US-Justiz Retter der Unschuldigen
Atlanta - Auf diesen Gerichtstermin hatte Robert Clark sein halbes Leben lang gewartet. 15 Minuten, die über sein Leben entscheiden sollten. Als die Vorsitzende Richterin schließlich ihr Urteil gesprochen hatte, klopfte Clark ein zufriedener Verteidiger auf die Schultern: "Du kannst jetzt gehen, Kumpel." Auf Clarks fassungslosem Gesicht erschien ein strahlendes Lächeln. Dann stürmte seine jubelnde Familie auf ihn zu. "Ich hab's euch gesagt, ich hab es euch gesagt", stammelte er immer wieder, während seinem Sohn Rodrickus Tränen übers Gesicht liefen.
Das Gericht hatte den 45-jährigen Clark wenige Momente zuvor vom Vorwurf der mehrfachen Vergewaltigung und des schweren Raubes freigesprochen. Zugleich hatten die Richter mit ihrem Urteilsspruch einen der schwersten Justizirrtümer des Bundesstaates Georgia korrigiert. Denn Clark hatte knapp 24 Jahre für eine Tat im Gefängnis gesessen, die er nicht begangen hatte.
Das Verbrechen, für das Clark büßen musste, hatte sich im Juli 1981 in Atlanta ereignet. Eine Frau war in ihrem Wagen von einem bewaffneten Mann überfallen, geschlagen und drei Mal vergewaltigt worden. Schließlich hatte sie der Peiniger nackt und gefesselt am Straßenrand zurückgelassen und war in ihrem Wagen geflüchtet. Eine Wochen später wurde Clark im gestohlenen Auto der vergewaltigten Frau gesehen und festgenommen. Er habe das Auto von seinem Freund Tony Arnold, gab der damals 21-Jährige zu Protokoll.
"Sie hatten Ihren Prozess!"
Doch die Ermittler schenkten ihm keinen Glauben. Obwohl Clark eigentlich gar nicht auf die erste Täterbeschreibung passte, war das Opfer nach einer Gegenüberstellung sicher, dass es sich bei ihm um ihren Vergewaltiger handeln müsse. Die Polizisten hatten ihr nur eine einzige Person präsentiert.
"Der leitende Ermittler war so fokussiert auf Robert, dass er keine anderen Verdächtigen oder Vorfälle mehr wahrnahm", sagt Rechtsanwalt Peter Neufeld. Dabei sei sein Mandant einen ganzen Kopf größer, als das Opfer angegeben hatte. "Dieser Tunnelblick der Polizisten hat Robert nicht nur ein Vierteljahrhundert seiner Freiheit gekostet, sondern auch noch einem Serienvergewaltiger die Gelegenheit zu mindestens drei weiteren Taten gegeben." Denn trotz Clarks Hinweis ging kein Beamter der Tony-Arnold-Spur nach.
Auch den Richter interessierte der zweite Verdächtige nicht - obwohl eine Zeugin auch Arnold in dem gestohlenen Wagen gesehen hatte. Als Clark im Gericht darauf hinwies, brachte der Richter ihn zum Schweigen: "Sie hatten Ihren Prozess, Mister Clark." Dann verurteilte er den Angeklagten zu lebenslänglich plus 20 Jahren Gefängnis.
Schützenhilfe aus New York
Seit dem Ende der neunziger Jahre bemühte sich Clark immer wieder darum, durch einen DNA-Test seine Unschuld zu beweisen. Doch erst im Jahr 2003 bekam der Häftling einen ganz besonderen Helfer: Das Innocence Project hatte von Clarks Fall erfahren und bot seine Hilfe an. Von nun an nahm der Fall eine dramatische Wende.
Das Innocence Project - zu deutsch: das Unschuldsprojekt - war 1992 von den Bürgerrechtsanwälten Barry Scheck und Peter Neufeld an der New Yorker Benjamin N. Cardozo School of Law ins Leben gerufen worden. Gedacht ist es als eine Rechtsberatung für diejenigen, die zwischen die Mühlsteine des amerikanischen Justizsystems geraten sind, für Menschen, die wegen Raubes, Mordes oder Vergewaltigung verurteilt und dann vergessen wurden.
Unter Aufsicht von erfahrenen Anwälten und Rechtsexperten überprüfen Jura-Studenten die Fälle von Häftlingen, die glauben, ihre Unschuld mittels DNA-Analyse beweisen zu können. Nur wenn von der Tat noch biologische Spuren wie Blut oder Sperma existieren, anhand derer man eine solche Analyse durchführen kann, nimmt das Projektteam zusammen mit kriminologischen Labors eigene Untersuchungen auf und kämpft um eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Für bereits Verurteilte wie Robert Clark ist dies oft die einzige Chance, einen solchen DNA-Test machen zu lassen.
