Wien-"Tatort": Freudenhausfolklore
"Tatort"-Faktencheck Menschenhandel und Prostitution in Wien - tatsächlich ein Problem?
In Wien herrscht offensichtlich Krieg, jedenfalls im Rotlichtmilieu. Es geht um Menschenhandel, Schlepperei, um das ganz dicke Geld. Hier überlebt nur der Stärkere - oder wer die "Kunst des Krieges" beherrscht. So heißt der Wiener "Tatort", und er zeichnet ein Bild von großen, dunklen Geschäften in der österreichischen Hauptstadt. Von Bordellen mitten in grünen Wohnbezirken.
Ein türkischer Zuhälter sperrt eine junge Frau aus der Ukraine in ein Bordell in Wien, getarnt als Import-Export-Firma mit Sitz in Ankara, Türkei. Zwei Jahre lang zwingt er sie zur Prostitution, kein einziges Mal in dieser Zeit verlässt sie das Haus. Dann gelingt ihr die Flucht, und er wird tot aufgefunden, auf grausame Weise ermordet.
Ist Menschenhandel tatsächlich ein Problem in Österreich?
Ja, einem Lagebericht des österreichischen Bundeskriminalamts zufolge ist das Land "sowohl Transit- als auch Zielland für Menschenhandel in allen Ausbeutungsformen". Menschenhandel umfasst dabei gemäß Uno-Menschenhandelsprotokoll "die Anwerbung, Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder Aufnahme von Personen (... ) zum Zweck der Ausbeutung". Dies geschehe durch "Androhung oder Anwendung von Gewalt oder anderen Formen der Nötigung, durch Entführung, Betrug, Täuschung, Missbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit".
Beim Menschenhandel in Österreich spielen neben dem Zwang zum Betteln - hier sind vor allem Kinder betroffen - Zwangsprostitution und sexuelle Ausbeutung eine wichtigste Rolle. Belastbare Daten gibt es in Österreich nur aus dem Jahr 2014. Damals wurden insgesamt 99 Tatverdächtige nach §104a des österreichischen Strafgesetzbuchs (Menschenhandel) und §217 (Grenzüberschreitender Prostitutionshandel) ermittelt.
Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, gerade im Bereich der Zwangsprostitution. Prostitution allgemein ist in Österreich legal, Bordelle unterliegen aber eine Anzeigepflicht und einem Genehmigungsverfahren. Derzeit gibt es offiziell etwa 800 Betriebe (Bordelle, Laufhäuser, Saunaklubs, Massagestudios, Go-go-Bars, Animierlokale und Peep-Shows). Die Zahl der Prostituierten, überwiegend Osteuropäerinnen, wird auf etwa 8000 geschätzt. Ein großer Teil der Prostitution findet aber, wie im "Tatort" gezeigt, in Privatwohnungen oder als sonstige Firmen getarnten Gebäuden statt, was nach österreichischem Recht illegal ist.
Fälle wie der im "Tatort" dargestellte sind also durchaus realistisch. Nach Angaben der Polizei kommen sie "gelegentlich" vor, genaue Zahlen darüber gibt es aber nicht.
Haben Menschenhandel und Zwangsprostitution in Österreich mit Ansteigen der Flüchtlingszahlen zugenommen?
Nach aktuellen Erkenntnissen des österreichischen Bundeskriminalamts hängen Schlepperei (also das illegale Transportieren von Menschen über eine Grenze) und Menschenhandel (das Ausbeuten von Menschen gegen ihren Willen) nicht unmittelbar miteinander zusammen. Zwar habe die Zahl der Fälle von Schlepperei mit der Zunahme der Flüchtlingszahlen zugenommen, nicht aber die Zahl der Fälle von Menschenhandel.
"Uns sind in Österreich keine Fälle bekannt, in denen Schlepperei mit Menschenhandel einhergeht", sagt Silvia Strasser, Sprecherin des Bundeskriminalamts.
Führt die Spur, wie im "Tatort", oft in die Türkei?
Nein. Die meisten Täter im Menschenhandel, aber auch die meisten Opfer in Österreich stammen aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien, allesamt EU-Staaten. Nach Angaben des Bundesministeriums für Inneres in Wien werden die meisten Opfer also innerhalb der EU angeworben. Im Jahresbericht des Bundeskriminalamts taucht die Türkei mit keinem einzigen Ort auf.
Allerdings heißt es aus österreichischen Sicherheitskreisen, dass auch türkische Kriminelle "gelegentlich" im Menschenhandel mitmischten.