Condé Nast setzt Starfotograf auf Index Onkel Terrys Welt
Terry Richardson
Foto: Gustavo Caballero / AFP"Es geht nicht darum, wen du kennst, es geht darum, wem du einen bläst. Ich habe nicht ohne Grund ein Loch in meiner Jeans." Terry Richardson, 2007
Seit mehr als 20 Jahren verdient der Starfotograf Terry Richardson prächtig mit seiner Porno-Ästhetik, sein Einkommen wurde mal auf 160.000 US-Dollar pro Tag geschätzt. Das könnte sich nun ändern, denn der mächtige Medienkonzern Condé Nast hat angekündigt, nicht mehr mit ihm zusammenzuarbeiten.
"Alle Bilder, die bestellt wurden oder die noch nicht gedruckt sind, sollten zerstört und durch neues Material ersetzt werden", zitiert der britische "Telegraph" aus einer verlagsinternen E-Mail von Condé Nast International. Eine Sprecherin von Condé Nast Deutschland bestätigte SPIEGEL ONLINE das Ende der Zusammenarbeit.
Am Set mit Terry Richardson: "Ich habe mich nicht wohl gefühlt"
Der Auslöser dafür ist vermutlich der Skandal um den Produzenten Harvey Weinstein und ein Artikel aus der "Sunday Times". Darin wird Terry Richardson als der "Harvey Weinstein der Modebranche " bezeichnet, weil auch ihm schon häufiger vorgeworfen wurde, Models eingeschüchtert und zu sexuellen Handlungen gezwungen zu haben. Genauso wie in der Filmbranche gibt es auch in der Modeindustrie Abhängigkeiten und Machtgefälle, die sexuelle Gewalt begünstigen.
Die Vorwürfe reichen zurück bis 2001
Am Dienstag zogen die italienischen Luxusmarken Valentino und Bulgari nach und kündigten an, keine Bilder mehr bei Terry Richardson zu bestellen. Man nehme die Anschuldigungen gegen Terry Richardson sehr ernst, heißt es in einer Stellungnahme von Valentino. Das ist insofern bemerkenswert, als dass es gar keine aktuellen Vorwürfe gibt.
Es gibt allerdings jede Menge alte. Die Liste öffentlich vorgetragener Anschuldigungen gegen "Onkel Terry", wie sich der 52-Jährige von jungen Models gerne nennen lässt, reicht mindestens 16 Jahre zurück:
- 2001: Das Model Liskula Cohen bricht ein Fotoshooting für die "Vogue" ab, nachdem Richardson von ihr verlangt haben soll, sich komplett auszuziehen und Sex mit einem männlichen Model vorzutäuschen. Der Fotograf selbst sei dabei nackt gewesen.
- 2004: Der Bildband "Terryworld" erscheint. Viele Fotos zeigen Richardson beim Sex. Auf mehreren ist zu sehen, wie er sich von seiner damaligen Praktikantin fellieren lässt. Auf einem Bild sitzt die Frau dabei in einer Mülltonne, im Haar trägt sie eine Tiara mit der Aufschrift "Slut". Neun Models strengen wegen der Veröffentlichung rechtliche Schritte gegen Richardson an. Alle Fälle werden außergerichtlich beigelegt.
- 2005: Das Model Gabriela Johansson verklagt Richardson. Johansson, die auch in "Terryworld" abgebildet ist, wirft dem Fotografen vor, sie mit der Aussicht auf einen lukrativen Modeljob zu Nacktfotos erpresst zu haben. Der Fall wird außergerichtlich beigelegt.
- 2006: Die damals 19-Jährige Jamie Peck lässt sich zweimal von Richardson fotografieren. Ihr Erlebnis beschreibt sie vier Jahre später so: "Auf einmal drängte er mich dazu, seinen Penis zu berühren." Alle am Set hätten sie angefeuert. "Ich wollte nicht die einzige Spielverderberin im Raum sein."
- 2007: Nach einem Shooting für die französische Ausgabe der "Vogue" verkündet das Model Coco Rocha, nie mehr mit Richardson zu arbeiten: "Ich habe mich nicht wohl gefühlt und werde es nie wieder tun."
