Zigarettenschmuggel: Emüs tiefer Fall - DER SPIEGEL
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Zigarettenschmuggel Emüs tiefer Fall

Er brachte es vom Steuerfahnder zum stellvertretenden Staatssekretär und war einer der wichtigsten Berater der SPD im Dunstkreis von Oskar Lafontaine. Dann landete Erich Müller in der Zigarettenschmuggelmafia. In Saarbrücken soll ihm nun der Prozess gemacht werden.
Von Felix Kurz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Müller, 60, den sie im Saarland alle "Emü" nennen, hatte einen Bilderbuchaufstieg hingelegt. Jetzt sitzt der ehemalige Leitende Ministerialrat mit der fulminanten Beamtenkarriere in der Saarbrücker Justizvollzugsanstalt Lerchesflur und wartet auf seinen Prozess. Der Ex-Beamte soll nach einer jetzt erhobenen Anklage der Staatsanwaltschaft Steuern in Höhe von 1,44 Millionen Euro hinterzogen haben und Mitglied in einer kriminellen Vereinigung sein, die einen groß angelegten Zigarettenschmuggel quer durch Europa betrieben hat.

Im Frühjahr 2002 erhielten Zollfahnder aus Kaiserslautern aus der Szene einen Tipp über eine Tätergruppe, die über ein ausgeklügeltes System Zigaretten aus Moldawien, Litauen, Russland und der Ukraine illegal in die Länder der Europäischen Union schleusen würde.

Bei den daraufhin eingeleiteten Observationen und Telefonüberwachungen stieß eine deutsch-französische Ermittlungsgruppe auch auf Müller. Der Transport der Glimmstängel erfolgte in Containern per Schiff und Lkw vorwiegend nach Spanien, England, Belgien und Frankreich. Zur Tarnung wurde den Containern auch noch andere Waren wie etwa Kanaldeckel, Gitternetzrollen, Baueimer, Walnusskerne oder Sonnenblumenöl beigepackt.

Immer dann, wenn eine Fuhre mit Zigaretten aus dem Osten auf den Weg gebracht werden sollte, klingelte bei Müller das Handy. "Emüs" Aufgabe war, so räumte er vergangene Woche bei einer Vernehmung durch die Zollfahndung in Saarbrücken in einem umfassenden Geständnis ein, dafür zu sorgen, das die Touren ohne Probleme die zahlreichen Grenzkontrollen passieren konnten.

Netz von Tarnfirmen

Dazu gründete Müller in mehreren Ländern ein Netz von Tarnfirmen wie etwa die Acemi in Trier, die First Consulting in Berlin, die Import Export Lorraine im französischen Faulquemont oder die Tarantus SL im mallorquinischen Calador.

Die virtuellen Müller-Unternehmen fungierten als Absender oder Empfänger der Lieferungen. So konnten die tatsächliche Herkunft verschleiert und als EU-interne Ware deklariert werden. Und diese wurde dann nicht mehr kontrolliert.

Müller nutzte bei seinen Aktivitäten für die Zigarettenmafia auch seine alten Verbindungen aus seiner Zeit als Chef der Saarbrücker Steuerfahndung. In Frankreich soll ihm ein hochrangiger Ex-Zöllner geholfen haben.

Als Mann für spezielle Fälle schien "Emü" auch jahrelang unentbehrlich im Machtgefüge des Saar-Regenten Lafontaine und seines Finanzministers Hans Kasper, dessen engster Mitarbeiter er war. Er sei, sagte er einmal über seine Rolle, "Putzlappen und Chefberater zugleich". Mehr als 150.000 Mark hatte er persönlich für die Partei des Ex-Ministerpräsidenten oder für SPD-nahe Vereine und Organisationen angenommen.

Als die Steuerfahndung im saarländischen Blieskastel einem Metall-Unternehmen auf die Schliche kam, dass rund 1,5 Millionen Mark Steuern hinterzogen haben sollte, war auch das ein Fall für den Lafontaine-Mann. Nach dessen Intervention wurde die Nachforderung für den Steuersünder auf nur noch 700.000 Mark reduziert. Der damals ermittelnde Steuerfahnder schmiss seinen Job hin und wechselte zur Staatsanwaltschaft. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags des klammen Landes beschäftigte sich mit dem großzügigen Steuergeschenk. Der Landesrechnungshof kritisierte den Vorgang heftig.

Zugriff am Flughafen

Um Müller aus der Schusslinie zu nehmen, wurde der gut bezahlte Beamte danach auf den Posten des Verwaltungschefs des Kreiskrankenhauses Merzig weggelobt. Später machte sich "emü" als Anwalt und Steuerberater selbständig. Danach versuchte er sich als Geschäftsführer einer Immobilienfirma in Leipzig und verspekulierte sich jedoch.

Über Karl C., einen inzwischen zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilten kaufmännischen Angestellten aus Saarbrücken knüpfte Müller Kontakte zur Zigarettenschmuggelmafia, die sein Know-how als Jurist und Behördenexperte nutzte. Insgesamt an sieben großen Transporten sei er beteiligt gewesen, räumt er ein.

Um an seine Hintermänner zu gelangen, setzten die Behörden auch ein Observationsteam gegen den Ex-Beamten ein. Das heftete sich an seine Fersen bei seinen Reisen durch Europa, wenn er mal wieder eine Briefkastenfirma gründen wollte oder auch mal nach der genauen Beschriftung der Schmuggel-Container sah. Offenbar waren aber die spanischen Behörden, bei denen Müller inzwischen ebenfalls wegen Zigarettenschmuggels ins Visier geraten war, über die Ermittlungen nicht informiert worden. Im Frühjahr 2004 wurde er im nordspanischen Gerona von den dortigen Zollbehörden festgenommen.

Die deutsch-französischen Ermittler mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. "Es gab mit den spanischen Behörden keine Kooperation, wir wissen bis heute nicht, woher die Ware kommt und wo die Produzenten sitzen", klagt der Saarbrücker Oberstaatsanwalt Raimund Weyand.

Müller wurde nicht nach Saarbrücken ausgeliefert. Nach elf Monaten Haft wurde er in einer acht Quadratmeter großen Zelle, die er sich mit sechs Personen teilen musste, gegen eine geringe Kaution sogar wieder freigelassen. Das erfuhren die deutschen Behörden aber erst zu einem späteren Zeitpunkt.

Die waren dennoch nicht untätig geblieben und hatten gegen "emü" nun einen internationalen Haftbefehl erwirkt. Der wurde dann am 8. März im niederländischen Eindhoven vollstreckt. Der Ex-Spitzenbeamte wollte gerade die Boeing 737 des Flugs FR 9124 von Ryan Air besteigen.