Vermisstenfall in Grefrath: Wo ist Mirco S.?
Vermisste Kinder "Der Täter ist einer von ihnen"
Hamburg - Sie verschwinden beim Spielen oder auf dem Nachhauseweg. Manchmal wird ein Ranzen gefunden, eine Jacke oder ein Fahrrad. Manchmal aber auch nichts. Oft fehlt jede Spur von einem vermissten Kind - schon nach wenigen Stunden sinkt die Chance, es lebend zu finden.
Mirco ist zehn Jahre alt, als er verschwindet. Der inzwischen Elfjährige wurde am 3. September zuletzt gesehen, an einer Bushaltestelle in Grefrath. Der Junge hatte mit einem Freund auf einer Skateranlage gespielt, dann rief seine Mutter bei ihm auf dem Handy an. Sie war besorgt, weil er noch nicht zu Hause war. Mirco wollte sich gleich mit dem Fahrrad auf den Heimweg machen - doch in seinem Elternhaus kam er nie an.
Fahrrad, T-Shirt und Jogginghose des Jungen wurden gefunden. Nach seinem Handy sucht die Polizei vergeblich. Tausende Polizisten waren in den letzten Wochen an der Suche nach Mirco beteiligt. Teilweise arbeiten sie in ihrer Freizeit, ein vermisstes Kind lässt niemanden kalt. "Als ich von den Umständen gehört habe - das ein Junge seit 12 Stunden vermisst wird, sein Fahrrad gefunden wurde - da war ich wie elektrisiert", sagt Polizeisprecher Willy Theveßen.
Vermisste Kinder in Deutschland - der Fall des elfjährigen Mirco zeigt die Probleme auf. Wie viele Kinder verschwinden, wer sind die Täter und was kann die Polizei tun? SPIEGEL ONLINE beantwortet die zentralen Fragen:
Wie viele Menschen verschwinden in Deutschland?
Täglich werden in Deutschland bis zu 250 Personen als vermisst gemeldet. Laut Bundeskriminalamt (BKA) sind die meisten Fälle nach einer Woche aufgeklärt. Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewege sich bei nur etwa drei Prozent.
Die Hälfte aller Vermissten sind Kinder und Jugendliche. Die meisten von ihnen tauchen innerhalb einer Woche wieder zu Hause auf oder werden von der Polizei gefunden. Für ihr Verschwinden gibt es die unterschiedlichsten Gründe: Probleme in der Schule oder mit den Eltern, Liebeskummer.
Aber je länger ein Kind verschwunden bleibt und je jünger es ist, desto größer die Gefahr einer Gewalttat. Anders als bei Erwachsenen, wird bei Kindern laut BKA "vorsichtshalber von einer Gefahr für das Leben oder die körperlicher Unversehrtheit des Betroffenen ausgegangen". In der aktuellen Statistik vom 1. Juli 2010 sind es 510 Kinder bis 13 Jahre, die derzeit in Deutschland als dauerhaft vermisst gelten. Damit ist die Zahl der vermissten Kinder in den vergangenen Jahren geringfügig gesunken: Am 1. Juli 2007 waren es noch insgesamt 518 Kinder.
Wie groß ist die Hoffnung, Mirco noch lebend zu finden?
Je länger das Verschwinden eines Kindes zurückliegt, desto geringer wird die Hoffnung es lebend zu finden. Laut BKA ist bei den dauerhaft vermissten Kindern "zu befürchten, dass diese Opfer einer Straftat oder eines Unglücksfalls wurden, sich in einer Situation der Hilflosigkeit befinden oder nicht mehr am Leben sind. Hierzu zählen auch die Kinder, die vermutlich ertrunken sind, deren Leiche aber nie gefunden werden konnte."
Im Fall des verschwundenen Mirco geht die Polizei inzwischen von einem Gewaltverbrechen aus. Die Chance, den Jungen lebend zu finden, wird als relativ gering eingeschätzt. Aber die Hoffnung will niemand aufgeben, weder Familie noch Polizei. Am Wochenende hatten sich die Eltern des Jungen in einem dramatischen Appell die mutmaßlichen Täter gewandt . "Für uns ist es unerträglich, dass die Eltern mit dieser Ungewissheit leben müssen. Die Familie wird für immer darunter leiden", sagt Polizeisprecher Theveßen.
