Todesurteil: Tookie hofft auf den Terminator - DER SPIEGEL
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Todesurteil Tookie hofft auf den Terminator

Jetzt liegt alle Verantwortung auf seinen gestählten Schultern. Bis Mitternacht Ortszeit hat Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger Zeit, die Hinrichtung des verurteilten Mörders Stanley Williams zu stoppen. Doch die Chancen auf eine Begnadigung stehen schlecht.
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San Francisco - In Sachen Muskelaufbau standen sich Verurteilter und Gouverneur in der Vergangenheit in nichts nach: Auf Fotos aus den siebziger und achtziger Jahren präsentiert sich Todeskandidat Stanley "Tookie" Williams in ähnlich beängstigend guter Form wie einst "Mister Universum" Arnold Schwarzenegger. Doch während der eine seine überragende Physis in brutalen Bandenkriegen erschöpfte, nutzte der andere das Sprungbrett Bodybuilding für seinen erstaunlichen Aufstieg in Filmbusiness und Politik. Heute überlegt Williams, welche Henkersmahlzeit er bestellen soll, während Schwarzenegger darüber grübelt, ob der verurteilte Vierfach-Mörder weiterleben oder sterben soll.

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Stanley Williams: "Rettet Tookie!"

Foto: AP

Nachdem das Oberste Gericht des Bundesstaates Kalifornien in der Nacht zum Sonntag einen Aufschub der Urteilsvollstreckung abgelehnt hatte, liegt Williams' Schicksal in der Hand des Gouverneurs. Der hat allem Anschein nach Probleme mit einer möglichen Begnadigung: Gestern vertagte "Arnie" seine mit Spannung erwarteten Entscheidung. Verweigert er Williams die Umwandlung der Strafe in lebenslange Haft - und schreitet nicht in letzter Minute ein Bundesgericht ein - wird der Todeskandidat in der kommenden Nacht um 0.01 Uhr Ortszeit (9.01 Uhr MEZ) durch eine Giftspritze sterben.

Während Unterstützer von Williams die Verzögerung als grausam brandmarkten, scheint Schwarzenegger bewusst alle Zeit nutzen zu wollen, die ihm zur Verfügung steht. Der Gouverneur steht vor einem altbekannten Dilemma: Auf der einen Seite muss er die mehrheitlich für die Todesstrafe votierende kalifornische Öffentlichkeit befriedigen, auf der anderen Seite dürfte er die Kritik seiner einflussreichen Familie und vieler Hollywood-Kollegen fürchten, die sich klar gegen dieselbe stellen.

Schwarzenegger, seit Jahresbeginn politisch schwer angeschlagen, weiß: Wenn er 2006 wiedergewählt werden will, braucht er die Unterstützung der Massen. Unmissverständlich in diese Zusammenhang die Zahlen einer Umfrage vom März 2004: Demnach sind 68 Prozent der 35 Millionen Kalifornier für die Todesstrafe - 54 Prozent der Demokraten und 87 Prozent der Republikaner.

"Man muss offen für alles sein bei solchen Entscheidungen", erklärte Schwarzenegger am Freitag Reportern. "Sie bedeuten eine sehr große Verantwortung." In Bezug auf Williams fügte er hinzu: "Ich studiere den Fall genau, ich lese viel und recherchiere, damit wir die richtige Entscheidung treffen können."

Trotz seines zögerlichen Verhaltens will niemand so recht daran glauben, dass der Gouverneur tatsächlich Gnade vor Recht wird ergehen lassen. Er würde damit eine immerhin 38 Jahre währende kalifornische "Tradition" durchbrechen. Ronald Reagan, ebenfalls ein ehemaliger Schauspieler, hatte als letzter Gouverneur des "Golden State" 1967 einen geistig behinderten Mörder begnadigt. Schwarzenegger selbst lehnte seit seinem Amtsantritt im Jahr 2003 bereits zwei Gandengesuche von Todeskandidaten ab.

Langsam machen sich auch die Leiter des San-Quentin-Gefängnisses in San Francisco Sorgen, bedeutet eine mögliche Exekution doch ein erhebliches Sicherheitsrisiko. In der Regel werden die etwa 6000 Insassen der Strafanstalt 24 Stunden vor einer Hinrichtung in ihren Zellen eingesperrt. Im Fall von Williams war es bereits im Vorfeld zu Gerüchten um mögliche Gewaltausbrüche bei Ausbleiben einer Begnadigung gekommen. Die Gefängnisleitung hätte daher lieber schon am Wochenende die Gefangenen isoliert.

"Vom Gangster zum Nobelpreis-Nominierten"

Die Tatsache, dass der 1981 verurteilte Mörder sich als unschuldig bezeichnet, macht Schwarzenegger die Entscheidung nicht eben leichter. Im Februar und März 1979 soll "Tookie" bei Raubüberfällen im Süden Los Angeles den Ladenbesitzer Albert Owens und drei Mitglieder einer Einwandererfamilie aus Taiwan, die ein Motel betrieben, getötet haben. Im Gespräch mit Rolling-Stone-Ex-Frau und Menschenrechtsaktivistin Bianca Jagger erklärte er noch vor drei Wochen in San Quentin: "Ich bin unschuldig. Ich habe die Verbrechen, für die ich zum Tod verurteilt wurde, nicht begangen. Ich kann nicht Reue zeigen und für ein Verbrechen um Vergebung bitten, das ich nicht begangen habe, auch wenn ich mit meiner Weigerung mein Leben aufs Spiel setze. Ich kann nicht lügen, um zu leben."

Der Mitgründer der berüchtigten Crips-Gang in Los Angeles hatte sich während der Haft rigoros von seiner gewaltgeprägten Vergangenheit gelöst und zahlreiche Bücher geschrieben, in denen er versuchte, Jugendliche vor einem Abgleiten in die Bandenkriminalität zu warnen. In Werken wie "Life in Prison" (Ein Leben im Gefängnis, 1998) beschrieb er eindringlich und dezidiert den Knastalltag, erzählte von Enge, eruptiver Gewalt unter den Insassen, von Isolationshaft und Wahnsinn. Im vergangenen Jahr erschien seine Biographie unter dem Titel "Rettung - vom Original-Gangster zum Nobelpreis-Nominierten". Für seine Arbeit als Autor war Williams insgesamt zehn Mal für den Friedens- und den Literaturnobelpreis vorgeschlagen worden.

Der Fall Williams hat in den USA eine leidenschaftliche Debatte über die Todesstrafe angefacht. Zahlreiche Prominente setzten sich für die Begnadigung des 51-Jährigen ein, darunter Bischof Desmond Tutu und Winnie Mandela, die Schauspieler Jamie Foxx, Dannie Glover, Anjelica Houston, Tim Robbins und der Pastor Jesse Jackson.

Bianca Jagger beschwört in der heutigen Ausgabe der "taz" die menschliche Dimension des Falls: "Ich fordere Gouverneur Schwarzenegger dringend auf, Führungsstärke zu zeigen, Stanley Williams zu begnadigen. Ich hoffe, dass er anerkennt, dass es die Fähigkeit des Menschen, sich zu verändern und zu läutern, ist, die uns allen das Potential gibt, bessere Menschen zu werden. Stanley Williams umzubringen wird den Teufelskreis der Gewalt vervollständigen und das Licht der Läuterung löschen, das in uns allen brennt."