Tödlicher Raubüberfall: "Lauf, lauf, lauf!" - DER SPIEGEL
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Tödlicher Raubüberfall "Lauf, lauf, lauf!"

Der Millionär Klaus K., von Freunden "Hühner-Klaus" genannt, wurde vor seiner Villa im Ruhrgebiet erschossen. Drei Männer sollen den Geflügel-Großhändler getötet haben. Sie stehen nun vor dem Landgericht Bochum - allerdings nicht wegen Mordes.
Michael M. mit seinem Anwalt Burkhard Benecken (r.) und Kollege Marco Ostermeyer
Michael M. mit seinem Anwalt Burkhard Benecken (r.) und Kollege Marco Ostermeyer

Michael M. mit seinem Anwalt Burkhard Benecken (r.) und Kollege Marco Ostermeyer

Foto: dapd
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Hamburg - Es sollte der ganz große Coup werden. Sie träumten vom großen Geld, grenzenloser Freiheit und einem unbeschwerten Leben. Seit Februar sitzen Michael M., Volker H. und Mladen P. in drei verschiedenen Gefängnissen Nordrhein-Westfalens. An diesem Mittwoch hat vor dem Landgericht Bochum der Prozess gegen die drei Männer begonnen. Sie sollen am Abend des 29. Mai 2010 dem Millionär Klaus K. aufgelauert und ihn erschossen haben.

Der tödliche Überfall auf Klaus K., einen angesehenen Geflügelgroßhändler und Gastronom, hatte die Kleinstadt Datteln im Nordosten des Ruhrgebiets, nahe Recklinghausen, erschüttert. Acht Monate dauerte es, bis die Verdächtigen gefasst werden konnten. Die Polizei war ihnen durch Hinweise in der ZDF-Sendung "XY ungelöst..." auf die Spur gekommen.

Gemeinsam hatten sie laut Staatsanwaltschaft den Plan gefasst, den 80 Jahre alten Klaus K. in dessen Reetdach-Villa in Datteln zu überfallen, ihm Schmuck und Bargeld zu rauben. Sie wollten ihn fesseln und zwingen, den Safe im Haus zu öffnen.

Die treibende Kraft, so sehen es die Ermittler, war wohl Mladen P., ein 43 Jahre alter gelernter Schlosser, der vor 20 Jahren aus Kroatien nach Deutschland kam, sich mit Gelegenheitsjobs auf dem Bau und hinter dem Tresen durchschlug. Einmal wurde er wegen Diebstahls in einem besonders schweren Fall verurteilt. Er heiratete eine Deutsche, bekam mit ihr zwei Söhne, inzwischen ist er geschieden.

Mladen P. wollte zurück in seine Heimat, in der seine Eltern und seine drei Geschwister leben. Doch dazu brauchte er Geld. Seit Jahren soll er Pläne geschmiedet haben, eines Tages den vermögenden Klaus K. zu überfallen. Dessen Lastwagen, vollgeladen mit Fleisch, donnerten mehrmals im Monat auf den Hof des Lokals, in dem P. hinter der Theke stand.

In dieser Gaststätte feilte er an seiner Überfall-Idee - und überredete schließlich Volker H., den er seit etwa 15 Jahren kannte, miteinzusteigen. Der 47-Jährige, in Marl geboren und eigenen Angaben zufolge selbständig, wurde mehrfach wegen Vermögensdelikten zu Geld- und Freiheitsstrafen verurteilt, wegen Drogenhandels gar zu vier Jahren Haft. Kurz vor seiner Festnahme hatte Volker H. geplant, sich in die USA abzusetzen. In seinem VW Phaeton fanden Ermittler drei Platten Haschisch.

"Das Verfahren setzt ihm zu"

Die Rolle des Unschuldslamms innerhalb des Trios fällt Michael M. zu. In Essen geboren, arbeitete der 46-Jährige zuletzt als Erzieher von Jugendlichen in der "Villa Lichterglanz" in Gelsenkirchen. Michael M. ist verheiratet, hat zwei uneheliche Kinder. Sein Kumpel Volker H. hielt ihn für den geeigneten dritten Mann im Bunde.

Vor Gericht am Mittwoch sah es hingegen so aus, als mache die Tat vor allem Michael M. zu schaffen. Er war blass, sein Blick matt. "Das Verfahren setzt ihm zu, er bedauert den Tod seines Opfers zutiefst", sagt sein Verteidiger Burkhard Benecken.

Zu dritt heckten sie folgenden Plan aus: Volker H. chauffiert Mladen P. und Michael M. zur Villa des Geflügelgroßhändlers. Die beiden warten auf ihr Opfer, notfalls soll auch dessen Ehefrau gefesselt werden. Zur Einschüchterung, darauf soll P. den Ermittlern zufolge bestanden haben, soll einer von ihnen eine geladene Schusswaffe bei sich haben, eventuell auch, um einen Wachhund zu töten. Volker H. besorgt schließlich einen Revolver Kal. 357 und sechs Schuss Munition, er selbst soll Schmiere stehen bei der Tat.

