Terror-Verdächtiger: Verhaftung in letzter Minute - DER SPIEGEL
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Terror-Verdächtiger Verhaftung in letzter Minute

Erfolg für die Terrorfahnder: Der in Kiel heute Morgen festgenommene Mann ist einer der beiden mutmaßlichen Bahn-Bomber. Der in Kiel studierende Libanese wollte sich ins Ausland absetzen. Sein Kompagnon wird noch gesucht - und niemand weiß, was er vorhat.
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Berlin - Für Generalbundesanwältin Monika Harms war es der erste Auftritt in einem spektakulären Fall seit ihrem Amtsantritt vor gut drei Monaten - und sie hatte sogleich einen Erfolg zu verkünden. Denn der in Kiel festgenommene mutmaßliche Bombenleger Youssuf M. habe sich am Wochenende offensichtlich absetzen wollen, so Harms auf einer Pressekonferenz in Karlsruhe am Samstagnachmittag. Das vereitelte der Zugriff wenige Stunden zuvor auf dem Bahnhof in Kiel.

Der in Kiel lebende Student sei nach bisherigen Ermittlungen und anhand von DNA-Spuren der Verdächtige, der versucht haben soll, eine Bombe in einem Regionalzug zum explodieren zu bringen, so die Generalbundesanwältin weiter. Der 21 Jahre alte Mann, der aus dem Libanon komme, 2004 nach Deutschland eingereist sei und Mechatronik an der Fachhochschule Kiel studiere, werde am Sonntag in Karlsruhe dem Ermittlungsrichter vorgeführt.

Nach ersten Einschätzungen der Ermittler soll es sich bei dem Mann und dem noch gesuchten zweiten Verdächtigen keineswegs um Einzeltäter
handeln. "Es handelt sich um eine Tätergruppierung, die eine
dauerhafte Struktur aufweist", sagte Harms. Die Bundesanwaltschaft gehe davon aus, dass der Festgenommene einer terroristischen Vereinigung in Deutschland angehöre. Zur Begründung sagte Harms, für eine
zeitgleiche Explosion in zwei Zügen sei eine gute logistische
Vorbereitung nötig. Deshalb gebe es den Verdacht, dass sich weitere Personen dauerhaft zu einer terroristischen Vereinigung zusammengeschlossen hätten. Die Ermittlungen stünden noch ganz am Anfang, erklärte Harms. Man gehe aber davon aus, dass die Anschläge in Deutschland koordiniert worden seien.

Jörg Ziercke, der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), lobte auf einer zeitgleich stattfindenden Pressekonferenz in Kiel das "professionelle Vorgehen" der Sicherheitskräfte, insbesondere der Landespolizei Schleswig-Holsteins vor Ort. Ob es Kontakte zu den Londoner Attentätern gebe oder zu al-Qaida, müsse erst noch untersucht werden. "Die Gefahr dauert noch an", erklärte er mit Blick auf den zweiten Tatverdächtigen, der noch nicht gefasst wurde. "Wir wissen nicht, wie er reagieren wird", warnte der BKA-Präsident. Man wisse auch nicht, ob die Täter noch weitere Bomben gebaut hätten. Der hohe Fahndungsdruck müsse daher aufrechterhalten werden. Ziercke lobnte ausdrücklich die Berichterstattung der Medien. Durch den erheblichen Mediendruck nach der ersten Pressekonferenz zu den mutmaßlichen Bombenlegern am Freitag sei es "zu Reaktionen" gekommen, die zum Fahndungserfolg geführt hätten, so Ziercke. Welcher Art diese Reaktionen war, ließ der BKA-Präsident offen. Auch Generalbundesanwältin Harms erklärte in Karlsruhe, die Ermittler seien "auf Grund von Hinweisen" auf die Spur des 21-jährigen Libanesen gekommen, sagte die Generalbundesanwältin, ohne ebenfalls genauere Angaben dazu zu machen. Der Mann habe seit Februar 2005 in Kiel gelebt.

