Verschwundene Maddie Ein Alptraum - in jedem Fall
London - Der Fall treibt die Menschen um. Seit dem 3. Mai gilt die vierjährige Madeleine McCann aus der Ortschaft Rothley in der englischen Grafschaft Leicestershire als "verschwunden". An jenem Tag wurde das Kind letztmals in einer Ferienanlage im portugiesischen Praia da Luz bei Lagos von Zeugen beim Eisessen gesehen. Die Eltern machten dort mit ihr und den jüngeren Zwillingen Urlaub. Dieses "Verschwinden" entbehrt allerdings nicht etlicher Merkwürdigkeiten: Maddie kehrte nicht etwa vom Spielplatz nicht zurück oder ging am Strand verloren. Nein, sie war, glaubt man den Angaben ihrer Eltern, einfach nicht mehr da, als die Mutter gegen 22 Uhr nach ihr und den Geschwistern sah.
Kann das sein? Die Eltern hatten von 19.30 Uhr an in der nur 80 Meter von dem Appartement entfernten Bar "Tapas" mit Freunden zu Abend gegessen. Von einem kostenlosen Babysitter-Service machten sie nicht Gebrauch. Nach eigenen Angaben schauten die Erwachsenen selbst - mehr oder weniger gründlich allerdings - im Lauf des Abends nach, ob in den Schlafzimmern Ruhe herrschte.
Folgt man dieser Version, müsste sich ein Unbekannter oder eine Unbekannte unbeobachtet in die Wohnung geschlichen haben, um eines der McCann-Kinder - oder gezielt Maddie - unbeobachtet wegzubringen. Die jüngeren Geschwister sind davon offenbar nicht aufgewacht. Passanten haben, wie es scheint, auch nichts bemerkt. Die kleine Madeleine muss sich offenbar unauffällig und ruhig verhalten haben, als sie verschleppt wurde. Eine Entführung? Lösegeld wurde bisher offenbar nicht verlangt. Maddies Mutter aber schrie offenbar: "Sie haben sie geholt!" Ein erster Gedanke, dass die damals Dreijährige womöglich auf eigene Faust aus dem Bett stieg und loszog, kam ihr offenbar nicht.
"Offenbar" - in dem Fall kann man das Wort gar nicht oft genug zitieren. Denn den portugiesischen Ermittlern ist es nicht erlaubt, Informationen an die Öffentlichkeit zu geben - ein Anachronismus im Medienzeitalter, der dem Wildwuchs von Gerüchten und Mutmaßungen unabsehbaren Vorschub leistet. Der Chefinspektor Olègario Sousa ist inzwischen offenbar deswegen zurückgetreten, weil er es nicht hatte verhindern können, dass doch einzelne Details den Weg in die Medien fanden.
Doch was davon ist wahr? Was ist nur Spekulation? Gibt es nun Blutspuren und Haare im Mietwagen der McCanns, den sie 25 Tage nach dem Verschwinden des Kindes in Portugal geliehen hatten? Wenn ja, stammen die auch von Maddie? Wenn ja, was bedeutet dies dann?
Es geht um PR und darum, einen Verdacht niederzukämpfen
Den Widerpart der schweigsamen portugiesischen Polizei spielen die britischen Medien, die für ihre aggressive Berichterstattung berühmt-berüchtigt sind und gierig aufsaugen und ausschlachten, was die Familie McCann unter die Leute gebracht haben will. Zum Beispiel, dass sie nach wie vor davon überzeugt seien, ihr Kind lebe noch. Was macht sie so sicher? Ist es nur die Hoffnung, die als letztes stirbt?
Es ist eine regelrechte Informationsschlacht im Gange. Maddies Eltern haben jetzt Clarence Mitchell, den ehemaligen Direktor des Medienbüros der britischen Regierung, als Sprecher engagiert. Es geht längst nicht mehr nur um Appelle an die Öffentlichkeit, nach dem Mädchen weltweit zu suchen. Es geht auch um PR und darum, den Verdacht der portugiesischen Ermittler, die Eltern könnten mit dem Verschwinden des Kindes zu tun haben, mit allen Mitteln niederzukämpfen.
Doch es ist nicht Niedertracht, wenn die Polizei in Portugal in alle Richtungen ermittelt, also auch in Richtung der Eltern. Finden sich nicht sofort Spuren, die auf ein Verbrechen durch Dritte hindeuten, wird das familiäre Umfeld des mutmaßlichen Opfers durchleuchtet - in Portugal nicht anders als in anderen zivilisierten Ländern. Nur ein Beispiel: Als am 3. August 1993 eine junge Mutter in der Nähe von Bamberg ihrem eineinhalbjährigen Sohn Tobias so unglücklich gegen den Bauch trat, dass der Junge einen Milzriss erlitt und zwölf Stunden später starb - Tobias hatte Kakao verschüttet - da rannte die Frau am nächsten Tag schreiend durch die Bamberger Innenstadt: "Wo ist mein schönes Kind?" Sie tat so, als ob ihr jemand den Kleinen unbemerkt weggenommen hätte. Und der Vater flehte im Fernsehen, die Entführer sollten Tobias um Himmels Willen bitte zurückgeben. Dabei hatten beide Eltern in ihrer Panik das tote Kind zerstückelt, in Abfalltüten gepackt und der Müllverbrennung überlassen.
Ist etwas passiert, was den Eltern wie ein böser Traum erscheint?
Noch ist offenbar nicht sicher, ob gegen einen Elternteil im Fall Maddie in Portugal Anklage erhoben wird. Noch gibt es keine verlässlichen Informationen über den Stand der Ermittlungen. Ein mehrere tausend Seiten langer Bericht der Polizei wird zurzeit von der portugiesischen Staatsanwaltschaft geprüft, das kann dauern. Es ist offenbar auch noch nicht geklärt, ob der Fall vielleicht den britischen Behörden übergeben wird. Portugal dürfte ein erhebliches Interesse daran haben, sein Image als Urlaubsland nicht weiterhin von den Spekulationen britischer Massenmedien beschädigen zu lassen.
Es bleibt die Frage hinter allen anderen Fragen: Wer hat Maddie etwas getan? Der große Unbekannte - oder doch die eigenen Eltern? Sind sie infame Heuchler, die die Weltöffentlichkeit belogen und Millionen Euro an Unterstützungsgeldern kassiert haben? Oder ist etwas passiert, was einem Vater oder einer Mutter, die ihre Kinder von ganzem Herzen lieben, nur wie ein bitterböser Traum erscheint, der mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat, nichts zu tun haben darf? Ein Alptraum, aus dem man eines Tages erwachen wird, denn es hat ja der Papst gebetet und David Beckham stand auch zur Seite - und alles wird wieder gut? Kann das sein?