Vermisstenfall Jutta Schulz: Das Rätsel von Thale - DER SPIEGEL
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NDR

TV-Doku über Vermisstenfall "Ich gebe Brief und Siegel, da steckt der dahinter"

Eine Frau verschwindet spurlos. Der Fall ist ungelöst, doch für das Umfeld der Vermissten ist die Sache klar. Ein Lehrstück über Gerüchte und Unschuldsvermutung.
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Im April 2014 war Jutta Schulz plötzlich weg. Spurlos verschwunden aus Thale, Landkreis Harz, Sachsen-Anhalt. Seither: keine Kontobewegungen, keine Bemühungen, ausstehenden Lohn einzusammeln oder persönliche Gegenstände abzuholen, kein Lebenszeichen.

Aus kriminalistischer Sicht stellt sich der Fall ernüchternd dar. Es gibt keine vielversprechende Spur. Das Verschwinden von Jutta Schulz war bei "Aktenzeichen XY...…ungelöst" ebenso Thema wie bei "Kripo live". Dennoch hat die Polizei keinerlei Anhaltspunkte, was mit der 53-Jährigen passiert ist. Vielleicht gibt es gar kein Verbrechen?

Für ihre TV-Reportage "Verschwunden im Harz" haben sich die Reporter Lukas Augustin und Philipp Mangold auf eine Spurensuche begeben. Seit dem vergangenen Sommer beschäftigen sie sich mit dem Fall. Am Anfang der Recherche stand die Frage, wie jemand spurlos verschwinden kann - zumal aus einer Kleinstadt, in der man sich kennt. Doch schnell wurde eine andere Frage zentral, nämlich, wie sich Menschen ihre Gewissheiten basteln.

Augustin und Mangold haben mit einer selbst ernannten Harz-Hexe und Wahrsagerin gesprochen, zu der Schulz ging. Sie haben sich mit einer Prostituierten aus Köln getroffen, die in einem Bordell arbeitete, wo Schulz wochenweise als Bardame ihr Geld verdiente. Sie haben mit ehemaligen Freundinnen der Verschwundenen gesprochen. Sie haben einen vollgerümpelten Laden in Thale besucht, in dem Schulz angeblich Antiquitäten verkaufte - und möglicherweise erotische Massagen anbot. "Sie hat eine Art Doppelleben geführt", sagt Mangold.

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Vermisstenfall Jutta Schulz: Das Rätsel von Thale

Foto: NDR

Für viele im 17.000-Einwohner-Ort Thale steht fest, wer für das Verschwinden der Frau verantwortlich ist: Klaus Kroschwitz, ihr ehemaliger Lebensgefährte.

Er hat Schulz geschlagen, heißt es.

Er hat sie umgebracht, heißt es.

Man hat die Knochen der Vermissten bei Kroschwitz gefunden, heißt es.

Die Aussage der Wahrsagerin steht stellvertretend für die Gerüchte: Wenn nichts dran sei - "Warum sagt jeder einzelne: 'Ich gebe Brief und Siegel, da steckt der dahinter'?"

Belege? Fehlanzeige. Von der Polizei heißt es, es gebe keinerlei Anzeichen, dass Kroschwitz irgendetwas mit dem Verschwinden zu tun haben könnte. "Ich fand es schockierend, dass Gerüchte so mächtig sind, dass sie nichts zulassen, was sie infrage stellen könnte", sagt Filmemacher Mangold. Zumal die Polizei gesagt habe, die unbewiesenen Behauptungen erschwerten die Arbeit an dem Fall.

In der Reportage kommt Kroschwitz ausführlich zu Wort. Er bestreitet, etwas mit Schulz' Verschwinden zu tun zu haben. Sie sei nach einem Streit aus seiner Wohnung ausgezogen, habe Kleidung, ihre Handys, Unterlagen, ein Zugticket nach Köln und ihren Hund dagelassen. Kroschwitz glaubt, Schulz habe ihn ohnehin verlassen wollen und nur noch einen Anlass gesucht.

Die Filmemacher interpretieren die Gerüchte als Ausdruck eines Wunsches, dem Fall einen Sinn zu geben. Es sei ein Mythos konstruiert worden, vom bösen Mann und seinem schönen Opfer. Kroschwitz, ein kräftiger, etwas grobschlächtiger Kerl, passt in dieses Schema. Schulz, ein ehemaliges Fotomodell, ebenso.

Schulz soll Verehrer gehabt, von einem besseren Leben geträumt, einen Umzug nach Köln geplant haben. Kroschwitz wäre nach dieser Lesart der Ex, der nicht mehr in die Lebenspläne passt und das nicht aushält. Eifersucht, ein klassisches Motiv bei Beziehungstaten.

"Vielleicht sind die Leute zufrieden mit dem Mythos", sagt Mangold. Ermittlungen oder Recherchen, die daran kratzen könnten, stören da nur. Kroschwitz sagt: "Vielleicht hilft's, wenn der Film mal ausgestrahlt wird und einige von diesen Leuten das mal sehen. Die dann mal anfangen, darüber nachzudenken, was sie da so sabbeln."


"Verschwunden im Harz": Dienstag, 2. Mai 2017, 21.15 Uhr, NDR