- 2008: Die Webseite "Jezebel" veröffentlicht ein Schreiben der New Yorker Stylistin Anna del Gaizo, die behauptet, Richardson habe ihr bei Fotoaufnahmen seine Genitalien ins Gesicht gepresst. Sie bricht das Shooting ab.
- 2009: Das damals 19-jährige Model Sena Cech wird während Nacktaufnahmen, bei denen Richardson ebenfalls unbekleidet war, von dessen Assistenten dazu aufgefordert, den Fotografen zu masturbieren. "Ich habe es gemacht, aber mich danach schlecht gefühlt", sagt sie in dem Dokumentarfilm "Picture Me" des Ex-Models Sara Ziff.
- 2010: Das Model Rie Rasmussen beschuldigt Richardson in Paris öffentlich, aus seiner Machtposition heraus Frauen zu manipulieren und zu erniedrigen. "Ich verstehe nicht, warum irgendjemand ihn beauftragt", sagt sie anschließend. Richardson beschwert sich daraufhin bei ihrer Agentur.
- 2010: Das Model Sarah Hilker beschreibt gegenüber "Jezebel", sie habe bei einem Casting sturzbetrunkene Mädchen gesehen, von denen anzügliche Bilder gemacht wurden. Sie selbst sei damals 17 und mit gefälschtem Ausweis bei der Veranstaltung gewesen, aber niemand habe ihren Altersnachweis sehen wollen.
- 2011: Das Model Felice Fawn veröffentlicht auf ihrem Blog einen Chat mit Richardson. Nachdem sie ihm mitteilt, dass sie keinen Sex mit ihm haben werde, antwortet der Fotograf: "Es gibt nur einen Weg zu Ruhm."
- 2011: "Vocativ" veröffentlicht einen Auszug aus einem Skype-Chat zwischen Richardson und einer 17-Jährigen. Er schreibt ihr: "Es ist kein Geheimnis, was die meisten Models tun, um es zu schaffen." Als sie ablehnt, antwortet er: "Du wirst es nie zu etwas bringen."
- 2013: Auf change.org wird eine Petition gestartet, in der Marken und Modemagazine dazu aufgefordert werden, keine Fotos mehr bei Richardson zu bestellen.
- 2014: Das Model Charlotte Waters schreibt auf Reddit, dass Richardson sie bei Aktaufnahmen sexuell belästigt habe, als sie 19 war. Sie habe sich damals auch an die New Yorker Polizei gewandt, aber keine Anzeige erstattet. Sie wird ab diesem Zeitpunkt keine Nacktaufnahmen mehr machen.
- 2014: Auf Twitter wird unter dem Hashtag #NoMoreTerry eine Kampagne gegen den Fotografen gestartet.
Richardson hat alle diese Vorwürfe immer bestritten, irgendwann aber sogar damit kokettiert: "Es geht darum, eine Stimmung zu erschaffen, die Leute zu entspannen und in Aufregung zu versetzen. Wenn das passiert, kannst du alles tun", sagte er 2004 dem "Observer". Das Szenario sah oft so aus, dass Richardson sich selbst auszog, wenn die Models Probleme damit hatten, nackt für ihn zu posieren. Um ihn herum ein Haufen Assistenten und Bewunderer, die so taten, als sei es vollkommen normal, wenn der Fotograf auf einmal Sex verlangt.
Richardson brachte es weit in der Branche, sehr weit. Seine Arbeit erschien in "Vogue", "Harpers Bazaar", "Vanity Fair", "GQ", "i-D", "Rolling Stone" und "Vice". Seine Porno-Ästhetik kam auch bei Werbekunden gut an: Saint Laurent, Marc Jacobs, Tom Ford, Diesel, H&M, Mango, Supreme, Aldo, Jimmy Choo, Sisley oder Gucci - jeder wollte ein Teil von "Terryworld" sein. Auch Prominente. Barack Obama ließ sich genauso von ihm porträtieren wie Madonna, Lady Gaga oder Lena Dunham.
Am Dienstag ließ Richardson mitteilen, er sei "enttäuscht" darüber, dass seine Bilder nun bei Condé Nast auf dem Index stehen. Fragt sich nur, wie lange. 2014, als eine ganze Reihe an Vorwürfen an die Öffentlichkeit kam, wurde Richardson schon einmal von den Titelseiten verbannt. Ein Jahr später wurden seine Bilder wieder aus dem Giftschrank geholt.