Prozess in Genf Der Tote in Latex
Hamburg - Als man den distinguierten Finanzier Edouard Stern erschossen in seiner Genfer Wohnung auffand, war er an einen Stuhl gefesselt. Bekleidet war der 50-Jährige mit einem schwarzen Latexanzug.
Stern galt als einer der angesehensten Männer Frankreichs. Er belegte Platz 38 in der Liste der reichsten Franzosen und war ein Freund des heutigen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. Schnell machte damals das Gerücht die Runde, Stern, Spross einer traditionsreichen Bankiersdynastie, sei hingerichtet worden - von der russischen Mafia.
Doch zwei Wochen später ließ Untersuchungsrichter Michel-Alexandre Graber plötzlich Cécile B. festnehmen, eine aparte Französin, verheiratet, damals 36 Jahre alt. Drei Jahre lang war sie mit dem smarten Stern heimlich liiert gewesen, das Paar traf sich in New York, Paris oder Genf. Ihr Geld verdiente sie als Künstlerin und zeitweise als Edel-Callgirl. Ihr Faible für sadomasochistische Sexpraktiken soll sie mit dem schwerreichen Bankier geteilt haben.
13 Stunden lang beteuerte B. damals im Verhör, mit Sterns Tod nichts zu tun zu haben. Dann brach sie zusammen und gestand weinend, den dreifachen Familienvater getötet zu haben - mit dessen 9-mm-Pistole der Marke Smith & Wesson.
Ihr Geständnis wiederholte B. am 19. Dezember 2007 vor der Genfer Anklagekammer. Aufgrund ihrer Hinweise konnten immerhin drei Waffen, die Stern gehörten, aus dem Genfer See gefischt werden. Darunter auch die Smith & Wesson, mit der Stern getötet wurde, und die er in seinem Ankleidezimmer aufbewahrt hatte.
Am Mittwoch begann der Prozess gegen die heute 40 Jahre alte B. vor dem Genfer Geschworenengericht, nachdem sie seit vier Jahren in Untersuchungshaft im Gefängnis Champ-Dollon sitzt. Sie ist wegen vorsätzlicher Tötung angeklagt, nicht - wie es sich Sterns Kinder gewünscht hätten - wegen Mordes.
Obwohl kein Zweifel an B.s Täterschaft besteht, ist dieser Prozess keine glatte Sache, im Gegenteil. Denn Cécile B.s Motiv gibt Rätsel auf: Tötete sie kaltblütig, aus Geldgier? Oder rächte sie sich, weil ihr Liebhaber Stern sie jahrelang erniedrigt hatte?
Cécile B.: "Die Wahrheit so gut es geht erklären"
Vor der Schwurgerichtskammer sagte die Angeklagte am Mittwoch, wie sehr sie die Tat bedauere. Sie würde die Familie gerne um Verzeihung bitten, wisse aber, dass es für "etwas derart Abscheuliches" keine Entschuldigung gebe, sagte Cécile B. an Sterns Ex-Frau und dessen Kinder gerichtet. Das einzige, was sie tun könne, sei "die Wahrheit so gut es geht zu erklären".
Die Strategie ihrer Verteidiger Pascal Maurer und Alec Reymond ist klar: Die Französin soll wegen Totschlags verurteilt werden, weil sie nach Jahren der Demütigung durch Stern letztlich aus Hilflosigkeit agiert habe. "Er machte ihr tausend Versprechen und hielt kein einziges: Er hat nur mit ihr gespielt", sagte Alec Reymond der Schweizer Zeitung "Der Bund". B. habe in "heftiger Gemütsaufwallung" gehandelt.
B. wird von ihren Anwälten als Opfer eines harten, skrupellosen Mannes dargestellt, der sie über Jahre hinweg psychisch unter Druck gesetzt und sie auch sexuell zum Äußersten getrieben habe. Wegen Depressionen und einem Selbstmordversuch musste die 40-Jährige ihren Anwälten zufolge mehrmals in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden.
Das Liebesverhältnis zwischen B. und Stern sei von dessen Dominanz und Herrschsucht geprägt gewesen. Immer wieder soll der Finanzier B.s ergebenes, unterwürfiges Verhalten ausgenutzt haben. Ihre Verteidiger hoffen auf die Zeugenaussagen von B.s Freunden, die Stern als herrischen, egoistischen Liebhaber entlarven und die Beziehung der beiden als unausgewogenes und gewalttätiges Verhältnis skizzieren sollen. Hunderte von provozierenden, beleidigenden Nachrichten, die Stern auf B.s Mailbox und Anrufbeantworter brüllte, sollen in dem Verfahren entsprechend ausgewertet werden.
