Rot am See - Prozessauftakt: Das Geständnis von Adrian S. - DER SPIEGEL
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Prozessauftakt um Sechsfachmord in Rot am See Das Geständnis

Adrian S. erschoss in Rot am See sechs Familienmitglieder, zwei verletzte er schwer. Vor dem Landgericht Ellwangen erklärte der 27-Jährige nun, wie und warum er tötete – detailreich, wohlformuliert, in ruhigem Ton.
Aus Ellwangen berichtet Julia Jüttner
Angeklagter Adrian S. im Landgericht Ellwangen: "Ich hätte auf jeden geschossen"
Angeklagter Adrian S. im Landgericht Ellwangen: "Ich hätte auf jeden geschossen"

Angeklagter Adrian S. im Landgericht Ellwangen: "Ich hätte auf jeden geschossen"

Foto: Sebastian Gollnow/ DPA
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Es gibt Orte, von denen man meint, dort sei die Welt noch in Ordnung. Rot am See ist so ein Ort. Es liegt eingebettet im Hohenloher Land, im Osten Baden-Württembergs, umgeben von sanften Hügeln und weiten Feldern. Am 24. Januar riss Adrian S. die Gemeinde mit etwa 5500 Einwohnern und viel Fachwerk aus dieser Beschaulichkeit: In der Gaststätte "Deutscher Kaiser" am Bahnhof schoss er auf acht Familienangehörige, sechs von ihnen starben.

Das räumt Adrian S. im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Ellwangen in ruhigem Ton ein. Kurz zuvor haben ihn zwei Wachtmeister auf seinen Platz auf der Anklagebank gelotst - er ist an Händen und Füßen gefesselt, eine Jacke liegt über dem Kopf und verdeckt sein Gesicht vor den anwesenden Fotografen. Adrian S., 27 Jahre alt, ledig, ist wegen sechsfachen Mordes und zweifachen Mordversuchs in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung angeklagt, und es dauert nicht lange, bis sich herauskristallisiert, dass es bei dieser Tat noch mehr Tote hätte geben können.

"Ich habe einfach auf alles geschossen"

Adrian S. ist ein intelligenter Mann. Er spricht mit unerwartet tiefer Stimme, mehrere Stunden lang. Über seine Kindheit, seine Zeit nach der Schule - und über die Tat. Er wählt seine Worte mit Bedacht. Es sind erschütternd nüchterne Aussagen, die im Kopf der Zuhörer einen Film entstehen lassen: Adrian S., der sich im Haus seines Vaters in Rot am See hinter einer Tür versteckt, als seine Eltern die Treppe hochkommen. Wie er zunächst auf den Vater schießt und dann der Mutter folgt, die schreiend die Treppe hinunterrennt, und ihr in den Rücken schießt. Wie er auf den Halbbruder zielt, der ruft: "Adrian, nein!" Doch Adrian S. schießt weiter, auch auf seinen Onkel, auf seine Halbschwester, auf seine Tante. "Ich habe einfach auf alles geschossen, was sich bewegt hat."

Dann fällt Adrian S. ein, so beschreibt er es im Gericht, dass seine Mutter noch leben könnte. Er findet sie auf dem Boden in der Küche, sie bewegt sich noch, er schießt ihr in den Kopf. Im Esszimmer hört er den Sohn seiner Halbschwester, der ruft: "Mama, Mama!" Adrian S. geht zu ihm. Der 14-Jährige sagt: "Bitte tu' mir nichts!" Adrian S. lässt ihn laufen.

Der Junge sitzt im Schwurgerichtssaal neben seinem Vater. Die beiden treten wie andere Überlebende und Hinterbliebene in dem Verfahren als Nebenkläger auf. Sie sitzen Adrian S. gegenüber und blicken ihn wie erstarrt an, als dieser sagt: "Ich hätte auf jeden geschossen."

Gutes Abitur, abgebrochenes Studium

Die Wut, die sich an jenem 24. Januar entlädt, hat Adrian S. offensichtlich über viele Jahre entwickelt. In seiner Kindheit sei er Bettnässer und Opfer seiner Mutter gewesen, die mit ihm und seinen beiden älteren Halbgeschwistern in einem Reihenhaus in Lahr im Schwarzwald lebte und als Hebamme arbeitete. Die Eltern führten eine Fernehe, heißt es vor Gericht. Die Mutter habe ihren Sohn verspottet, ihn beim Windeln wechseln, als er schon zur Schule ging, absichtlich grob angefasst und ihn spüren lassen, wie sehr sie sich an seiner Stelle eine zweite Tochter gewünscht habe.

Nach einem Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,8 verließ Adrian S. sein Zuhause in Lahr und damit das Leben an der Seite einer Mutter, für die er im Gericht kein gutes Wort findet. Er studierte zunächst Maschinenbau in Aachen, später Betriebswirtschaftslehre in Stuttgart. Als er das Studentenwohnheim verlassen musste, kehrte er zurück nach Rot am See, wo er seine ersten Lebensjahre verbrachte. Es ist die Heimat seines Vaters. Dieser betrieb dort die Gaststätte "Deutscher Kaiser". Adrian S. mühte sich der Familie gegenüber, den Schein aufrechtzuerhalten. Bis zuletzt habe der Vater geglaubt, der Sohn studiere noch.

