Rocker Bruderkrieg bei den Hells Angels
Hells Angel, Polizisten im hessischen Hanau: "Ganz in Ruhe ausdiskutieren"
Hamburg - Es war Freitag, der 13. und für den Hells-Angels-Anführer U. war es ein ziemlich schlechter Tag. Denn an diesem trüben Nachmittag im September überfiel ein Rollkommando sein Clubhaus an der Breiten Straße in Krefeld. Die Männer, bis zu 60 sollen es gewesen sein, droschen den Rocker zusammen und schossen ihm in den Oberschenkel. Als die Polizei den Schwerverletzten fragte, wer ihn so übel zugerichtet hatte, schwieg der beharrlich. Und aus gutem Grund.
Denn die Angreifer, so vermuten die Ermittler, sollen ebenfalls aus den Reihen der Hells Angels stammen und teilweise sogar benachbarten Ortsvereinen angehört haben. Für die treibende Kraft aber hinter der Attacke, diesem blutigen Zwist unter vermeintlichen "Brüdern", halten die Fahnder Mitglieder der Hells-Angels-Filiale Nomads Turkey, einer Gruppierung von sehr zweifelhaftem Ruf um den früheren "Paten von Köln", Necati Arabaci.
Der 41-Jährige war nach einer Verurteilung unter anderem wegen Menschenhandels und drei Jahren im Gefängnis 2007 in die Türkei abgeschoben worden. Obschon er am Telefon über die Ermordung eines Staatsanwalts schwadroniert hatte, verhängte das Kölner Landgericht keine Sicherungsverwahrung gegen den ehemaligen Türsteher. Im August 2009 gelang ihm daraufhin die Gründung einer Hells-Angels-Dependance in Izmir. Die Traditionalisten im Club waren zwar skeptisch, aber im damals tobenden Bandenkrieg mit den Bandidos konnten die Höllenengel zusätzliches Personal sehr gut gebrauchen.
Die Strategie des Fürsten
Auch in Deutschland nahm die Gang seinerzeit vielfach brutale Banden aus den Problemvierteln der Großstädte auf. So verhinderte man, dass die zur Gegenseite überliefern - denn das hätte bedeutet, dass man mit ihnen hätte kämpfen müssen. Allein in Nordrhein-Westfalen verdoppelte sich die Zahl der örtlichen Ableger von Bandidos und Hells Angels seit 2005 fast. Die Integration nach Rockermanier war die Strategie des Hells-Angels-Fürsten Frank Hanebuth, der inzwischen in Spanien in Untersuchungshaft sitzt und sich um die Geschicke seiner Truppe nur noch sehr eingeschränkt kümmern kann. Dabei wäre straffe Führung derzeit dringend nötig.
Denn die Neuen im Club entwickeln sich immer mehr zu einem echten Problem. Sie kennen die althergebrachten Loyalitäten der Banden nicht mehr. Für sie ist das Rockerdasein nur ein Abschnitt in ihrer oft schon arg zerfurchten Biografie. Sie wechseln die Seiten, wie es ihnen opportun erscheint, sie definieren sich stark über ihre Herkunft, Familie, Ethnie - der Clan ist ihnen wichtiger als die Gang.
Auch die Hells Angels haben diese unheilvolle Entwicklung erkannt. So heißt es in einem vertraulichen Strategiepapier führender Rocker ("For internal HAMC use only!"): "Wir denken, dass wir stark sind, aber in Wirklichkeit werden wir jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr schwächer und schwächer." Ihr Club expandiere zwar weltweit, aber zu welchem Preis? Es gebe immer mehr Rocker, "die nicht so leben, wie sie sollten, nämlich gemäß unseren Wegen und Traditionen". Und was folgt für die Hells Angels aus dieser Erkenntnis? "Wir müssen den Zugang herunterfahren, um die schlechte Saat aufzustöbern ."
Machtkampf um die Vorherrschaft
Doch das wird wohl nicht mehr reichen. Zwischen den alten und neuen Hells Angels ist ein Machtkampf um die Vorherrschaft in Deutschland entbrannt, der sich immer wieder auch gewaltsam Bahn bricht: Anfang Oktober standen sich in Hanau etwa 150 Höllenengel aus dem Rhein-Main-Gebiet und etwa 80 aus Nordrhein-Westfalen gegenüber. Letztere waren angereist, um disziplinarische Maßnahmen gegen vier Clubkameraden, denen die Attacke von Krefeld angelastet wurde, "noch einmal ganz in Ruhe auszudiskutieren", wie ein Ermittler voller Ironie sagt. Die Polizei musste die vermeintlichen Freunde, bewaffnet mit Messer und Knüppeln, von einem Spezialeinsatzkommando trennen lassen.
Während die Traditionalisten von dem Frankfurter Hells-Angels-Boss Walter Burkard angeführt werden, folgen die jungen Wilden in großer Zahl dem Kommando des Exil-Regenten Necati Arabaci. In einem vertraulichen Lagebild der Kriminalpolizei heißt es dazu: "Einem strategisch auf den Erhalt und die Stabilisierung des HAMC (Hells Angels Motorcycle Club - d. Red.) Germany ausgerichteten Zirkel von circa neun führenden Mitgliedern steht eine wachsende Zahl von Personen mit überwiegendem Migrationshintergrund gegenüber, deren Loyalität dem Anführer des HAMC in der Türkei gilt." Daraus ergebe sich eine "abstrakte Gefährdungslage".
Dem Bericht der Ermittler zufolge wollen die Altvorderen die innerbetrieblichen Probleme eigentlich auf europäischer Ebene lösen - doch das dauert. In der Zwischenzeit jedoch dürften sie sich in ihrer Logik nicht die fortgesetzten Aktionen und Provokationen der Youngster bieten lassen, ohne dadurch an Ansehen und Einfluss zu verlieren. Die sehr dynamische Lage aber "könnte letztlich zu einer Spaltung" der Hells Angels in Deutschland führen, "mit derzeit noch nicht in allen Konsequenzen abschätzbaren Auswirkungen", so die Beamten.
Der Sprecher der deutschen Hells Angels, Rudolf "Django" Triller, wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Thema äußern: "Kein Kommentar."
Rocker Arabaci hat sich indes nach Erkenntnissen der Polizei selbst vorübergehend vom Dienst als Hells Angel suspendiert. Ein Rückzieher? Wohl kaum. "Jetzt schützt sie ihre Kutte nicht mehr", so soll er seinen unkonventionellen Schritt mit Blick auf die clubinterne Konkurrenz begründet haben. Denn eigentlich dürfen sich Hells Angels untereinander nichts antun. Mit Arabacis baldiger Rückkehr an die Spitze der Bande wird fest gerechnet.