Prozess um getöteten Säugling "Ich habe gewusst, dass ich es nicht alleine schaffe"
Hamburg - Die Frau auf der Anklagebank des Hamburger Landgerichts ist bleich. Sie rutscht auf ihrem Stuhl herum, wippt nervös mit einem Bein. Zwischendurch lächelt sie - nicht aus Freude, sondern angestrengt, vor Aufregung. Die 27-Jährige hat einen Entschluss gefasst. "Heute ist Wahrheitstag", wird sie später sagen.
Die Tat, die Monika K. zur Last gelegt wird: Sie soll im März dieses Jahres ihr Neugeborenes lebend in eine Plastiktüte der Firma "New Yorker" gesteckt und es dann aus dem zehnten Stock einer Wohnung im Hamburger Stadtteil Osdorf geworfen haben. Das Kind erlitt durch den Sturz aus 25 Metern Höhe tödliche Kopfverletzungen und starb. Bei der Polizei soll die Angeklagte Hismet K., den Vater des Kindes, der Tat bezichtigt haben - einen 23-jährigen Mazedonier, mit dem sie bis zu diesem Zeitpunkt eine Beziehung führte und der sie während der Verhandlung fortwährend ansah.
Totschlag an ihrem Baby und falsche Verdächtigung ihres Freundes - darauf lautet die Anklage. Vorwürfe, die Monika K. bisher abgestritten hat. Doch am ersten Prozesstag tut die gebürtige Polin, die in Hamburg als Babysitterin arbeitete, was sie vor der Verhandlung beschlossen hat: Sie gesteht beide Taten.
Als das Kind schrie, legte K. auf
"Berichten Sie uns, wann und unter welchen Umständen die Geburt erfolgte", fordert der Vorsitzende Richter Claus Rabe die Angeklagte auf. Und K. schildert unter Tränen, was sich am 15. März zugetragen haben soll:
Es waren Winterferien, K. hatte frei und war allein zu Hause. Sie stand auf, duschte, frühstückte, putzte die Wohnung und kaufte ein. Dann bekam sie Bauchweh. Sie kaufte Kräutertee und legte sich eine halbe Stunde schlafen. Die Schmerzen tauchten jedoch erneut auf. Für Wehen hielt K. sie nicht - die 27-Jährige glaubte, sie sei erst im achten Monat schwanger. Außerdem hatte ihr eine gute Freundin erzählt, dass eine Geburt große Schmerzen verursache. Wirklich große Schmerzen aber hatte K. nicht.
Auf der Toilette merkte die junge Frau dann, dass das Kind kam. Die Geburt ging schnell. Als das Baby auf der Welt war, wickelte K. es in ein Handtuch und durchtrennte die Nabelschnur mit einer Schere. Sie lief in den Flur, um ein Taxi zum Krankenhaus zu rufen. Den Säugling ließ sie im Badezimmer liegen. Als das Kind anfing zu schreien, legte sie sofort auf.
"Ich weiß auch nicht, da habe ich einen Schock gehabt und habe das Kind vom Balkon geschmissen", sagt sie. "Haben Sie vorher eine Tüte geholt?", fragt der vorsitzende Richter. "Ja", sagt die Angeklagte. Nach der Tat habe sie nicht mehr aus dem Fenster geschaut. Ihr Freund sei nach Hause gekommen, habe etwas gegessen und sich angeboten, das blutige Bad zu säubern. "Sie hat behauptet, sie habe Nasenbluten gehabt", lautet seine Zeugenaussage. Also habe er sich keine weiteren Gedanken gemacht und die Wohnung wieder verlassen.
Mit behutsamen Fragen versucht Richter Rabe, K.s Beweggründe für die Tat zu ergründen. "Was war das für ein Schock? Können Sie Ihren Zustand beschreiben?" Eine klare Antwort kann die junge Frau nicht geben. "Ich weiß nicht. Das war eine Panik. Ich habe gewusst, dass ich es nicht alleine schaffe. Diese ganze Beziehung. Ich habe immer gedacht, ich fahre nach Hause."
Nach Hause - damit meint K. Polen. Dort, im Haus ihrer Eltern, habe sie das Baby zur Welt bringen wollen. Es mit ihrem Freund Hismet K. aufzuziehen, mit dem sie seit zwei Jahren zusammen war - das konnte sich die Angeklagte nicht vorstellen.
Sie habe ihn geliebt. Doch er habe sie geschlagen und ausgenutzt, sei in die Disco und die Spielhalle gegangen, habe andere Frauen gehabt. Seinen Eltern habe er von der Beziehung nichts erzählt - weil diese sich eine muslimische Frau für ihren Sohn wünschten und keine Katholikin. "Die letzten Jahre mit ihm zusammen waren der Horror", sagt die Angeklagte.
