Karneval in Rio Die Schwarzwaldhexen von Ipanema
Das "Rede do Carlito", das Volleyball-Netz von Carlito, ist eines der coolsten am Strand von Ipanema. Es liegt genau in der Mitte zwischen den Rettungsposten 9 und 10, die wiederum begehrt sind, weil ab und zu Fernsehfritzen dort auftauchen und die Rettungsschwimmer noch besser aussehen als die von "Baywatch" und es daher vor schönen Mädchen wimmelt.
Carlitos Leute - ein paar Anwälte, ein paar arbeitslose Fußball-Akrobaten, mein Freund Richard, der ein Reisebüro betreibt - sitzen außerdem mit ihren Campingstühlen in strategisch günstiger Nähe zu Pepe, dem Bierbuden-Besitzer. Ein Handzeichen genügt.
Zur Karnevalszeit ist Carlitos Netz besonders gut gelegen. Nur ein paar Schritte weiter, und man ist bei der fröhlichen Tuntenparade "Banda de Ipanema", die hier in die Straße "Joana Angélica" einbiegt.
Die "Banda de Ipanema" ist von den Hunderten von Umzügen, die Rio eine Woche lang in einen schwülen, hirntoten Dauerreiz verwandeln, die Love-Parade - die sich allerdings von der in Berlin schon dadurch unterscheidet, dass außer mir alle tanzen können. In Berlin bin ich in der Überzahl und gehe aus Scham darüber gar nicht erst hin. In Ipanema kann man hin. Und danach gleich wieder zum Strand, wo man über die jüngsten Banden-Attacken redet, und ob die Samba-Schule "Beija-Flor" den Dealer-Terror gut abbilden wird in ihrem Umzug. Und darüber, dass die Armee jetzt eingreifen soll, nachdem eine selbstgebastelte Granate hier auf der Strandstraße eingeschlagen ist, alles vermutlich von dem einsitzenden Bandenchef Beira-Mar organisiert.
Und dann redet man über die "Angst vor einem Krieg im Irak", die absurderweise größer zu sein scheint als die Angst vor dem Bandenterror. Auch die Touristen haben sich vom Imponiergehabe der Drogenmafia nicht abschrecken lassen - mit 388.000 auswärtigen Besuchern ist es der erfolgreichste Rio-Karneval seit zehn Jahren.
Zurück zu Carlitos Leuten. Man kann also bei dem Umzug mitfeiern oder einfach auch nur in die untergehende Sonne schauen und den Churrasco-Duft genießen und auf das nächste Mädchen warten. Das ist der Clou. Genauer gesagt: Der Clou ist die Dusche.
Ab und zu kommen Mädchen und wollen duschen. Und dann suchen sie den Duschknopf und finden ihn nicht, weil er unter Carlitos Bank versteckt ist. Aber Carlito dreht das Wasser erst auf, wenn sie dreimal hopsen. Natürlich gibt es mittlerweile genug Mädchen, die die Routine kennen und nicht erst umständlich aufgeklärt werden müssen. Den meisten macht das Hopsen ausgesprochen Spaß.
Carlitos Leute sind Ästheten. So sehr, dass sie zusammengeschmissen haben, um Eduardo, dem 50-jährigen Mechaniker - eine sehnige, dunkle Schmettermaschine am Netz - neue Zähne zu spendieren. Sie hatten ihn schließlich davon überzeugen können, dass die Frauen eher auf die Zähne gucken als auf einen Schmetterball.
Eduardo fletschte an diesem Nachmittag, an dem Hochbetrieb unter der Dusche herrschte, besonders nachhaltig die Zähne, gerade beim Schmettern. Doch plötzlich blieb er in der Luft hängen und vergaß zu schlagen und den Mund zu schließen, der Ball tropfte auf den Sand, und Eduardo fiel auf den Rücken. Seine Augen waren weit aufgerissen. In ihnen zeigte sich das schiere Grauen.
An diesem frühen Karnevalsabend - die Favela-Lichter in den Küstenhügeln funkelten schon - marschierten acht alemannische Hexen über den Strand, direkt auf Carlitos Netz zu.
