U-Bahn-Schläger: "Ein Opfer, kein Krimineller" - DER SPIEGEL
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U-Bahn-Schläger "Ein Opfer, kein Krimineller"

Vom "tollen Kind" zum "anderen Menschen": Im Zeugenstand des Prozesses gegen die U-Bahn-Schläger schildert die Mutter des Angeklagten Spyridon L. dessen Abgleiten in Alkohol- und Drogenmissbrauch. Doch es ist fraglich, ob das Gericht dies als mildernden Umstand anerkennt.
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München - Spyridon L. hört das nicht gern. Wirklich nicht. Der Angeklagte rutscht auf seinem Stuhl hin und her, gestikuliert ärgerlich, einmal ruft er dazwischen. "Nicht hinhören, einfach nicht hinhören", flüstert ihm sein Verteidiger ins Ohr.

Der Prozess gegen den 18-Jährigen und seinen 21-jährigen Kumpan Serkan A., die kurz vor Weihnachten einen Rentner in der Münchner U-Bahn-Station Araballapark beinahe zu Tode prügelten, steht kurz vor dem Abschluss. Dabei sind nicht allein der brutale Überfall auf einen Wehrlosen, nicht nur die Tat, sondern auch das Leben der Angeklagten ausgeleuchtet worden.

Es ist der Bericht der Mutter von Spyridon L., die an diesem Donnerstag als Zeugin vor der Jugendkammer des Landgerichts München aussagt - und bei ihrem Sohn diese Verärgerung und vielleicht Schamgefühle auslöst: Wie er mit dem Rauchen begann, später Drogen nahm; wie sie Wodka-Flaschen in seinem Zimmer fand; wie er die Schule schwänzte; wie ihm Psychologen "antisoziales Verhalten" attestierten; dass er keine festen Freunde, immer nur wechselnde Bekannte hatte. Und auch, dass er Vater und Mutter geschlagen hat, wenn sie ihm kein Geld für Alkohol und Zigaretten geben wollten.

Hoffnung auf ein besseres Leben

Dabei sollte alles ganz anders werden: Es war die Hoffnung auf ein besseres Leben, mit der die Familie im Jahr 2001 von Griechenland nach Deutschland kam. Der Vater, ein studierter Betriebswirt, arbeitete bei der Bahn, die Mutter, von Beruf Kosmetikerin, fand eine Stelle als Reinigungskraft. Und der damals elfjährige Spyridon?

Der war - noch in Griechenland - "ein tolles Kind", erinnert sich die Mutter. "Spiros", wie ihn die 41-Jährige zärtlich nennt, habe "alles gut gemacht" in der Schule. "Und wenn ich gesagt habe, 'Du kannst bis sieben Uhr abends draußen bleiben', dann hat er fünf Minuten vor sieben an der Tür geklingelt."

Doch dann der Bruch. Der Neuanfang in Deutschland. Der Junge lernte nicht richtig deutsch. Der Vater wurde arbeitslos. Der Großvater starb. Und Spyridon L. rutschte immer mehr ab. "Er war mit Alkohol und Drogen ein anderer Mensch", sagt die Mutter. Wenn er dann aber "mal zwei Tage nichts trank, hat er mehrmals gesagt: 'Entschuldigung'."

Vorwürfe der Mutter

Zwischenzeitlich habe eine Therapie in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik geholfen: "Endlich, da war er wieder wie früher." Doch Spyridon L. wollte nicht in Behandlung bleiben. Und zwingen könne man ihn nicht, habe man ihr gesagt - zwei Wochen vor dem Überfall in der U-Bahn-Station. Dem Jugendamt wirft sie Untätigkeit vor: "Nicht geholfen" habe die Behörde, sie sei allein gewesen, "man hat mir gesagt, er muss selber unterschreiben, dass er Hilfe will". Zum Schluss sagt sie, mit fester und entschlossener Stimme: "Ich glaube, Spiros ist ein Opfer und kein Krimineller."

Da ist es ein paar Sekunden sehr still im Saal B177.

Der U-Bahn-Schläger als Opfer der Umstände und des Alkohols? Eingeschränkte Schuldfähigkeit - das scheint die Strategie der Verteidigung. Wie Serkan A. beharrt auch Spyridon L. darauf, am Tattag derart betrunken gewesen zu sein, dass er nicht mehr wusste, was er tat. "Ich war so dicht", hatte er schon am ersten Verhandlungstag gesagt.

Doch mehrere Zeugen bezweifelten dies bisher. Da ist vor allem das Opfer, der 76-jährige Hubert N.: "Sie haben nicht soviel getrunken, dass sie umgefallen wären, davon waren sie noch weit entfernt", hatte er ausgesagt. Die Täter seien immerhin "sportlich beieinander" gewesen, wie sie ihn da geschlagen und getreten hätten. Ein Zeuge, der kurz vor der Tat mit den Angeklagten zusammen war, sagte aus, er hätte in Sachen Alkohol bei den beiden "nichts bemerkt", sie seien "nicht stark angetrunken" gewesen.

Eine Vernehmung der Freundin von Spyridon L. bringt an diesem Donnerstag in der Alkoholfrage allerdings wenig Klarheit. Die 17-Jährige antwortet auf die meisten Fragen von Richter Reinhold Baier, sie könne sich nicht erinnern. Darauf einmal Baier: "Ich hab' gedacht, dass der Gedächtnisschwund erst im Alter einsetzt."

Wenn Spyridon L. trinke, dann werde er "wütend", sagt die Freundin. In der Tatnacht habe er gegen halb eins bei ihr geklingelt: "Wir hatten dann einen Streit, denn er sollte eigentlich früher kommen." Seine Augen seien gerötet gewesen, "sein Fuß hat weh getan, er hat gemeint, dass ich ihn massieren soll". Tatsächlich ist auf dem Überwachungsvideo der U-Bahn-Station zu erkennen, wie Spyridon L. nach einem heftigen Tritt gegen Hubert N. humpelnd die Szene verlässt.

An jenem Abend im Dezember "stand er unter Drogen, denke ich, vielleicht hat er gekifft", sagt das Mädchen. Er sei "wütend gewesen, aber nicht so dicht".

Als sie ihre Aussage beendet hat, sich einen Platz im Zuschauerraum suchen will, da begegnen sich ihre Blicke: Spyridon L. versucht ein Lächeln. Seine Freundin schaut ausdrucklos.

mit Material von dpa