"Fahr nach Polen und lass das Kind wegmachen", habe Hismet K. gesagt, als er von der Schwangerschaft erfahren habe. Die Angeklagte will dann im September 2006 bei einem Aufenthalt in Polen tatsächlich einen Termin bei einer Frauenärztin gehabt haben. "Aber als ich dann im Wartezimmer saß, habe ich mir gedacht, ich bin jetzt 27 Jahre alt und habe Erfahrung mit Kindern. Ich habe gedacht, dass ich es schaffe." Daraufhin habe sie die Praxis verlassen.
"Ich habe abgetrieben"
Nach ihrer Rückkehr will die Angeklagte ihren Freund belogen haben: "Ich habe abgetrieben." Erst einige Monate später habe er herausbekommen, dass sie immernoch schwanger war. "Er hat mir in den Bauch geschlagen, damit das Kind stirbt", sagte K. Doch sie habe ihn abgewimmelt. Es sei ihr Kind, sie schaffe das schon. Doch Hismet K. habe gesagt, sie schaffe nichts. "Ja, es war eine Art Rache, dass ich ihn bei der Polizei beschuldigt habe."
Auch ihren Eltern, Freunden und Arbeitgebern verheimlichte K. ihre Schwangerschaft. "Ich habe mir ausgerechnet, dass das Kind im April zur Welt kommt. Also wollte ich Ostern nach Polen fahren und das Kind dort bekommen." Erst dann habe sie die Eltern einweihen wollen. Doch das Kind sei viel früher als erwartet geboren worden.
K. weint. Immer wieder greift sie nach der leuchtend gelben Taschentuchpackung, nimmt ein neues Tuch heraus, schneuzt sich, trocknet ihre Tränen.
"Vielen Dank, Frau K., dass Sie sich überwunden haben, hier heute auszusagen. Ich hatte vorher auch gegenüber der Verteidigung angedeutet, dass das für Sie das Beste ist. Gut, dass Sie es geschafft haben, sich zu offenbaren. Das wird honoriert", sagte der Vorsitzende.
Die Aussage der jungen Frau gibt jedoch nicht auf alle Fragen Antworten. So ist unklar, ob der von ihr angegebene Zeitpunkt der Geburt stimmt. Einiges deutet auf einen späteren Termin hin, denn ein Passant hatte die Tüte mit dem toten Baby erst am 17. März auf der Grünfläche vor den Hochhäusern entdeckt. Es ist unwahrscheinlich, dass der Leichnam fast zwei Tage unentdeckt blieb. "Zuerst dachte ich, es sei eine Puppe. Aber dann habe ich Äderchen gesehen - und als ich die Tüte hochhob, war sie drei oder vier Kilo schwer", sagt der Zeuge vor Gericht.
Medikamente als Vorwand benutzt
Auch die Aussage von Hismet K., der als Nebenkläger und Zeuge auftrat, stimmt nicht in allen Punkten mit der von Monika K. überein. So will dieser nichts von der Schwangerschaft gewusst haben. "Ich habe darum auch nie gesagt, sie soll nach Polen fahren und das Kind abtreiben", sagt der 23-jährige Gerüstbauer. Er habe drei oder vier Mal gefragt - aber Monika habe immer alles abgestritten und ihren großen Bauchumfang auf die Nebenwirkungen von Medikamenten geschoben, die sie einnahm. Sie habe immer dicke Kleider angehabt. "Wenn sie das Kind nicht hätte haben wollen, hätte ich es zu meiner Familie nach Mazedonien gebracht."
Die Angeklagte sagt, ihr Freund habe sie oft allein gelassen. Hismet K. bestätigt das. Er sei oft lange weggegangen - auch um der eifersüchtigen Freundin aus dem Weg zu gehen. Sein Tagesablauf: Mittags aufstehen, mit Freunden ins Eiscafé gehen, dann ins Internetcafé, in die Spielhalle und danach in die Disco. "Es gab immer Streit. Darüber, dass ich spät nach Hause komme, angeblich andere Frauen habe." Also habe er sich so wenig wie möglich zu Hause aufgehalten.
Auch von der Geburt will der junge Mann, der in Lederjacke und Kapuzenpulli zur Verhandlung erschien, nichts mitbekommen haben: Ihm seien zwar die Blutflecken im Bad aufgefallen, er habe aber der Nasenbluten-Erklärung Glauben geschenkt. Erst als er den Rummel vor dem Haus mitbekam, als er erfuhr, dass die Polizei nach einer Frau fahndete, die ihr Kind aus dem Fenster warf - erst da habe er verstanden, was los sei.
Gutachter sollen nun den genauen Zeitpunkt der Geburt und die Schuldfähigkeit der Angeklagten feststellen. Bei einer Verurteilung wegen Totschlags drohen Monika K. bis zu 15 Jahre Haft.
Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.