Todesfahrer-Prozess Die Volksseele klagt an
Stralsund - Es ist grau in Stralsund. Der Himmel ist es, und die Häuser sind es auch. Der Tag verspricht nicht viel Gutes für die Mütter von Virginie und Mara. Der rote Klatschmohn auf den Plastikbechern kann der schwarzen Kleidung und der Tristesse nicht trotzen. Kaffee aus Thermoskannen macht darin die Runde, es wird viel geraucht. Verschlafen und trotzig blicken die meisten der rund 30 Wartenden auf den Eingang zu den Gerichtssälen des Stralsunder Landgerichts. Jugendliche sind gekommen, Freunde, Verwandte, Bekannte. Früh sind sie los gefahren, aus Rügen. Die besten Plätze gilt es zu sichern, dem "Schwein" will man in die Augen schauen.
Die beiden Mütter haben nicht viel geschlafen, aber Kaffee brauchen sie nicht, um wach zu bleiben - die Aufregung ist viel zu groß, die Wut, und die Trauer. Und der Wunsch, dass es wenigstens ein bisschen Gerechtigkeit geben möge. "Das sind wir unseren Kindern schuldig, dass wir heute hier sind. Wir machen das hier für die vier", sagt die Mutter von Mara. Die Mutter von Catherine, deren Tochter ebenfalls beim Unfall ums Leben gekommen ist, trägt ein T-Shirt: Mit weißen Lettern steht auf schwarzem Untergrund: "Trauer und Wut". Das T-Shirt scheint wie das Motto des Prozesses, der heute am Stralsunder Landgericht begonnen hat.
Wütend sind die Jugendlichen und die Eltern längst schon nicht mehr nur auf Elias P. Sie sind wütend über taktlose Reporter, profitgierige Fotografen. Die immer wieder Fotos der Eltern vor der Unfallstelle machen wollten - emotional und exklusiv. Als die Journalisten vor dem Gericht eintrudeln, rücken die Wartenden demonstrativ enger zusammen, Lücken werden geschlossen. Die Eltern ziehen sich in das Wohnmobil auf den Parkplatz zurück: "Als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre", raunt Maras Mutter.
"Mörder!" haben sie gerufen
Elias P. bekommt nichts mit von den Wartenden. Dass es besser für ihn ist, sich nicht unter die Freunde und Bekannten von Virginie, Toni, Mara und Catharina zu begeben, das hat er spätestens begriffen, als er nach dem Unfall im Krankenhaus Morddrohungen erhielt, Jugendliche vor dem Hotel seiner Eltern Sitzblockaden abhielten und "Komm raus!" und "Mörder" brüllten. Aus Sicherheitsgründen musste er von der Insel gebracht werden.
Aber erinnern kann er sich an den Unfall in den frühen Morgenstunden des 4. Juni nicht. Als der Staatsanwalt die Anklage verliest - fahrlässige Tötung in vier Fällen sowie vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs - blickt er zu Boden, die Augen teils geschlossen. Bruchstücke seien es, an die er sich erinnere, aber was davon aus Erzählungen stamme und was von ihm, das wisse er nicht. Er stottert, spricht abgehackt, wie ein schluchzendes Kind.
Elias P. weiß angeblich nicht mehr, wie er mit rund 108 Stundenkilometern in einer Kurve zwischen Lietzow und Ralswiek trotz durchgezogener Linie überholte, nicht wieder einscherte, und frontal mit dem Renault Clio zusammenstieß. Zeugen berichten, dass ihnen bereits vor der Unfallstelle auf der B 96 das gefährliche Fahrverhalten eines dunklen BMW-Cabrios aufgefallen sei.
Er erinnert sich nicht, dass er, als ein Mann ihm zur Hilfe eilte, mit dem Finger in das Gebüsch zeigte und sagte "Ich war das nicht, die sind schon weg" und dass er einen Rettungsassistenten, den er vom Sehen kannte, nach dessen Schilderung "locker, als wenn er in Partystimmung gewesen ist" mit den Worten "Hey Großer, was machst du denn hier?" am Unfallort begrüßte.
"Es tut mir wahnsinnig Leid"
"Ich habe erst später erfahren, dass bei dem Unfall vier Jugendliche ums Leben gekommen sind, was mir wahnsinnig Leid tut", sagt der Angeklagte bei seiner Vernehmung. Elias P. sieht nicht aus wie jemand, der häufig stockend spricht. Zwischen seinen beiden Anwälten wirkt er während des Verhörs indes wie ein großer Junge, von dem jedoch jeder weiß, dass er sich eine solche Naivität nicht mehr leisten kann.
Um 24 Uhr sei er in seine Stammkneipe, das "Schwarbylon", gefahren, mit seinem schwarzen BMW Cabriolet mit 343 PS. Aus der Akteneinsicht sei ihm bekannt, dass er beim Unfall alkoholisiert war. Vielleicht habe er Wodka-Orange getrunken, genau erinnern könne er sich nicht.
Auch Kokain habe er genommen, aber nicht regelmäßig, ungefähr alle zwei Wochen. Wegen der Belastungen: "Man muss das alles unter einen Hut bringen, mit der Arbeit und den Freunden." Aber er habe das Kokain nur genommen, wenn man es ihm angeboten habe, sagt er. Es klingt wie eine schlechte Entschuldigung.