Als einer der mutmaßlichen Bahn-Attentäter, die am 31. Juli selbst gebaute Bomben in Regionalzügen deponiert hatten, war der mutmaßliche Täter gegen vier Uhr am Samstagmorgen auf dem Kieler Hauptbahnhof festgenommen worden. Zuvor hatte er noch einen Döner-Imbiss besucht. Zu diesem Zeitpunkt war der Bahnhof bereits weitgehend geräumt. Bundeskriminalamt und örtliche Polizei hatten ihn gleich absperren lassen, um eine Gefährdung der Öffentlichkeit auszuschließen.

Die ARD will derweil erfahren haben, dass auf einem der Bahnsteige wieder ein Sprengsatz gefunden worden sei - was indes bisher nicht bestätigt wurde: Aus dem Abtransport eines Koffers machte die Polizei kein großes Geheimnis (siehe Bildergalerie). Ein indiskreter Polizist, so eine Frau vor Ort, habe den Inhalt als "scharfe Bombe" bezeichnet. Später wurde dies allerdings dementiert.

Ein zweiter Mann, der ebenfalls auf dem Bahnhof festgenommen wurde, wurde wieder freigelassen, wie die Behörden in Kiel am Samstagnachmittag erklärten. Bei ihm sei eine Waffe gefunden worden, die sich aber als harmlos herausgestellt habe. Der Mann stehe nicht im Zusammenhang mit dem festgenommenen mutmaßlichen Bomben-Leger und sei wieder auf freiem Fuss.

Nach der Festnahme des mutmaßlichen Bombenlegers durchsuchte die Polizei am Samstag in Kiel ein Studentenwohnheim im Stadtteil Projensdorf. Auch ein Teich sei gegen Mittag nach Computerteilen und Sprengstoff durchsucht worden.

Zugriff durch Veröffentlichung der Videos?

Die Verhaftung erfolgte nur einen Tag, nachdem das Bundeskriminalamt erstmals Bilder der mutmaßlichen Täter vom 31. Juli 2006 veröffentlicht hatte. Über Video-Überwachungskameras waren zwei Verdächtige ausgemacht worden, die erst mit Gepäck, später aber ohne ihre offenbar gewichtigen Gepäckstücke unterwegs waren. Wenig später waren zwei verdächtige Koffer in Regionalzügen in Dortmund und Koblenz aufgefallen, die selbst gebastelte Sprengsätze enthielten.

Diese waren nur wegen handwerklicher Fehler nicht explodiert und hätten nach Auskunft des Bundeskriminalamtes (BKA) erhebliche Schäden verursachen können. Das BKA geht inzwischen davon aus, dass die versuchten Anschläge einen terroristischen Hintergrund gehabt haben könnten. BKA-Chef Jörg Ziercke hatte am Freitag gesagt, es sei vorstellbar, dass die Täter "Signale setzen wollten im Hinblick auf den Konflikt im Nahen Osten".

Ein Verdacht, der durch Inhalte der Bombenkoffer genährt wurde. Bei ihren Ermittlungen war die Polizei auf Spuren nach Libanon gestoßen. In den nicht explodierten Koffern hatte sich ein arabisch beschriebener Zettel und Speisestärketüten eines libanesischen Herstellers gefunden. Auf dem Zettel standen laut BKA-Chef Jörg Ziercke eine Telefonnummer im Libanon und - wie auf einem Einkaufszettel - der Produktname eines libanesischen Joghurts, der auch in Deutschland erhältlich ist.

Nach der Festnahme von Kiel wurde auf der Pressekonferenz in der Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein auch nach möglichen Zusammenhängen mit einer Verhaftung aus früherer Zeit gemutmasst. Im Juli war in Hamburg der mutmaßliche El Kaida-Unterstützer Redouane E.H. festgenommen worden, der jahrelang an der Universität der Förde-Stadt studiert hatte. Es gebe aber keine Erkenntnisse über eventuelle Zusammenhänge zwischen beiden Festnahmen, sagte der Kieler Innenminister Ralf Stegner (SPD) auf Fragen in Kiel. BKA-Chef Jörg Ziercke ergänzte: " Das ist überhaupt nicht spezifisch für den norddeutschen Raum."

pat/sev/AFP/dpa/ddp/rtr