Brasilien Amnesty macht Polizisten für Hunderte Morde verantwortlich
Militärpolizist in Rio de Janeiro (Archiv): Vorwürfe von Amnesty International
Foto: Mario Tama/ Getty ImagesDie Polizei von Rio de Janeiro gehört zu den schlimmsten Gewalttätern in der Stadt - diesen Vorwurf erhebt Amnesty International. Die Menschenrechtsorganisation hat ein Jahr vor Beginn der Olympischen Sommerspiele 2016 in der brasilianischen Metropole einen Bericht veröffentlicht. Er trägt den Titel "Du hast meinen Sohn getötet: Morde der Militärpolizei".
Über einen Zeitraum von zehn Jahren seien 8466 Fälle von Tötungen durch die Polizei im Bundesstaat Rio de Janeiro registriert worden, davon 5132 in der Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt, heißt es in dem Report. Besonders bei der Befriedung von Armenvierteln, den Favelas, komme es immer wieder zu Tötungen. Schusswechsel zwischen Drogenbanden und Polizeikräften seien alltäglich.
2014 waren Polizisten dem Bericht zufolge für 15,6 Prozent der Tötungsdelikte verantwortlich. In der Favela Acari im Norden seien neun von zehn Tötungen auf das Konto der Militärpolizei gegangen. Besonders häufig seien die Opfer Schwarze zwischen 15 und 29 Jahren. Für die Untersuchung führten Amnesty-Mitarbeiter viele Interviews mit Opferfamilien.
"Erst schießen, dann fragen"
Amnesty schreibt, die Polizei gehe nach dem Prinzip "erst schießen, dann fragen" vor. Sie genieße praktisch Straffreiheit, da kaum jemals richtig zu ihren Gewalttaten ermittelt werde. Von 220 in den vergangenen Jahren begonnenen Untersuchungen seien 183 immer noch offen.
"Rio de Janeiro ist eine Stadt mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite Glanz und Glamour, um die Welt zu beeindrucken, und auf der anderen eine Stadt, in der durch repressive Polizeieinsätze ein signifikanter Teil der Generation junger, schwarzer und armer Männer dezimiert wird", sagte der brasilianische Amnesty-Chef Atila Roque.
Der "Krieg gegen die Drogen" legitimiere Verstöße gegen die Menschenrechte, so Roque. Es gebe "starke Hinweise", dass die Polizeikräfte in vielen Fällen standrechtliche Hinrichtungen verübten. Die Tötungen würden anschließend als "Tod nach Widerstand" gegen die Staatsgewalt eingestuft und unabhängige Ermittlungen systematisch verhindert.
Brasilien hat eine der höchsten Gewaltraten unter nicht im Krieg befindlichen Ländern. Laut den aktuellsten Uno-Angaben wurden 2012 mehr als 50.000 Menschen ermordet. Im Bundesstaat Rio de Janeiro fiel die offizielle Mordrate im Juni 2015 mit 272 Toten auf den niedrigsten Stand seit 24 Jahren.
Rio ist bestrebt, Touristen sichere Olympische Spiele zu bieten - am 5. August 2016 werden sie im Maracanã-Stadion eröffnet. Für das Sportereignis sollen 85.000 Polizisten und Soldaten mobilisiert werden, insbesondere rund um die Sportstätten sowie an Hotels und Stränden.