Schmidts Auto-Affäre: Spanische Schnitzeljagd - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Schmidts Auto-Affäre Spanische Schnitzeljagd

Er ist wieder da: Ulla Schmidts gestohlener Dienstwagen steht bei der Polizei im spanischen Oliva, rund 20 Kilometer nördlich vom Urlaubsort der Ministerin. Doch vieles bleibt unklar: Wie und wo wurde der Mercedes gefunden? Und wie konnte er überhaupt gestohlen werden?
Von Simone Utler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Denia - Die anthrazitgraue Limousine steht im Innenhof der Guardia Civil, gesichert von einem Eisentor und einem Streifenwagen. Es ist die Mercedes S-Klasse, die dem Fahrer der deutschen Ministerin Ulla Schmidt vor einer Woche in Denia gestohlen wurde - so viel ist klar.

Gesundheitsministerin Schmidt in Alicante: Panne im Urlaub

Gesundheitsministerin Schmidt in Alicante: Panne im Urlaub

Foto: HEINO KALIS/ REUTERS

Haben die Diebe aufgrund des enormen öffentlichen Interesses kalte Füße bekommen und den Wagen einfach irgendwo abgestellt? Oder war die Fahndung erfolgreich, und die Polizei hat auch die Täter gefasst?

Der Wagen wurde zunächst nach Denia zur kriminaltechnischen Untersuchung gebracht, am Abend dann sollte die Karosse vom Typ Mercedes S 320 CDI dem Ministerium übergeben werden.

Den Tag über sorgten unterschiedliche Informationen sowohl in Denia als auch in Alicante ganz offensichtlich für Verwirrung. Während das deutsche Bundeskriminalamt bereits meldete, der Wagen sei gefunden worden, dementierte die Policia Nacional dies lange Zeit. "Das Auto ist bisher noch nicht gefunden worden, die Ermittlungen dauern an", sagte Sprecherin Ambrosia Royo SPIEGEL ONLINE noch am Mittag.

"Wenn der Wagen von einer anderen Polizeistelle - der Guardia Civil oder der Policia Local - gefunden worden wäre, hätten diese uns informiert, da bei uns die Zuständigkeit liegt", meldete die Policia Nacional laut EFE.

Gestohlen wurde der Mercedes, der rund 100.000 Euro wert ist, eine Woche zuvor, in einer gehobenen Wohngegend an den Hängen von Denia. Auf den Grundstücken mit Blick aufs Meer stehen überwiegend Häuser mit Gärten, Pools und dicken Autos davor. Die bleiben allerdings meist geschützt, hinter den verschlossenen Toren.

Die Schilder an den Einfahrten verraten: Hier residieren überwiegend Schweizer, Deutsche und Engländer. Und hier wohnte laut Polizei seit dem 14. Juli auch der Fahrer von Ulla Schmidt.

"Die Ministerin hat ihr Domizil aber nicht in dieser Nachbarschaft, sondern mehrere Kilometer entfernt", sagte Sprecherin Royo.

Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, soll das Haus einer Freundin, in dem die SPD-Politikerin seit Jahren urlaubt, acht bis zehn Kilometer entfernt liegen. Die Adresse ist aber ein gut gehütetes Geheimnis. "Viele Prominente verbringen hier gern ihren Urlaub, weil es keinen interessiert, wo sie wohnen, und man anonym bleiben kann", sagte ein Sprecher im Rathaus von Denia.

Die Diebe hatten leichtes Spiel

Der Wagen der Ministerin wurde laut Polizei in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli, zwischen zwei Uhr nachts und acht Uhr morgens gestohlen. Die Diebe hatten leichtes Spiel: Die schwülheißen Nächte mit Temperaturen von rund 25 Grad lassen Urlauber - und anscheinend auch Schmidts Fahrer - leichtsinnig werden. "Eine Hintertür des Hauses war zum Lüften geöffnet, die Schlüssel lagen offen herum", sagte Royo SPIEGEL ONLINE.

Außerdem seien noch einige persönliche Gegenstände gestohlen worden - ein Telefon, Kreditkarten und Bargeld im Wert von rund 200 Euro. "Am nächsten Morgen nach dem Aufstehen bemerkte der Fahrer den Diebstahl von Schlüssel und Auto und erstattete bei der Polizei in Denia Anzeige", so die Sprecherin weiter. Berichte, wonach der Mann betäubt worden sei, dementierte sie.

Schmidts Sprecherin, Dagmar Kaiser, schilderte den Diebstahl des Autoschlüssels dramatischer: Unbekannte hätten ein Gitter aufgebrochen, um sich Zutritt zur Unterkunft des Chauffeurs zu verschaffen. Die spanischen Behörden gingen davon aus, dass "mit Gas hantiert" worden sei.

Laut einem Schreiben von Gesundheitsstaatssekretär Klaus Theo Schröder an den Vorsitzenden des Haushaltsausschusses, Otto Fricke (FDP), das am Mittwoch bekannt wurde, hatten die Täter Schmidts Fahrer betäubt, um den Fahrzeugschlüssel aus dessen Hotelzimmer zu entwenden: "Bisherige Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Täter ein Türgitter aufgehebelt, den Fahrer betäubt (haben) und dann der Fahrzeugschlüssel und persönliche Gegenstände aus dem Zimmer entwendet wurden."

In dem Schreiben rechnete das Ministerium zudem vor, dass es trotz weniger Termine aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoll gewesen sei, den Wagen vom Fahrer samt Büroausstattung an den Urlaubsort bringen zu lassen. Das koste samt Übernachtungen, Maut, Reisekosten und Kraftstoff insgesamt 3200 Euro. Die Alternative dazu - einen Mitarbeiter mit den Geräten mitfliegen zu lassen, den Fahrer für den Diensttermin einfliegen zu lassen und einen Mietwagen zu nehmen - wäre gut 500 Euro teurer gewesen.

"In der Gesamtbetrachtung ist Variante 1 die wirtschaftlichere Lösung", heißt es in dem Schreiben. Da es sich um ein Leasing-Fahrzeug handelt, wurde der Wertverlust in der Kostenrechnung nicht berücksichtigt. Der Bund der Steuerzahler hatte inklusive Abnutzung Gesamtkosten von 9400 Euro errechnet. Bisher hatte das Ministerium von Spritkosten in Höhe von rund 500 Euro gesprochen.

Ministerin Schmidt flog am Mittwoch nach Berlin und soll am Freitag nach Denia zurückkehren, um ihren Urlaub fortzusetzen. Inzwischen gehört sie ja nicht mehr zum SPD-Wahlkampfteam.

Mit Material von AP und dpa