Er verachtete seinen Vater und hasste seine Mutter

Tatsächlich aber hauste Adrian S. in seinem Zimmer im zweiten Stock, das er selbst als "Müllkippe" bezeichnet. Er sagt, er habe es zuletzt "kaum in den Tag geschafft" und nicht mehr seinen Alltag bewältigen können – wegen der großen Belastung. "Ich hatte vor der Tat mein halbes Leben verdrängt", sagt Adrian S., das realisiere er jetzt in Untersuchungshaft. "Das schiere Volumen der Verdrängung" könne sich ein normaler Mensch nicht vorstellen.

Adrian S. will verdrängt haben, dass seine Mutter Sylvia S. versuchte, ihn mit weiblichen Hormonen zu vergiften. Die Mutter habe ihm seine Männlichkeit genommen, sagt Adrian S. und beschreibt seine Mutter als gehässige, niederträchtige Frau. Sylvia S. kann sich nicht mehr wehren gegen die vielen Vorwürfe, die ihr Sohn im Gericht gegen sie erhebt. Sie starb am Tatort.

Sylvia S.' Vater sagt im Gericht, seine Tochter sei "todunglücklich" gewesen über das angespannte Verhältnis zu ihrem Kind. "Ich weiß nicht, warum der Junge zu mir keinen Zugang mehr findet", habe sie immer gesagt. Adrian S. sei süchtig nach Computerspielen gewesen und habe seine Mutter wissen lassen, dass er sie "abgrundtief" hasse.

"Ich war völlig paranoid, habe jedem misstraut"

Ob er Interesse am anderen Geschlecht gehabt habe, will der Vorsitzende Richter Gerhard Ilg von Adrian S. wissen. "Ich hatte schon Interesse am anderen Geschlecht", antwortet dieser. "Gab es denn Beziehungen in Ihrem Leben?" – "Nö. Nie." – "Möchten Sie das vertiefen?" – "Ich denke, durch meine Mutter hätte gar keine Beziehung zustande kommen können."

Wusste Adrians Vater von den Vorwürfen, die er gegen seine Mutter erhob? Diese habe Klaus S. "sofort niedergebügelt", als "Geschwätz" abgetan und gesagt: "Krieg' dich wieder ein, das is' deine Mutter!" So berichtet es Adrian S. Der Vater sei der Mutter hörig gewesen. "Dadurch habe ich ihn verachtet. Ich sah ihn in der Pflicht, mich zu beschützen."

Es klingt so, als habe sich Adrian S. der Frau, die er als "Giftmischerin" bezeichnet, schutzlos ausgeliefert gefühlt. "Ich war völlig paranoid, habe jedem misstraut." Adrian S. schloss sein Zimmer ab, selbst, wenn er nur zur Toilette ging, wie er sagt. Ernährt habe er sich zuletzt hauptsächlich von H-Milch und Nahrungsergänzungsmitteln.

Adrian S. verschanzte sich in seinem Zimmer

Adrian S. gibt zu, Telefonate zwischen seinen Eltern abgehört und aufgezeichnet zu haben. Darin sprachen sie über den Sohn, über seine soziale Isolation, über seine einseitige Ernährung, sagt Adrian S. Und darüber, wann die Mutter, die trotz der räumlichen Trennung noch immer mit dem Vater liiert war, nach Rot am See kommen würde. Allein, zu wissen, dass seine Mutter nach Rot am See komme, habe bei ihm "Migräne, Schlaflosigkeit, Panikattacken" ausgelöst. 2013 habe er sich schließlich entschlossen, nicht nur seine Mutter, sondern auch seine Schwester umzubringen.

Eine Nebenklage-Vertreterin fragt Adrian S., warum er nicht weggezogen sei, weit weg von der Mutter, die ihm angeblich nach dem Leben trachtete? "Wie sollte ich sonst die Gelegenheit haben, meine Mutter und meine Schwester zu töten?", fragt Adrian S. zurück. "So war ich mittendrin."

Er installierte in seinem Zimmer zwei Überwachungskameras, einen Bewegungsmelder und eine Infrarot-Alarmschranke und er schob einen dicken Holzbalken von innen vor die Tür.

"Ich wünschte, ich hätte es nicht getan"

All diese Vorrichtungen, obwohl die Mutter gar nicht im selben Haus lebte, wundert sich Staatsanwalt Carsten Horn. "Wenn meine Mutter kommt, um mich umzubringen, dann kündigt sie das ja nicht an", sagt Adrian S. Warum er dann nicht den Weg gewählt habe, den man in einem Rechtsstaat habe, wenn man sich bedroht fühlt, hakt Horn nach. "Ich wollte mir die Selbstjustiz nicht nehmen lassen. Meine Mutter hätte ja nicht die Todesstrafe bekommen."

Nun könnte man meinen, der Amoklauf habe auf Adrian S. befreiend gewirkt. Doch als der Staatsanwalt ihn fragt, wie er die Tat heute bewerte, sagt der 27-Jährige zur Überraschung vieler im Saal: "Ich wünschte, ich hätte es nicht getan." Er habe nur geplant, die Mutter zu töten, die sein Leben zerstört habe; seine Schwester, die von den Vergiftungsversuchen der Mutter gewusst habe; seinen Vater, der ihn allein gelassen habe. Alle anderen aber habe er nicht töten wollen, diese Taten bereue er im Rückblick.

Nachdem Adrian S. insgesamt 30 Schüsse auf seine Familie abgegeben hatte, überlegte er kurz, auch sein eigenes Leben auszulöschen, erzählt er im Gericht. "Doch ich habe den Gedanken schnell verworfen und gemerkt: Ich habe nicht den Mumm, abzudrücken." Er habe dann die 110 gewählt und auf die Polizei gewartet.

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