Im Gegensatz zur Geliebten B. schildert Sterns Ex-Frau Beatrice den Verstorbenen als "ausgesprochen liebenswürdig". Er habe "seine Fehler gehabt", sei cholerisch und aufbrausend gewesen. Doch sei er stets geradeheraus gewesen, "fordernd sich selbst und denjenigen gegenüber, die er liebte".
Auch Marc Bonnant, berühmter Strafverteidiger in der Schweiz und Anwalt der Familie Stern, zeigt sich von Bs. Angaben ungerührt. Er bezeichnete sie als "durchtriebene Kokotte", die es nur auf Sterns Vermögen abgesehen habe. Der Staranwalt präsentiert den Tod des Bankiers als Ergebnis der kaltblütigen Tat einer skrupellosen Hochstaplerin. "Sie verlangte von ihm die Heirat und eine Million - und tötete ihn in dem Moment, als er das Geld auf ihrem Konto blockieren ließ", zitiert "Der Bund" den Staranwalt.
Tötete Cécile B., weil Stern ein Konto blockieren ließ?
Stern, Schwiegersohn von Michel David-Weill, dem früheren Chef der Investmentbank Lazard, soll demnach am 10. Januar 2005 eine Million Schweizer Franken auf B.s Konto überwiesen haben - ein Liebesbeweis, den B. zuvor eingefordert haben soll.
B., aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, beginnt sofort, das Geld zu verprassen. Sie fliegt zum Shoppen durch die Welt, genießt es, endlich liquide zu sein. Nach zwei Wochen will Stern auf einmal das Geld zurück, als B. nicht pariert, lässt der einflussreiche Bankier über Kontakte ihr Konto sperren. Sie treffen sich in Montreux - und versöhnen sich kurz darauf in B.s Wohnung.
Doch Stern, für seine harten Geschäftsmethoden bekannt, hebt die Kontosperrung nicht auf. B. fährt zwei Tage später, am 28. Februar 2005, im Wagen ihres Ehemannes nach Genf, ins Nobelviertel Eaux-Vives. Mit einem Schlüssel, den ihr Stern einst aushändigte, betritt sie dessen Wohnung in der Rue Adrien-Lachenal 17 und wartet auf ihn. Kurz nach acht trifft Stern ein, es kommt zum Liebesspiel. Nach Angaben der Überwachungskamera verlässt B. um 21.17 Uhr mit dem Auto ihres Mannes die Tiefgarage.
"Eine Million ist teuer bezahlt für eine Hure"
Am 1. März finden Polizisten Stern tot in seinem Schlafzimmer - getroffen von vier Kugeln, zwei davon steckten im Kopf. Was genau spielte sich in der Stunde, in der Bankier und Geliebte gemeinsam im Apartment waren, ab?
Laut B.s Verteidigung soll der Satz des Bankiers "Eine Million ist teuer bezahlt für eine Hure" zu B.'s Kurzschlussreaktion geführt haben. Sterns Familie dagegen unterstellt dem ehemaligen Callgirl pure Geldgier.
Die tödliche Affäre von Edouard Stern und Cécile B. diente bereits als Vorlage für einen Film, einen Roman und ein Theaterstück. Reichlich Inspiration für fiktive Stoffe böte auch Sterns Biografie: Bereits als 22-Jähriger verdrängte er seinen Vater aus der Leitung des 1848 gegründeten Bankhauses Stern, das er 1988 veräußerte. Später herrschte er über einen 600 Millionen Euro schweren Investmentfonds, den er von Genf aus verwaltete.
Die Situation, in der Stern nach seinem Tod aufgefunden wurde, sowie die im Prozess zu erörternden Details aus seinem Intimleben sind die Hauptgründe, warum seine erwachsenen Kinder Mathilde, 24, und Louis, 22, den Antrag stellten, die Öffentlichkeit teilweise von der Verhandlung auszuschließen.
Der Prozess ist vorerst bis zum 18. Juni festgesetzt. Als Zeugen sind auch Dutzende bekannte Persönlichkeiten geladen. Die zwölf Geschworenen müssen entscheiden, wer in der "liaison dangereuse" wen manipulierte und ob B. den 50-jährigen Bankier vorsätzlich oder im Affekt tötete. Sollte Cécile B. wegen mutmaßlicher Tötung verurteilt werden, drohen ihr bis zu 20 Jahre Haft, bei Totschlag im Affekt nur bis zu zehn Jahre.