Tim-Prozess "Es gibt kein Vergessen"
Itzehoe - Mit gesenktem Kopf betritt Oliver H. den Gerichtssaal. Für einen Moment scheinen die Besucher im Landgericht Itzehoe heute den Atem anzuhalten. Sie wollen dem Mann in die Augen schauen, der im November 2005 den zweijährigen Tim aus dem schleswig-holsteinischen Elmshorn erschlagen haben soll. Die Staatsanwaltschaft hat den 38-jährigen Bautischler wegen Totschlags angeklagt.
Die Richter müssen die Frage klären, wie es zu dem schrecklichen Verbrechen kommen konnte. Der Angeklagte legte kurz nach der Tat ein Teilgeständnis ab. Sein Anwalt Christoph Heer hat dies jedoch erneut am Rande der Verhandlung relativiert.
Vor Gericht soll die vom Angeklagten angekündigte Aussage dazu beitragen, die noch immer im Dunkeln liegenden Hintergründe der Tat aufzuklären. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, ob er sich zu Sache äußern wolle, gibt Oliver H. ein kaum hörbares "Ja" zu Protokoll. Er bestätigt, dass er eine 32-seitige Erklärung vorbereitet hat. Verlesen wird sie am nächsten Verhandlungstag.
Staatsanwalt Peter Müller-Rakow erklärt, der Angeklagte habe Tim an beiden Armen gepackt und so geschüttelt, "dass er gegen eine harte Fläche prallte". Das habe zu einer "ausgeprägten Hirnschwellung" geführt, an der das Kind Stunden später gestorben sei. Oliver H. habe mit der außergewöhnlichen Grobheit den Tod des Kindes zumindest billigend in Kauf genommen.
Eine Woche lang hatten Hunderte Polizisten nach dem kleinen blonden Jungen gesucht, nachdem er tagelang als vermisst gegolten hatte. Am 16. November wurden die Befürchtungen zur traurigen Gewissheit: Tim lebt nicht mehr. Seine Leiche lag, in eine Sporttasche gestopft, im Dickicht eines Gartens unweit des Elternhauses. Wenig später wurde Oliver H., der neue Freund der Mutter, als Tatverdächtiger festgenommen. Ihm drohen bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft.
Die Mutter und der leibliche Vater von Tim treten im Prozess als Nebenkläger auf. Die 21-jährige Mutter blickte während der nur wenige Minuten dauernden Anklageverlesung auf den Tisch vor sich. Gelegentlich versuchte sie, Blickkontakt zu ihrem früheren Freund aufzunehmen.
Gegen die Mutter des Zweijährigen besteht laut Staatsanwaltschaft kein Verdacht, in die Tötung des Jungen verwickelt zu sein. Allerdings hatte die Anklagebehörde zuletzt Berichte bestätigt, wonach Tim schon Tage vor seinem gewaltsamen Tod misshandelt worden war. Inwieweit die Mutter eventuell daran beteiligt war, ist offen und muss noch geklärt werden.
Sporttasche mit der Leiche im Gebüsch versteckt
Die 21-Jährige hatte Tim ihrem neuen Freund, mit dem sie zum Tatzeitpunkt ein halbes Jahr zusammen war, über mehrere Tage hinweg überlassen. Er wohnte nebenan. Monya H. sah ihren Sohn zuletzt am Dienstag, 8. November. Am Mittwochabend kam es laut Polizei zur tödlichen Misshandlung. Am Morgen des 10. November nahm Oliver H. die Sporttasche mit der Leiche mit zu einem Haus, wo er mit Bauarbeiten beschäftigt war, und versteckte sie.
Am Abend dieses Tages meldete die Mutter Tim als vermisst. Gegenüber der Polizei gab sie an, ihn gegen 19 Uhr schlafend mit Kleidung in sein Bett gelegt zu haben. Danach sei sie eingeschlafen und gegen 23 Uhr aufgewacht. Tim sei spurlos aus dem Kinderbett verschwunden. Später stellte sich heraus, dass dies nicht richtig war. Der Polizei erklärte die Frau daraufhin, sie habe befürchtet, dass es sich bei möglichen Sorgerechtsentscheidungen negativ auswirken würde, wenn herauskäme, dass sie ihren Sohn mehrere Tage bei ihrem Freund gelassen hatte.
Auch etwa drei Monate nach der schrecklichen Tat sind die Menschen in Elmshorn und im benachbarten Itzehoe noch immer geschockt. Das Verbrechen beherrscht die Gedanken der Einwohner. In der Tankstelle gegenüber dem Landgericht in Itzehoe sagt eine Frau: "Es gibt kein Vergessen."
Gregor Haake, AP