Schwerverbrecher vor Gericht Der unscheinbare Herr Wolf
Thomas Wolf zwischen seinen Verteidigern Joachim Bremer (r.) und Emanuel Ballo
Foto: Boris Roessler/ dpaHamburg - Thomas Wolf gehört zum unauffälligen Typ Mensch. Großgewachsen zwar, aber unscheinbar, ein Mann mit ergrautem Haar und Brille. Der "Typ Normalo", wie ein Fahnder mal über ihn sagte. Sein unauffälliges Aussehen war sein Glück.
Es ermöglichte Thomas Wolf, dem einst meistgesuchten Verbrecher Deutschlands, ein jahrzehntelanges Untertauchen. Er wurde sogar von Polizisten angesprochen - Verdacht schöpften sie allerdings nicht. Wolf blieb freundlich, höflich - und auf der Flucht. Die Polizei war ihm mehrfach dicht auf den Fersen, aber Wolf war immer schneller.
Bis zum 28. Mai 2009. Da wurde Wolf in Hamburg nach einem Besuch in der Kiez-Kneipe "Lehmitz" festgenommen, als er mit ein paar Plastiktüten in der Hand, unbewaffnet, auf die Straße spazierte.
Am Dienstag hat nun vor dem Landgericht Wiesbaden der Prozess gegen den 58-Jährigen begonnen. Zwei Monate vor seiner Festnahme, am 28. März, hatte Wolf die Ehefrau eines leitenden Bankangestellten aus Wiesbaden entführt und 1,8 Millionen Euro Lösegeld erpresst.
Es war ein kaltblütiger Überfall: Wolf klingelte laut der Rekonstruktion der Polizei an der Haustür, nahm die ahnungslose Frau in seine Gewalt und zerrte sie in einen Mietwagen. Den Ehemann zwang er, das Geld an der A 66 abzulegen. Wolf schnappte sich die Millionen, die Polizei griff nicht ein, um das Leben der Gekidnappten nicht zu gefährden. Die Frau hatte Wolf in einem Waldstück bei Hofheim an einen Baum gebunden. Sie konnte sich selbst befreien.
In dem Prozess tritt die entführte Bankiersfrau als Nebenklägerin auf. Die Verhandlung sei wichtig für ihre Aufarbeitung, sagte ihr Anwalt Marcus Traut. "Es ist für sie eine belastende Situation."
"Latrinenparolen" aus der U-Haft
Vor Gericht begegnete sie einem anderen Thomas Wolf als damals im März 2009: Der 58-Jährige sah elend aus - und viel älter als er ist. Die grauen Haare länger als auf den Fahndungsfotos, über dem cremefarbenen Hemd eine ärmellose Jankerweste. Wegen einer Borrelioseerkrankung nach einem Zeckenbiss ist er nur eingeschränkt verhandlungsfähig. Er könne maximal drei Stunden pro Tag am Prozess teilnehmen, sagte sein Anwalt Joachim Bremer aus Frankfurt am Main.
Im Verhandlungssaal kritisierte Bremer die Sitzordnung im Saal und die extrem strengen Sicherheitsvorkehrungen: Wolf wurde scharf bewacht, Panzerglas trennte ihn vom Zuschauerraum, zwei Beamte saßen neben ihm und nicht - wie sonst üblich - seine Verteidiger.
Das sorgte für reichlich Verzögerung: Bremer wollte durchsetzen, dass sein Mandant wegen der besseren Kommunikation neben, nicht hinter ihm sitzt. Das Gericht folge "Latrinenparolen" aus dem Untersuchungsgefängnis, wenn es annehme, dass Wolf sich mit einer Geiselnahme freipressen wolle.
Derartige Gerüchte waren im Vorfeld des Prozesses kolportiert worden. Die "Bild"-Zeitung hatte berichtet, dass Wolf vor Zeugen in der JVA Weiterstadt angekündigt haben soll: "Ich nehme Geiseln im Prozess, gehe nicht für den Rest meines Lebens in den Knast!"
