, Lea-Marie vier Jahre lang immer wieder die ätzenden Substanzen in steigender Dosierung eingeflößt zu haben. Sie hatte zudem eingeräumt, ihr Kind mit kochendem Wasser übergossen zu haben, um die Unfallversicherung zu betrügen. Das Motiv der Frau ist unklar. Seit Bekanntwerden der Vorfälle im Sommer sitzt sie in Untersuchungshaft.

Der Prozess wird am 20. Dezember fortgesetzt.

Von Katrin Schüler, ddp/dpa

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