Vergewaltigung im US-Gefängnis: T.J. Parnell bekämpft Tabus - DER SPIEGEL
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Vergewaltigungen in US-Haft "Alle wissen Bescheid"

Als Teenager landete T.J. Parsell im Gefängnis. Dort wurde er vergewaltigt - ein Schicksal, das jährlich mehr als 200.000 US-Häftlinge trifft. Jetzt hofft er, anderen diesen Horror ersparen zu können.
Aktivist T.J. Parsell: Kampf gegen eine lange vertuschte Epidemie
Aktivist T.J. Parsell: Kampf gegen eine lange vertuschte Epidemie

Aktivist T.J. Parsell: Kampf gegen eine lange vertuschte Epidemie

Foto: SPIEGEL ONLINE
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Es begann mit der unbedachten Tat eines Teenagers. 16 Jahre jung war Tim Parsell, als er einen Fotoladen überfiel. Um dem hübschen Mädchen hinter der Theke zu imponieren, gestikulierte er mit einem Spielzeuggewehr. Er erbeutete 50 Dollar, wurde schnell gefasst und wegen bewaffneten Raubüberfalls zu einer Mindeststrafe von viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

An seinem ersten Tag in der Riverside Correctional Facility, einem Hochsicherheitstrakt in Michigan, wurde Parsell von vier Mithäftlingen betrunken gemacht, unter Drogen gesetzt und in einer leeren Zelle vergewaltigt. Sie drohten ihn umzubringen, sollte er etwas verraten.

Und das war erst der Anfang.

Wieder und wieder vergingen sich auch andere an Parsell. Seine Qual dauerte Wochen, Monate. Schließlich begab er sich notgedrungen in die rituelle Obhut eines "Beschützers" - ein älterer Insasse, der ihn per Münzwurf "gewonnen" hatte und ebenfalls missbrauchte.

Parsell, 54, ist längst wieder auf freiem Fuß. Seine Zeit hinter Gittern kommt ihm manchmal vor wie ein anderes Leben - oder das Leben eines anderen. Heute nennt er sich T.J., ist Buchautor, Filmemacher und Aktivist für Häftlinge, die sonst keinen haben, der für sie kämpft.

"Es gab eine Zeit, da wollte ich sterben"

Schließlich weiß Parsell, dass er mit seiner Horrorstory nicht allein ist. Zumal ihn seine Erlebnisse von damals weiter verfolgen, selbst nach so vielen Jahren. "Auch all die Psychotherapie hat das nicht beseitigen können", berichtet er. "Die Dämonen sind immer noch da."

Parsell sitzt in einem Büro an der New York University, wo er gerade ein Filmstudium abgeschlossen hat. Er wirkt gleichmütig, weise fast mit seinen traurigen Augen. "Es gab eine Zeit", sagt er, "da wollte ich sterben."

Um anderen das zu ersparen, hat Parsell zwei Kurzfilme gedreht - einen für Frauen , einen für Männer . Darin warnt er Knastnovizen vor der allgegenwärtigen Vergewaltigungsgefahr und lässt Häftlinge zu Wort kommen mit Tipps, wie man sich wehren und den Schweigekodex der Gefängniswelt durchbrechen kann. In einem Pilotprojekt werden die Filme neuerdings in allen Haftanstalten im US-Bundesstaat New York gezeigt. "Vielleicht können wir die Gefängniskultur von innen heraus verändern", hofft Parsell.

Das Versagen des Vollzugsapparats

Es ist der Kampf gegen eine lange vertuschte Epidemie: Nach Angaben des Justizministeriums werden pro Jahr 216.000 US-Häftlinge oft mehrfach vergewaltigt oder sexuell missbraucht, von Mithäftlingen oder Wärtern. Diese Zahl dürfte sogar noch untertrieben sein, da viele Fälle gar nicht gemeldet werden. Am verwundbarsten sind Schwule und Lesben: Sie würden zehnmal so oft wie Heterosexuelle Opfer sexueller Gewalt hinter Gittern.

Die dramatischen Statistiken dokumentieren ein Versagen des Vollzugsapparats, der den Terrorregimes in den übervölkerten Gefängnissen viel zu wenig entgegensetzt. Es fehlen Stellen, an die sich verängstigte Opfer wenden können, von denen sie Schutz erwarten könnten. Vor allem aber fehlt es am Willen der Behörden, etwas zu unternehmen.

Psychische und physische Schäden, HIV-Infektionen und Geschlechtskrankheiten: Für viele Häftlinge endet die Strafe nicht mit dem Tag der Entlassung in die freie Gesellschaft. "Warum habe ich überlebt?", fragt Parsell. "Ich weiß es wirklich nicht."

Was half: Er hat seine Erlebnisse aufgezeichnet, in einem 324-seitigen Buch, das kein Detail auslässt. "Fish " heißt es, Untertitel: "A Memoir of a Boy in a Man's Prison." Fisch - so nennen sie die Neuankömmlinge.

"Ich litt an einem tiefen Trauma"

Seine Vergewaltiger porträtierte er dabei nicht als Bestien - sondern als verlorene Männer, die ihren eigenen Regeln gehorchen. "Sie definieren es nicht als Vergewaltigung", sagt Parsell. "Es ist nun mal das, was die Gutgläubigen und Schwachen verdienen. Und alle wissen Bescheid."

Gutgläubig und schwach war auch Parsell. Nur langsam lernte er die Gesetze, Zeichen und Gesten seines neuen Umfelds. Mit sich selbst - und seiner unterdrückten Homosexualität - fand er so erst viel später Frieden.

Nach seiner Entlassung landete er in einer Welt, die er nicht mehr verstand. "Ich litt an einem tiefen Trauma", sagt er. Er trank, nahm Drogen, benahm sich so selbstzerstörerisch, es war ein Suizid auf Raten.

Die Riverside Correctional Facility ist mittlerweile geschlossen. Die Arbeit an den Kurzfilmen belebte aber Erinnerungen - so sehr, dass Parsell sich bei den Dreharbeiten in einem Gefängnis übergeben musste. "Ich war ein Kind, das eine furchtbar schlechte Entscheidung traf", erinnert er sich. "Doch der Horror, den ich dann durchmachte, hat mir einen Lebenszweck gegeben."