"So etwas ist niemals geplant gewesen und auch niemals von ihm geäußert worden", wehrte sein Verteidiger vehement ab. Doch der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk wies den Antrag auf die veränderte Sitzordnung ab. Es sei aktenkundig, dass bei Wolf Fluchtgefahr bestehe. Staatsanwältin Maria Klunke gab zu bedenken, dass der 58-Jährige nichts mehr zu verlieren habe.
Wolf, seit seinem 15. Lebensjahr immer wieder straffällig geworden, saß von 1981 bis 2000 in mehreren Gefängnissen - und gilt als Ausbrecherkönig. 1982 gelang ihm aus einer Gefängnisklinik die Flucht, 1988 entkam er aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gütersloh, 1989 türmte er aus der JVA Geldern.
Silvester 1999 bekam er Hafturlaub - und kehrte am Neujahrstag nicht ins Gefängnis von Moers-Kapellen in Nordrhein-Westfalen zurück, wo er unter anderem wegen Bankraubs eine Gesamtstrafe von 21 Jahren hätte verbüßen sollen. Kurz darauf überfiel er eine Commerzbank in Hamburg-Altona und erbeutete 250.000 Euro.
Gewiefter Ganove? Von wegen!
Seither fahndete die Polizei mit internationalem Haftbefehl nach Wolf, der damit zum meistgesuchten Schwerverbrecher des Landes avancierte - und laut Bundeskriminalamt (BKA) als "besonders gewaltbereit" galt. Jahrelang lebte er unter falschem Namen in Frankfurt, führte mit einer ahnungslosen Lebensgefährtin ein unaufregendes Leben.
Auf seiner Flucht soll Wolf in den Niederlanden eine weitere Bank überfallen haben, ein Versuch in Brüssel scheiterte. Er ging immer nach demselben Muster vor: Er rief eine Bankfiliale an, bestellte einen hohen Geldbetrag und tauchte dann mit einem Koffer auf, in dem eine Bombenattrappe lag, eine Waffe in der Hand.
Die Profiler zeichneten das Bild eines gewieften, ausgebufften Schwerverbrechers. Wolf raubte, um seinen anspruchslosen Lebensstil zu pflegen. Viel Geld mit möglichst wenig Aufwand, war seine Devise. Er stieg in billigen Hotels ab, meist in Bahnhofsnähe, begnügte sich mit wenig Luxus und unauffälligen Autos, in denen er manchmal übernachtete, um Geld zu sparen.
Um nicht aufzufliegen inszenierte sich der gebürtige Düsseldorfer, der fließend Englisch und Niederländisch spricht, selbst als Gentleman und Frauenversteher.
Letzteres wurde ihm im Mai 2009 zum Verhängnis. "Sportlich, kultiviert, aber selten langweilig" hatte er sich in einer Kontaktanzeige im "Hamburger Abendblatt" selbst beschrieben. Eine Fußpflegerin aus Hamburg meldete sich bei Wolf, man verstand sich auf Anhieb. Wolf zeigte sich von seiner galanten, charmanten Seite.
Doch die Frau wurde misstrauisch. Vermutlich zu zügig und eindringlich hatte Wolf sie gebeten, auf ihren Namen für ihn eine Wohnung zu mieten, ein Konto zu eröffnen und ein Auto anzumelden. Die 58-Jährige alarmierte die Polizei.
Die Festnahme auf der Reeperbahn zerschlug das Bild des galanten, cleveren Ganoven: "Wir waren ernüchtert, als wir ihn vor uns hatten", sagte Jörn Blicke, Leiter der Personen- und Zielfahndung beim LKA Hamburg. Sie hätten ihm mehr Planung und Akribie zugetraut. Stattdessen die Einsicht: "Wolf ist eher einfach gestrickt."
Nachdem Richter Bonk den Antrag auf die veränderte Sitzordnung abgelehnt hatte, beantragte Verteidiger Bremer, dass die Richter und Schöffen wegen Befangenheit abgesetzt werden.
Die Sitzung wurde daraufhin auf Freitag vertagt.