Scheinväter: Einer verließ das Kuckucksnest - DER SPIEGEL
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Scheinväter Einer verließ das Kuckucksnest

Jahrelang glaubte ein Mann aus Schleswig-Holstein, er sei Vater eines Sohnes und einer Tochter. Dann kam heraus: Er ist es nicht. Das BGH hat geurteilt, dass Scheinväter jetzt Regressansprüche durchsetzen können. Doch das würde er nie tun - seine Liebe zu den beiden Kindern ist zu groß.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Seine Dachzimmerwohnung ist voller Fotos aus einem anderen Leben. Seinem Leben als zweifacher Familienvater. Sie hängen über seinem Nachttisch, über der Essecke in der Wohnküche und stehen auf der Biedermeierkommode neben dem knallroten Sofa. Sie zeigen Carsten Blöcher* mit einem dunkelhaarigen Mädchen und einem blonden Jungen. Nur die Mutter fehlt auf den Bildern. Als gäbe es sie nicht.

Blöcher hat Zeit gebraucht, diese Fotos anzuschauen und sie aufzuhängen. Am liebsten hätte er sein altes Leben in eine Schublade gestopft und sie nie wieder aufgemacht. 14 Jahre lang glaubte der Ingenieur aus Schleswig-Holstein, er sei Vater von zwei Kindern und Teil einer harmonischen Familie "mit Höhen und Tiefen, wie sie alle haben". Seit vier Jahren weiß er es besser. Der 49-Jährige ist nicht der leibliche Vater der beiden Kinder auf den Bildern. "Nennen Sie mich den 'emotionalen', den 'formellen' oder den 'Herz-Vater', wie Sie wollen. Es gibt ja so tolle Bezeichnungen für solche Leute wie mich", sagt er resigniert und schiebt ein zynisches Lachen hinterher.

"Solche Leute" sind Männer, die jahrelang glaubten, sie seien die Väter ihrer Kinder. Bis sie erfahren: Sie sind es nicht. Der leibliche Vater ist ein Urlaubsflirt, ein Nachbar oder eine Affäre. Sie fühlen sich getäuscht, verraten und verletzt. Das Leben gerät aus den gewohnten Bahnen. "Danach ist alles anders und man wünscht sich, man hätte es nie erfahren", sagt Blöcher. Und doch erinnert er sich gut an die Zeit, als die Zweifel überhand nahmen, und er alles dafür tat, Gewissheit zu bekommen.

Birgit und er lernten sich nach dem Studium auf einer Hochzeit von Freunden kennen. "Wir glaubten beide, der andere ist der Partner fürs Leben, und haben schnell Nägel mit Köpfen gemacht", sagt Blöcher. Sie heiraten 1990, als Birgit bereits schwanger ist. Im November wird Tochter Laura geboren. "Ich war bei der Geburt dabei. Ein kleines Wunder war das. Wir haben geweint vor Glück, als wir dieses gesunde, schlafende Bündel Mensch in unseren Armen hielten." Laura kommt - so glaubten beide - ein bisschen nach dem Vater: Sie hat die gleichen dunklen Augen, die langen Wimpern, später gewöhnt sie sich den gleichen schlaksigen Gang an wie er. "Unser Leben war schön, erfüllt, wir verstanden uns gut, hatten eine richtig gute Zeit", erzählt Blöcher.

Die Kinder wissen nichts von der Ménage-à-trois

Fünf Jahre später kommt Tim zur Welt, eine Frühgeburt. Blöcher ist zu der Zeit beruflich im Ausland. Er eilt ans Wochenbett, schließt seinen Sohn in seine Arme. "Jetzt sind wir eine 'richtige' Familie", habe er immer wieder gesagt. "Zu viert ist man mehr Familie als zu dritt", glaubte er damals. Tim kam optisch eher nach der Mutter: Er ist noch heute blond, hat blau-graue Augen und ein auffälliges Muttermal. "Ich hatte nicht die geringsten Zweifel, dass ich der Vater bin", sagt Blöcher. "Ich war einfach nur stolz - und überglücklich."

Dann erkrankt seine Frau schwer. Die Ehe stürzt in eine tiefe Krise. Er habe alles für sie getan, sagt er. Sie aber fühlt sich allein gelassen. Sie erholt sich von der Krankheit, sucht Halt in einer anderen Liebe. Blöcher erträgt es und hofft auf ein gutes Ende. Die Kinder wissen nichts von der Ménage-à-trois. Birgit kehrt reumütig zurück, man versucht einen Neustart, der zunächst gelingt.

Doch dann taucht der verzweifelte Geliebte auf, bittet Blöcher um eine Aussprache. "Zunächst dachte ich, der will nur Unruhe stiften." Die Männer treffen sich. "Dann sagt der mir ins Gesicht, dass die beiden schon vor Jahren eine Affäre hatten, und er ein ähnliches Muttermal an der gleichen Stelle hat wie unser Tim", sagt Blöcher. "Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen."

