Prozess um Dreifachmord: Showdown im Eiscafé - DER SPIEGEL
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Prozess um Dreifachmord Showdown im Eiscafé

Drei Menschen starben bei der wilden Schießerei in der Rüsselsheimer Fußgängerzone vor knapp einem Jahr: Zum Prozessauftakt trafen nun die Mitglieder zweier tief verfeindeter türkischer Familienclans erstmals wieder aufeinander - unter massiven Sicherheitsvorkehrungen.
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Draußen vor dem Darmstädter Landgericht patrouillierten Beamte des Polizeipräsidiums Südhessen in schusssicheren Westen, und auch drinnen herrschte höchste Alarmstufe: Es gab mehrfach Personenkontrollen, ein Flurbereich war komplett gesperrt, unter die Zuschauer mischten sich Zivilbeamte.

Im Verhandlungssaal bekamen die Justizbeamten dann Verstärkung von SEK-Kräften, unter deren karierten Kurzarmhemden und Poloshirts sich ebenfalls kugelsichere Westen wölbten. Wie viele Beamte insgesamt im Einsatz waren, blieb aus taktischen Gründen geheim.

Denn Justizbehörden und hessisches Landeskriminalamt mussten sich für die Begegnung zweier verfeindeter türkischer Clans wappnen. Und die Strategie ging vorerst auf. Ohne Zwischenfälle verfolgten die Angehörigen den ersten Tag im Prozess gegen die wegen Mordes angeklagten Taylan K., 29, sowie die Brüder Erdal, 32, und Serdal E., 23.

Die drei sollen die Protagonisten der wilden Schießerei am 12. August 2008 mitten in der belebten Rüsselsheimer Fußgängerzone sein. Nach Erkenntnissen der Ermittler war der blutigen Fehde eine langanhaltende Rivalität der beiden Lager vorausgegangen.

Wie die K.s gelten auch die E.s im Rhein-Main-Gebiet als wichtige Figuren. Fast jeder Türke zollt ihnen Respekt, die Familien sind weitverzweigt, die verwandtschaftlichen Beziehungen werden innig gepflegt. Seit Jahrzehnten leben die Männer und Frauen in Deutschland, die jüngere Generation wurde hier geboren. Sie sprechen ebensogut Deutsch wie Türkisch und brauchen vor Gericht keinen Dolmetscher.

Angehörige beider Clans versammelten sich nun im Landgericht: Aus ihrer Mitte stammen die mutmaßlichen Täter - aber auch die Opfer. Bei der Gewaltorgie wurde Erkan K. getötet, 29 Jahre alt und Vater eines einjährigen Sohnes. Er war der Cousin des angeklagten Taylan K.

Sterben musste auch Deniz E., 26 Jahre alt und der Bruder der angeklagten Geschwister Erdal und Serdal E. Eine unbeteiligte Frau kam durch einen tragischen Zufall ums Leben. Anna K. hatte vor dem Eiscafé gesessen und war in die Schusslinie geraten. Die 55-Jährige verblutete in den Armen ihres Mannes Kosta.

"Warum meine Frau?"

Der Gastronom tritt in dem Fall als Nebenkläger auf. Als an diesem Dienstag die drei Angeklagten mit Handschellen hereingeführt werden, bricht er in Tränen aus, verzweifelt ruft er: "Warum meine Frau?" Sein Rechtsanwalt kann ihn beruhigen.

Auch die Väter der getöteten jungen Männer sowie Erkan K.s Frau und der gemeinsame Sohn treten als Nebenkläger auf, was bedeutet, dass mehr als zehn Rechtsanwälte an diesem Prozess teilnehmen - und mit einem langwierigen, komplizierten Verfahren zu rechnen ist. Bereits zum Auftakt wurden mehrere Anträge gestellt, darunter auch Besetzungsrügen, weil 18 Schöffen im Vorfeld ihre Teilnahme verweigert hatten. Erst nach zwei Stunden konnte die Anklage verlesen werden.