Auf Rügen gilt der 24-Jährige als "Protzer"
Während Elias P. von seinen Trinkgewohnheiten und seinem Drogenkonsum spricht, geht ein Raunen durch den mit rund siebzig Personen voll besetzten Gerichtssaal Nummer 14. Die Menschen auf Rügen zeichnen ein anderes Bild von dem Hoteliersohn. Elias P. sei ein Protzer, erzählen die Jugendlichen aus Sagard, einem kleinen Ort auf Rügen, aus dem auch zwei der Opfer stammten. Ines Vespermann und Peggy Begrow kannten Virginie und Toni aus dem Jugendclub, dem einzigen Treffpunkt für Jugendliche im Ort.
Von außen gleicht das Gebäude am Rande einer Plattenbausiedlung eher einer Baracke. Die Haltestelle um die Ecke ist mit Kippen übersäht, beschmiert, seit langem ohne Fenster. Hier trifft man sich in Sagard, meist zwischen sieben und acht Uhr abends.
Elias P. sei mit ihrem Bruder in die Schule gegangen, sagt Ines Vespermann: "Erst war er still, hat kaum was gesagt. Später hat er sich dann seine Freunde gekauft". Von dem Geld seiner Eltern. Im "Hyperdome" sei er oft gewesen, einer Großraumdisko im Gewerbegebiet. "Da fliegen die Drogen nur so durch die Luft. Da musst du dein Glas zuhalten, sonst fallen sie da rein."
Die im Zeugenstand befragten Freunde des 24-Jährigen wollen von dessen Drogenkonsum indes nichts wissen. Man kenne sich seit mehreren Jahren, gehe zusammen feiern, aber er sei ein "durchschnittlicher" Trinker, Kokain, nein, davon wisse man nichts. Auch die Freundin des Angeklagten, Katja F., will erst durch den Unfall davon erfahren haben, dass ihr Freund hin und wieder zu dem weißen Pulver greife. Seine Ex-Freundin, Beatrice B., mit der er zwei gemeinsame Kinder hat, verwehrt ihm jedoch wegen des Trinkens und der Drogen den Kontakt zu den Kindern. Mehrfach sei Elias P. betrunken mit dem Auto zu ihr gefahren, berichtet sie.
Auf Rügen kann jeder etwas zu Elias P. sagen - ohne ihn zu kennen
Auf Rügen, wo viele Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden, es viele Arbeitslose gibt, fällt einer wie Elias P. auf. Er ist immer gut gekleidet, solarium-gebräunt, fährt bereits mit 22 Jahren einen 50.000 Euro teuren Sportwagen - und er feiert gerne und viel. Als "reicher Schnösel" sei er verschrien gewesen, erzählt ein Taxifahrer. Mit dem Geld seiner Eltern habe er angegeben, viel zu früh zu viel davon gehabt.
Sein schlechter Ruf scheint dem Hoteliersohn bewusst: "Viele halten mich für einen arroganten Vogel, der dann in einem Anzug am Fußballplatz vorbeikommt. Und dann sagen sie, 'kann der sich nicht angemessen anziehen'. Die wissen ja nicht, wann man arbeitet."
Eitel ist der junge Mann. Die Pillen, die die Polizei in seinem Auto findet, seien Appetitzügler, gibt er an. Man habe ihn gehänselt, und dagegen wollte er etwas unternehmen. Auch unmittelbar nach dem Unfall war P. auf sein Äußeres bedacht.
Es scheint, als ob im Leben von Elias P. jeder und alles Schuld trägt - nur nicht er selbst. Der Stress ist verantwortlich für die Drogen, die er nur nimmt, wenn andere sie ihm anbieten. Die, die ihm die Schnäpse offerieren, sind verantwortlich, wenn er sie trinkt, und noch während er am Unfallort versucht, sich nur leicht verletzt aus der Fahrertür seines Autos zu befreien, zeigt er ins Leere auf diejenigen, die er - fälschlicher Weise - bezichtigt, sein Auto gefahren zu haben.
"Der hätte ruhig dabei drauf gehen können"
"Das Schlimmste für uns alle war, dass er es bestritten hat", sagt Peggy Begrow. "Der hätte ruhig auch dabei drauf gehen können". In Sagard haben die Jugendlichen an der Haltestelle vor der Graffiti-Baracke deshalb Rache geschworen. Für den sinnlosen Tod von Toni und Virginie, und die beiden anderen. "Mit den Beinen wollten sie ihn auf die Schienen legen und festbinden: 'Wenn wir den in die Finger kriegen, dann bringen wir ihn um'", hätten die anderen immer wieder gesagt.
Auf Rügen debattiert man indes, was ein Menschenleben wert ist. "Man kann das nicht aufrechnen", meint der Taxifahrer. "Aber für uns war das kein Totschlag - für uns war das Mord." Unter dem Motto "Jetzt reicht es", haben sich Eltern und Freunde der Opfer zusammengeschlossen. Sie haben Aufkleber mit dem Slogan, umringt von vier schwarzen Kreuzen - stellvertretend für die vier Jugendlichen - anfertigen lassen und sie auf die Heckscheiben ihrer Autos geklebt. Aber auch die Autos mit den Aufklebern fahren oft auch viel zu schnell, berichten die Menschen auf Rügen - und schütteln den Kopf.