Seine Frau fleht ihn an, die Familie nicht zu verlassen

Blöcher behält das Geheimnis für sich und "dreht fast durch". Er vernachlässigt Tim, klammert sich an Laura, ignoriert Birgit. Zwei Jahre vergehen wie in einem schlechten Traum, bis ihn seine Frau zu einer Paartherapie überreden kann. Erst dort packt er aus. Seine Frau gesteht den Seitensprung, fleht ihn an, die Familie nicht zu verlassen. Krampfhaft versuchen sie, das Steuer herumzureißen. Der Geliebte tritt in den Hintergrund, heiratet eine andere.

Doch die Wahrheit hinterlässt Spuren. Das Misstrauen wächst. Neue Zweifel keimen auf: "Plötzlich fragte ich mich: Bin ich denn Lauras Vater?", erzählt Blöcher. "Dann dachte ich wieder: Meine Güte, jetzt drehst du komplett am Rad." Doch die Ähnlichkeit zwischen Vater und Tochter beschränkt sich auf die Augenfarbe. "Die Art zu Laufen muss ja nicht genetisch bedingt sein. Außerdem fiel mir das selbst nie auf, das sagten immer nur die anderen - und wissen die, wer der Vater ist?" Er erkundigt sich im Internet nach Vaterschaftstests. Rund 40.000 werden pro Jahr in mehr als 120 deutschen Laboren durchgeführt - meist ohne das Wissen der Mutter und der Kinder.

Blöcher traut sich nicht, seine Ängste jemandem anzuvertrauen. "Keiner erfuhr, dass ich nicht Tims Vater bin. Nach außen hatten wir eine Ehekrise gemeistert und galten im Bekanntenkreis weiterhin als gutes Team. Ich wollte nichts kaputtmachen."

Irgendwann lässt er sich die Unterlagen ins Büro schicken. Das Set enthält Wattestäbchen und Döschen. Blöcher entscheidet sich dann doch, statt einer Speichelprobe Haare seiner Tochter einzuschicken. Das Ergebnis versetzt ihn ins Taumeln: "Eine Vaterschaft wird mit Sicherheit ausgeschlossen." "Ich hatte immer nur einen Gedanken: Meine Frau hat mich und unsere Kinder hintergegangen - unser ganzes Familienleben lang", sagt Blöcher.

Eine Frau muss doch wissen, von wem sie ein Kind bekommt

Er braucht Wochen, um seine Frau zur Rede zu stellen. "Ich wusste, dann ist es amtlich, dann gibt es kein Zurück." Birgit H. bricht bei der Neuigkeit zusammen. Sie gibt zu, damals mit einem anderen Mann geschlafen zu haben. Doch auch sie sei davon überzeugt gewesen, dass Laura ihr gemeinsames Kind sei, behauptet sie. Blöcher glaubt ihr. "Auch wenn das noch so bescheuert klingt und alle sagen: Eine Frau muss doch wissen, von wem sie ein Kind bekommt. Ich glaube ihr das bis heute."

Dieser Glaube ist letztendlich der Grund, warum er weitere zwei Jahre versucht, das vermeintliche Familienglück mit aller Gewalt aufrechtzuerhalten. Doch die Dimension des Vertrauensbruchs und die Wucht der Enttäuschung zerstören die Liebe, das Zusammengehörigkeitsgefühl. Blöcher verlässt die Familie, wendet sich ab, würde am liebsten seinem Leben ein Ende bereiten.

Er findet Hilfe bei einem Psychotherapeuten, bis heute. "Es gibt Sitzungen, da frage ich mich: Warum bin ich hier? Und Tage, an denen ich nicht weiß, wie ich das je verkraften soll." Er lernt, das Schicksal anzunehmen, indem er sich den beiden Kindern, die seinen Nachnamen tragen, zuwendet. "Sie können am wenigsten dafür", sagt Blöcher und wischt sich die Tränen fort.

Laura weiß inzwischen, dass Blöcher ihr sogenannter Putativvater ist. Es war ein Schock für die 17-Jährige. "Bisher wollte sie ihren leiblichen Vater nicht kennenlernen, er sie auch nicht. Aber das wird sich nach der Pubertät sicher ändern", glaubt der Ziehvater. Der heute zwölfjährige Tim soll die Wahrheit erfahren, wenn er älter ist. Auch sein biologischer Vater legt angeblich keinen Wert darauf, Kontakt zu dem Jungen aufzunehmen, um "sein eigenes Familienglück nicht zu gefährden".

Unterhalt zahlt Blöcher weiterhin für die beiden, holt sie fast jedes Wochenende zu sich und verbringt mit ihnen einen Teil ihrer Schulferien. Der Kontakt zu seiner Noch-Frau beschränkt sich auf Absprachen wegen der Kinder, die Scheidung ist eingereicht.

Das Urteil des Bundesgerichtshofes vom vergangenen Donnerstag, wonach getäuschte Väter von den Kindsvätern Unterhaltsleistungen einklagen können, interessiert Blöcher nicht. Er fühlt sich nicht wie ein "Scheinvater", sondern "wie all die anderen Millionen getrennt lebender Eltern", sagt er. "Ich könnte leibliche Kinder nicht mehr lieben als diese beiden, die mir das Schicksal auf diesem Weg geschenkt hat."


*Alle Namen von der Redaktion geändert

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