Rückblick der Ankläger

Rückblick aus Sicht der Staatsanwaltschaft: Mit drei geladenen Pistolen der Marken Ceska und Cvrena Zastava, zwei Messern, einem Schlagring und einem Elektroschocker treffen sich die verfeindeten Clan-Anhänger an jenem 12. August vergangenen Jahres in der Eisdiele "De Rocco" an einer belebten Ecke der Rüsselsheimer Fußgängerzone. Die Verabredung sei telefonisch zuvor vereinbart worden. "Beide Seiten rechneten damit, dass die Zusammenkunft einen gewalttätigen Verlauf nehmen könnte, und waren nicht bereit, in diesem Fall der jeweils anderen Seite das Feld zu überlassen", so der Staatsanwalt.

Es ist 19.40 Uhr, als die verfeindeten Gruppen im Eiscafé aufeinandertreffen. Bereits nach 15 Minuten kommt es zu Beleidigungen. Einer springt auf, alle anderen auch, es kommt zu einer Massenkeilerei. Erdal E. zieht in deren Verlauf ein Messer und sticht mehrfach auf Erkan K. ein, um diesen zu töten. Erkan K. schießt.

Serdal E. stürzt aus dem Café, Taylan K. folgt ihm - und feuert mindestens vier Mal. Sein Cousin Erkan K. kämpft gegen die beiden Brüder Deniz und Erdal E. Taylan K. schießt auch auf sie, dabei tötet er Deniz E., die unbeteiligte Passantin Anna K. - und verletzt seinen eigenen Verwandten Erkan schwer. Taylan K. flieht daraufhin.

Serdal E. sieht, dass sein Bruder Deniz tot, sein Bruder Erdal schwer verletzt ist. Er stürzt sich auf den ebenfalls schwer verletzten Erkan K. - und sticht mit einem Klappmesser der Marke Smith & Wesson 14-mal auf den Kopf und den Rücken des noch lebenden 29-Jährigen ein. Der Familienvater stirbt.

So hat es sich abgespielt, sagt der Staatsanwalt.

Laut Anklage ist Taylan K. nicht nur einer der Haupttäter, sondern auch derjenige, der neben seinem Cousin eine Schusswaffe benutzt hat. Er selbst bestreitet das und will gar nicht gefeuert haben.

Erdal E., der selbst sieben Schussverletzungen erlitt und nur durch eine Notoperation gerettet werden konnte, bestreitet ebenfalls den Tatablauf. Erkan K. habe direkt auf ihn geschossen. Diese Version vertritt auch sein Bruder Serdal; die Angeklagten beschuldigen sich folglich gegenseitig beziehungsweise schieben einen Großteil der Tat den Toten zu.

Rivalitäten im Türstehermilieu

Den Ermittlungen zufolge ist die Schießerei die Folge andauernder Rivalitäten im Türstehermilieu: Erdal E. arbeitete wie sein jüngerer Bruder lange in der Discothek "Europalace" in Mainz-Kastel. Der dritte Bruder betrieb einen Dönerladen. Gemeinsam sollen sie den Türsteher des Clubs "50 Grad", einen Freund der Familie K., bedrängt und mit Baseballschlägern und Tritten bedroht haben.

Immer wieder kam es demnach zu bedrohlichen Treffen, gewalttätigen Übergriffen und Verbalattacken zwischen den zerstrittenen Gruppen. Und immer wieder gab es offenbar auch Aussprachen oder Treffen vor dem Wettbüro des Erkan K., einem Dönerladen oder im Kebabhaus.

Die ältere Generation habe immer wieder die Kurve bekommen, sich versöhnt und versucht, den Respekt voreinander zu wahren, sagte ein Ermittler. Doch die jüngere Generation habe auf Konfrontation gesetzt. "An jenem Abend fehlte der mäßigende Einfluss der Familienoberhäupter. Wäre einer der Älteren dabei gewesen, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen", so der Beamte.

Laut Eröffnungsbericht der Kammer haben die Angeklagten "aus Verärgerung und verletztem Ehrgefühl gehandelt". Das sieht der Frankfurter Anwalt Oliver Wallasch nicht so. Er vertritt als Nebenkläger den Vater des getöteten Erkan K. und pflegt einen engen Draht zur Familie K. Man mache es sich zu einfach, "wenn man den Fall in die übliche Ehrenmord-Schublade stecken will".

Die Kammer hat vorerst 16 Verhandlungstage angesetzt.