Prozess Dorfschläger überfallen Hochzeitsfeier
Potsdam - Es war Juli, schön und heiß, herrliches Wetter. Deutschland berauschte sich an seinem WM-Sommermärchen. In Marquardt, einem zu Potsdam gehörenden 1000-Einwohner-Dorf in Brandenburg, wurden am 1. Juli 2006 gleich zwei Mal gefeiert: Mehrere Hundert Menschen strömten zum jährlichen Dorffest, und unweit ließ sich ein Berliner Arztehepaar in der Dorfkirche trauen. Im Anschluss hatte das Paar ins nahe gelegene Schloss geladen, einem repräsentativen, leicht baufälligen Gebäude von morbidem Charme. Eine Kulisse, die vor einigen Jahren auch Florentine Joop für ihre Hochzeit wählte.
Am frühen Sonntagmorgen endete das Dorffest. Auch die Hochzeitsgesellschaft löste sich gerade auf, als plötzlich drei, vier Glatzköpfe aus dem Dunkel des Schlossgartens auftauchten. Sie grölten "Deutschland, Deutschland, über alles" und näherten sich der Terrasse. "Das ist unser Dorf. Ihr habt hier nichts zu suchen!", riefen sie den verbliebenen Hochzeitsgästen zu. Dann flogen die Fäuste.
Die Frauen flüchteten ins Schloss, der Bräutigam und seine Freunde wehrten die Angreifer ab. Dabei zerriss das Hemd des Arztes. Einer der Freunde wurde am Mund verletzt, einem anderen platzte das Trommelfell. Nach zehn, fünfzehn Minuten suchten die Angreifer das Weite. Die Hochzeitsgesellschaft rief die Polizei.
Doch bevor diese nach einer halben Stunde endlich kam, tauchten die Schläger ein zweites Mal auf. Diesmal waren es zehn, zwanzig Leute, darunter auch Frauen, die sich dem Schloss näherten. Schnell verbarrikadierten sich die Gäste im Gebäude und mussten mit anhören, wie der betrunkene Mob auf der Terrasse Geschirr zerschlug, Bänke und Partyzelte umwarf. Es war das traumatische Ende einer Traumhochzeit.
"Eigentlich wollten wir gar nicht ermitteln"
Ihren tatsächlichen Abschluss findet sie nun im Prozess gegen sechs Marquardter im Alter von 25 bis 37 Jahren. Sie stehen wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und Nötigung vor dem Amtsgericht Potsdam. Eine rechte Gesinnung wollte Staatsanwalt Jörg Möbius, der die Anklage schrieb, in dem Angriff nicht erkennen: "Aus den Rufen 'Deutschland, Deutschland, über alles' ergibt sich kein rechtsradikaler Hintergrund, da sich das Tatgeschehen im Endstadium der Fußball-Weltmeisterschaft ereignete und dieser Ruf während der Weltmeisterschaft für Fußballfans als typisch angesehen werden muss."
Neun Mal traf sich das Schöffengericht seit September 2007, um durch die Befragung von 25 Zeugen mühsam herauszufinden, welcher Angeklagte was getan hat. "Die vermeintlich kleinen Fälle machen die größten Schwierigkeiten", sagt Verteidiger Veikko Bartels. Bei Kapitalverbrechen nutzt man die gesamte Kriminaltechnik, bei dieser "Dorfschlägerei" jedoch hatten es die Opfer schwer, den Aufklärungswillen der Polizei zu mobilisieren.
"Eigentlich wollten wir gar nicht ermitteln", sagt eine Polizeibeamtin vor Gericht. Erst das Erscheinen von Presseartikeln führte zu einer entsprechenden Weisung aus dem Innenministerium und der Bildung der "Ermittlungsgruppe Marquardt". Das bestätigt auch der Bräutigam: "Da riefen dann drei verschiedene Kommissare noch am Freitagabend bei uns an."
Ermittlungen der Polizei "wenig hilfreich"
Rasch wurden verdächtige Teilnehmer des Dorffestes gefunden, wobei die Polizei sich besonders für die einschlägig Vorbestraften interessierte. Um das Ganze zu beschleunigen, verzichteten die Ermittler auf Gegenüberstellungen. Sie kamen vielmehr auf die grandiose Idee, Farbfotos der Verdächtigen etwa nach Hamburg zu faxen, um sie dort zwei Zeugen vorlegen zu lassen. Die beiden hatten große Mühe, auf den Kopien überhaupt jemanden zu erkennen. Staatsanwalt Carsten Krause bezeichnet die polizeiliche Vorarbeit darum als "wenig hilfreich".
Doch warum wurde die Hochzeitsgesellschaft überhaupt Zielscheibe eines Angriffs? In der Presse stand, sie sei attackiert worden, weil auf dem Dorffest "türkische Musik" zu hören war, die auf der Schlossterrasse gespielt wurde. Tatsächlich trat dort bis 23 Uhr eine vierköpfige Band aus Ex-Jugoslawien auf. Die Band, die temperamentvolle Folklore spielte, war das Überraschungsgeschenk eines Hochzeitsgastes.
Die Angeklagten, von denen im Prozess niemand mit kahlrasiertem Schädel erscheint, schweigen. Fünf von ihnen standen schon einmal wegen Körperverletzung vor Gericht. Sie hätten sich bei der Hochzeitsfeier selbst einladen und im Schloss weiterfeiern wollen, weil es beim Dorffest kein Bier mehr gab, sagen etliche Verteidiger. "Das ist hanebüchener Unsinn", sagt ein Hochzeitsgast. "Da war nichts von wegen Mitfeiern. Das war eine eindeutig aggressive Handlung." Auch der Bräutigam glaubt nicht an diese Version: "Die wollten stören. Das Hochzeitsfest war zu Ende. Die waren eindeutig auf Randale aus."
Hass und Neid
Der Staatanwalt sieht den Angriff in einer Mischung aus Hass und Sozialneid auf die wohlhabenden Dorffremden begründet. "Sie haben nicht irgendeine Gesellschaft überfallen, sondern eine Hochzeitsgesellschaft", wirft er den Angeklagten vor. Krause identifiziert trotz der vielen, oftmals völlig gegensätzlichen Zeugenaussagen, drei der Angeklagten als Beteiligte an dem Überfall und fordert Sozialstunden sowie Haft- und Bewährungsstrafen zwischen 5 und 22 Monaten wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung.
Nach fast zweistündiger Beratung verkündet Amtsrichterin Constanze Rammoser-Bode das Urteil: Acht Monate Haft auf Bewährung für den bislang nicht vorbestraften 34-jährigen arbeitslosen Fleischer Meik W. Der 37-jährige Selbständige Mike S. bekommt neun Monate Gefängnis auf Bewährung. Beide Angeklagten müssen je 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Der 27-jährige Glas- und Gebäudereiniger Holger W. muss für zehn Monate in Haft, weil er kurz vor der Tat bereits zwei Mal zur Bewährung verurteilt worden war: "Irgendwann hört es auch auf mit den Chancen, die wir hier zu geben haben", sagt die Richterin.
Außerdem verurteilt sie den 28-jährigen Arbeitslosen Rene B. wegen Sachbeschädigung zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à zehn Euro. Zwei weiteren Angeklagten konnte keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden. Bis Freitag können die vier nun Berufung einlegen. Bei den Brautleuten hat bislang noch niemand aus Marquardt oder Potsdam sein Mitgefühl bekundet und sich entschuldigt, auch nicht dafür, dass die Polizei erst so spät anrückte.