Klaus K. war im nördlichen Ruhrgebiet eine angesehene Persönlichkeit. Enge Freunde nannten ihn "Hühner-Klaus", eine Reminiszenz an seine Herkunft: Vom kleinen Eier-, Wild- und Geflügelhändler hatte er sich zum größten Fleisch- und Wurstgroßhändler der Region hochgearbeitet. Er war Pächter mehrerer Restaurants und Eigentümer des Nobelhotels Seehof mit knapp 120 Zimmern.

Sie kannten die Gewohnheiten ihres Opfers

Klaus K. war Mäzen und großzügiger Sponsor. Der Aufstieg des lokalen Frauenfußballvereins - ohne "Hühner-Klaus" wäre er kaum machbar gewesen. Er galt als bescheidener, wenn auch ehrgeiziger Mann, der sich außer einer Rolex und seinem CLS keinen besonderen Luxus gönnte. Sein Umfeld beschreibt den 80-Jährigen als herzlichen, immer gut gelaunten Patriarch, der keinen Feierabend kannte.

So auch nicht an jenem Samstagabend, als er gegen 22.30 Uhr seinen Wagen auf sein Grundstück lenkt. Das riesige Anwesen mit zwei Wohnhäusern, einem Schwimmbad sowie drei Firmengebäuden ist komplett umzäunt und bestens gesichert: Die Zufahrt ist nur per Fernbedienung oder Freisprechanlage passierbar, das Haus des Millionärs ist mit einer Alarmanlage ausgestattet, sechs Überwachungskameras hängen an den Außenwänden, weitere zehn sind auf dem restlichen Gelände installiert. Zudem gibt es reichlich Bewegungsmelder und Lampen.

Volker H., Mladen P. und Michael M. wissen, dass Klaus K. sein Anwesen bestens gesichert hat - ein Grund, warum sie einen Einbruch nicht riskieren wollten, davon sind die Ermittler überzeugt.

Sie hatten sich mit den Gewohnheiten ihres ausgespähten Opfers vertraut gemacht, wussen, vor 22 Uhr kehrt Klaus K. selten nach Hause. Seine Frau wartete vor dem Fernseher im Wohnzimmer, als Michael M. und Mladen P. laut Überwachungskameras um 22.04 Uhr über den Zaun kletterten, einen Fleck in der Dunkelheit suchten und sich hinter einer Tanne versteckten. Sie trugen Sturmhauben und Handschuhe, in ihren Taschen Klebeband.

"Scheiße, Scheiße, Scheiße!"

Volker H. fuhr mit seinem VW Phaeton weiter. Er sollte sich nahe der Dattelner Polizeiwache aufhalten, um im Fall eines Alarms schnell reagieren und zum Haus des Millionärs fahren zu können, um hupend die anderen zu warnen.

Um 22.34 Uhr fuhr Klaus K. auf das Grundstück, parkte nahe der Eingangstür. Bevor diese ins Schloss fiel, holten ihn die beiden Männer ein. Mladen P. soll dem 80-Jährigen laut Ermittlungsakten die Waffe an die Schläfe gehalten haben.

Durch das Gerangel löste sich ein Schuss. Klaus K. sackte zusammen. Mladen P. rief: "Scheiße, Scheiße, Scheiße!" Michael M. beteuert, er habe nicht gewusst, dass der Revolver geladen war. Die Abmachung sei eine andere gewesen.

Dennoch scheint er derjenige zu sein, der in der Schrecksekunde die Nerven behielt. Denn statt den gefassten Raubplan durchzuziehen, gab nun ausgerechnet er das Kommando. "Lauf, lauf, lauf!", rief er seinem Komplizen den Ermittlungsakten zufolge zu. Eine Überwachungskamera hat aufgezeichnet, wie beide noch um 22.35 Uhr vom Gelände stürmen.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten Raub mit Todesfolge vor, keinen Mord. Die Waffe sei "unbeabsichtigt ausgelöst" worden, so der Staatsanwalt am Mittwoch.

Mladen P., Volker H., Michael M. sagen, sie hätten den Tod ihres Opfers nicht gewollt. Ihr Leben nach der Tat sei ein anderes geworden. Während Volker H. mit einer Reise nach Amerika vielleicht einer Festnahme entgehen wollte, schmiss Mladen P. seinen Job an der Theke. Er habe es nicht mehr ertragen, die Transporter des Mannes auf dem Hof zu sehen, den er auf dem Gewissen hat, behauptet er.