Für die Polizisten ist die emotionale Belastung bei Vermisstenfällen von Kindern ebenfalls hoch, Ermittler beschäftigen sich oft noch Jahre mit ungelösten Fällen. "Zum Glück habe ich gerade nicht viel Privatleben. Ich bin den ganzen Tag auf Drehzahl. Zur Ruhe kommen, wäre jetzt nicht gut für mich, da kommen dann Gedanken hoch, die ich lieber nicht haben möchte", sagt Theveßen, selbst Vater von zwei Kindern. In seinen 37 Jahren Polizeidienst hat er einen ähnlichen Fall, wie den des verschwundenen Mirco noch nie erlebt - und der wird ihn wohl auch nie wieder loslassen.
Wer könnte der Täter sein?
Mircos mutmaßlicher Entführer soll aus der Region stammen. Das ist laut Polizeisprecher Theveßen nicht ungewöhnlich. Bei den meisten minderjährigen Opfern einer Straftat wird der Täter im näheren Umfeld vermutet. "Den Bürgern aus der Region Grefrath haben wir das explizit klargemacht: Der Täter ist einer von ihnen. Das glaubt sonst ja keiner, niemand denkt bei so was zuerst an seinen Nachbarn. Da wird immer jemand von außerhalb vermutet", sagt Theveßen. "Die Bürger waren geschockt über diese Nachricht, aber seitdem haben wir viel mehr Hinweise erhalten."
In den Gaststätten der Region Grefrath wurden Listen ausgelegt, in denen sich jeder eintragen soll, der dort freitags regelmäßig verkehrt oder an jenem 3. September zu Gast war, als Mirco verschwand. An dem Abend spielte die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen Belgien. Mit den Listen will die 50-köpfige Sonderkommission weitere wichtige Zeugen ermitteln. Insgesamt gingen bei den Ermittlern bisher rund 2800 Hinweise ein. Eine heiße Spur ist nach derzeitigem Stand jedoch nicht dabei.
Wie ermittelt die Polizei?
Wird ein Kind dauerhaft nicht gefunden, müssen Kriminalbeamten oft eher ungewöhnliche Ermittlungsmethoden anwenden. So auch im Fall Mirco: Die Polizei rückte am Freitag mit Kameras und Radarwagen aus und blitze alle Fahrzeuge, die in der Umgebung des möglichen Tatorts unterwegs waren. Ein unter Juristen umstrittenes Vorgehen. Der große Aufwand, derartige viele Personen in ihren Autos zu blitzen und anschließend zu überprüfen, deutet darauf hin, dass die Polizei im Dunkeln tappt. Auch die gesetzlichen Vorraussetzungen für dieses Vorgehen sind erst dann erfüllt, wenn die Polizei keine konkreten Ansatzpunkte mehr für ihre Ermittlungen hat.
Die Ermittler greifen inzwischen nach jedem Strohalm. "Wir hatten uns darauf eingerichtet, dass die Leute sich beschweren", sagt Theveßen. Das tat aber niemand. Die Beamten vor Ort hätten Infoblätter zum Fall Mirco verteilt, die geblitzten Autofahrer von Grefrath hätten die Suchaktion daraufhin als gute Maßnahme empfunden.
Derzeit konzentrieren sich die Ermittler auf ein in den vergangenen Tagen mit Hundertschaften durchsuchtes Gebiet um das Kloster Mariendonk. Ein Schallgutachten solle klären, von wo dort zum Zeitpunkt von Mircos Verschwinden ein Schrei gekommen sein könnte, sagte ein Sprecher der Polizei Mönchengladbach am Dienstag. Mehrere Zeugen hatten ausgesagt, in dem Gebiet am 3. September einen Schrei gehört zu haben.
Daraufhin wurde das Gelände am Sonntag und Montag mit einem Großaufgebot durchsucht. Die Polizei stieß dabei aber auf keine neue Spur. Am Montagabend wurde die Suchaktion vorerst abgebrochen.