Der Täter saß bereits
Obwohl der zuständige Staatsanwalt dagegen war, überzeugte die Organisation das Gericht, Clarks DNA nochmal mit Spuren vom Tatort zu vergleichen. Das Ergebnis war eindeutig: Clark hatte mit der Vergewaltigung nichts zu tun.
Der Initiative des Innocence Project hatten die Ermittler es auch zu verdanken, dass schließlich der wahre Täter gefunden wurde: Als die Beamten die DNA-Spuren vom Tatort noch mal in ihre Gen-Datenbank eingaben, stießen sie auf einen alten Bekannten: Tony Arnold. Außerdem stimmte Arnolds DNA mit den Spuren von zwei weiteren, bislang ungelösten Vergewaltigungen in Atlanta überein. Arnold war nicht schwer zu finden: Er sitzt gerade unter anderem wegen illegalen Waffenbesitzes hinter Gittern. Am 31. Januar 2006 wäre er freigekommen.
Was vor mehr als zehn Jahren in einem Büro in der Fifth Avenue als eine kleine, gemeinnützige Initiative begann, ist heute unter Juristen und Menschenrechtlern in den ganzen Vereinigten Staaten bekannt. Denn das Innocence Project ist enorm erfolgreich: Von 170 Menschen, die aufgrund von nachträglichen DNA-Analysen freigesprochen wurden, hat das Team um Scheck und Neufeld mehr als die Hälfte aus dem Gefängnis gepaukt; Leute wie Wilton Dedge, der wegen Vergewaltigung, schwerer Körperverletzung und Einbruch zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt worden war, obwohl ein anderer die Taten begangen hatte, und der erst nach 22 Jahre entlassen wurde.
17 Jahre durch Schlamperei
Oder George Rodriguez, der 17 Jahre lang eingesperrt war. 1987 war er wegen Entführung und sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu 60 Jahren Haft verurteilt worden. Die Mitarbeiter des Innocence Project rekonstruierten den Fall - und deckten auf, wie schlampig seinerzeit die Ermittlungen geführt worden waren: Rodriguez hatte ein stichfestes Alibi vorweisen können - und die beiden wahren Täter hatten das Verbrechen gestanden. Dennoch war Rodriguez schuldig gesprochen worden: Das Opfer wollte in ihm den Täter erkannt haben.
Rodriguez' Schicksal hing buchstäblich an einem seidenem Faden: In der Unterwäsche des Opfers hatten Ermittler ein männliches Haar entdeckt und dem Verdächtigen zugeordnet. Erst der Vergleich des Erbguts 16 Jahre später bewies eindeutig, dass Rodriguez nicht der Täter sein konnte.
Unterdrückte Beweise, erpresste Falschaussagen, übereifrige Polizisten, schlampig arbeitende Laborarbeiter, Augenzeugen, die sich irren - die Mitarbeiter des Innocence Project haben bei ihren Untersuchungen zahlreiche Ursachen für Fehlurteile gefunden. Ihrer Ansicht nach sind es zu viele, um noch von Einzelfällen sprechen zu können. "Die Fälle jener, die mittels DNA-Analyse freigesprochen wurden, haben erschreckende Tendenzen in unserem Justizsystem offen gelegt", heißt es auf der Homepage der Organisation. Immer wieder würden die Ermittlungsbehörden bei ihrer Arbeit versagen. Das Instrument der DNA-Analyse könne dieses Problem nicht lösen, sondern nur seine Existenz beweisen.
Zulauf für die Unschuldsretter
Mittlerweile macht das Beispiel der New Yorker Initiative Schule. Rund 30 Jura-Fakultäten, Journalisten-Schulen und Kanzleien haben sich in den USA zu einem Netzwerk nach dem Vorbild des Innocence Projects zusammengeschlossen. Ihre Erfolge vor Gericht nutzen die Aktivisten um Scheck und Neufeld nun, um ihren politischen Forderungen Nachdruck zu verleihen: Die Bundesstaaten sollten unabhängige Unschuldskommissionen einrichten. Sobald ein Fehlurteil aufgedeckt würde, könnte dieses Gremium nochmal alle Ermittlungsschritte unter die Lupen nehmen und sicherstellen, dass sich ähnliche Fehler nicht wiederholen.
Langsam kommen Scheck und Neufeld voran: Kongress und Senat haben inzwischen den Innocence Protection Act verabschiedet. Mit diesem Gesetz erhalten Häftlinge die Chance auf einen DNA-Test. Wer jedoch seine Unschuld nicht beweisen kann, muss die Untersuchung selbst bezahlen.