Tim-Prozess "Er hat reagiert, wie es nur eiskalte Täter tun"
Itzehoe - Der Angeklagte kam als Letzter in den Gerichtssaal. Und er war heute noch blasser als sonst. Kein Blick zu den Eltern des kleinen Tim, der in den Stunden vom 8. auf den 9. November 2005 nach gröbsten Misshandlungen und wahrscheinlich zwölf Stunden Todeskampf allein und verlassen in der Wohnung des Angeklagten in Elmshorn gestorben war - während dieser in der Nebenwohnung die Nacht mit der ahnungslosen Mutter des Kindes verbracht hatte.
Am Ende der Urteilsbegründung - die 5. Strafkammer des Landgerichts Itzehoe verhängte eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren wegen Totschlags und blieb damit nur ein Jahr unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft - sprach der Vorsitzende Richter den Angeklagten Oliver H., 38, persönlich an: "Herr H., Sie haben dieses Kind getötet. Sie haben in der Hauptverhandlung behauptet, Sie hätten sich mit Tim 'auseinandergesetzt'. Jetzt wissen wir, was Sie damit meinten. Sie haben versucht, das Kind mit kasernenhofartigen Befehlen zu drillen. Es hatte keine Chance. Sie haben es auf übelste, brutalste, gemeinste Weise misshandelt. Sie haben das Leben eines Zweijährigen ohne Sinn zerstört. Ihre Tat verdient tiefste Verachtung."
Der Richter gab H. auch klar zu verstehen, dass es ihm gut angestanden hätte, zu Tims Tod zu stehen. "Und wenn Sie dies schon nicht schaffen, dann wäre wenigstens während des Ermittlungsverfahrens oder in der Hauptverhandlung ein Wort des Bedauerns zu erwarten gewesen. Doch Sie haben immer nur davon gesprochen, wie schlecht es Ihnen geht."
Der Vorsitzende Richter Eberhard Hülsing betonte mehrfach, die Kammer sei der "sicheren Überzeugung", dass nur H. und niemand sonst den Tod des Kindes verursacht habe, und er zitierte die Feststellungen der rechtsmedizinischen Sachverständigen, nach denen bei Tim eine außergewöhnlich starke Hirnschwellung mit "flächenhaften Unterblutungen über den ganzen Kopf bis in den Nacken hinein" vorgelegen habe.
"Es hat sich bei den Misshandlungen um einen äußerst massiven Schüttelvorgang mit einem peitschenartigen Mechanismus" gehandelt, so Hülsing, zu dem noch "ein brutales Schlagen des kleinen Kopfes gegen eine Wand oder einen Tisch hinzukam", so dass das ganze Gesicht entstellt gewesen sei. Als besonders abstoßend wertete es die Kammer, dass H. das sterbende Kind aus dem Bett genommen und auf ein Sofa gelegt hatte, wobei er nicht vergaß, mehrere Laken unterzuschieben - damit nichts verschmutzt würde.
"Total unglaubwürdig"
"Man fragt sich schon", so der Vorsitzende, "warum der Angeklagte, der das Kind ja angeblich zu reanimieren versuchte, dies nicht gleich im Bett tat. Das zeigt deutlich seine Einstellung gegenüber menschlichem Leben." Strafmildernd wertete das Gericht nur, dass H. nicht einschlägig vorbestraft ist und dass er das Kind nicht "mit Absicht" getötet habe: Der Angeklagte habe die Misshandlungen nicht begangen, um zu töten.
Oliver H. hatte während der Ermittlungen immer wieder seine Angaben dem angepasst, was die Kripo herausgefunden hatte. Hülsing: "Der Angeklagte reagierte nach der Tat so, wie es nur eiskalte Täter tun. Er hielt der Kindesmutter vor, warum sie nicht auch außerhalb des Hauses suche - wobei er selbst das tote Kind in eine Tasche gestopft und 'entsorgt' hatte." H. habe versucht, seine Tat zu vertuschen, den Verdacht auf andere Personen, vor allem die Kindesmutter zu lenken, er habe keine Rettungsmaßnahmen getroffen und sich "scheinheilig" an der Suche nach dem Kind beteiligt. Seine Einlassung in der Hauptverhandlung sei "total unglaubwürdig" gewesen.
Man frage sich, so der Vorsitzende, was den Angeklagten dazu gebracht habe, ein Kind so schwer zu misshandeln. "Er wollte Tim Manieren beibringen. Was er dabei völlig übersah, war das Alter des Jungen. Es spricht viel dafür, dass der Angeklagte, als er das Kind bei sich hatte, bald merkte, dass es nicht funktioniert, einem Zweijährigen perfektes Essen, Sprechen und Auf-die-Toilette-Gehen beizubringen. Tim ging ihm auf die Nerven."
Nach der Urteilsbegründung, als der Saal sich schon geleert hatte, saß der Vater Tims noch immer auf seinem Platz und rieb seine Augen trocken. Die Mutter des Jungen, die damals eine furchtbare Fehlentscheidung getroffen hatte, als sie ihren Sohn dem Angeklagten für ein paar Tage überließ, ging zu ihm und legte die Arme um ihn. "Sie haben nicht nur Tims Leben zerstört", hatte zuvor der Vorsitzende zum Verurteilten gesagt, "sondern auch das Leben seines Vaters und seiner Mutter. Man steht fassungslos vor dem Angeklagten und seiner Tat."