Angeführt wurden sie von einem älteren Herrn mit weißen Halbärmeln, der durchaus als Krankenpfleger hätte durchgehen können. Es stellte sich heraus, dass es Alfons Hug war, der Leiter des hiesigen Goethe-Instituts, der mich suchte. Er wollte, dass ich über den "Zusammenprall der Kulturen" schreibe, und da ich ohnehin kaum was anderes mache, hatte ich vage zugesagt.
Hug ist eine Legende. Er organisierte die aufregende letztjährige Biennale in São Paulo, das prestig reichste Kunstevent des Landes, und wurde gerade erneut dafür ausgewählt, weil er so viel Erfolg hatte. Er ist der erste nicht brasilianische São-Paulo-Biennale-Organisator überhaupt.
Hug kam über den Sand gestakst mit seinem "neuen Projekt". Er trug braune Lederschuhe, graue Socken und eine graue Hose mit Bügelfalte und wirkte insgesamt so carioca-fremd wie die prachtvoll geschnitzten Holzmasken des Hexenvereins "Stumpenhexen" aus Stetten im Eschachtal/Schwarzwald, die er im Schlepptau hatte.
Die Hexen hatten Warzen auf der Nase, "echte Pferdehaare" auf dem Kopf und Münder, die aussahen wie der von Eduardo, bevor er seine neuen Zähne bekam. Einen magischen, hoffnungsfrohen Moment lang sahen sie aus wie die hässliche Papagena in der "Zauberflöte", bevor sie in ein liebreizendes Mädchen zurückverwandelt wird. Aber nur eine Sekunde lang. Die Hexen blieben hässlich.
Und dann standen sie einfach nur stumpf und schwarz und abgekämpft auf dem Strand, wie ausgewürgt vom Flitterrauschen und dem absurd aufgedonnerten Sex des Umzugs der "Bande de Ipanema". Sie schrubberten mit ihren Reisigbündeln im Sand vor Wilsons Grill.
Alfons Hug sagte: "Karneval ist dem Wesen nach die Vereinbarkeit von Unvereinbarem."
Schließlich nahmen die Hexen die Masken ab, und ein kräftiges, sympathisches Mädchen mit roten Wangen sagte: "Es isch halt was anderes als bei uns. Bei uns bleibet die Leut links und rechts, und es isch abgesperrt, und mir marschieret in der Mitte durch."
Sie waren, als ein von der Banco do Brasil und dem Goethe-Institut gesponsertes Projekt, drei Tage zuvor in Salvador gelandet, um dort, auf dem berühmten Platz Pelourinho, den Karneval mitzueröffnen.
"Seither sind sie eigentlich pausenlos im Einsatz", sagte Hug befriedigt. Am Mittag bereits im Zentrum Rios beim traditionellen "Bola Preta" - unter schwarzen Kutten, mit schweren Holzmasken, bei einer gefühlten Temperatur von schätzungsweise 120 Grad. Ich hatte großes Mitleid mit ihnen.
Hug sagte: "Wir sind eigentlich gerade von den Transvestiten freundlich aufgenommen worden."
Mittlerweile hatten sich Carlitos Leute von dem Schock erholt, und Orlando lieh sich eine Maske aus, um sich damit fotografieren zu lassen. Hug sagte noch: "Auch Hexen sind ja eine Form des Transvestitentums", aber das klang ein wenig gewagt und theoretisch nicht ganz wasserdicht.
Das "Projekt" wird filmisch aufgezeichnet und später von Künstlern verarbeitet, versicherte mir Hug am Tag danach am Telefon - ich hatte mich, feige wie ich bin, ziemlich schnell verdrückt, weil ich die Verlegenheit, die sich zwischen den außerirdischen Alemannen und dem Strandvolk immer wieder erneut aufbaute, nicht mehr ausgehalten habe.
Die alemannischen Hexen sind dem Vernehmen nach gut und sicher in ihrem Hotel gelandet.
Und ich beteiligte mich später an der Suche nach Eduardos Gebiss, das ihm aus dem Mund gefallen war, als er sich über die Hexen so erschrak und auf den Rücken gefallen war.
Als er es gefunden hatte, tanzte er. Und Richard, der als Schweizer ja fast ein Alemanne ist, bestellte unter allgemeinem Beifall noch einmal Bier für alle, und Carlitos engstirnige Bande ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass dies der einzige Kulturbeitrag ist, den sie sich künftig von Deutschen oder Alemannen oder Schweizern - alles das gleiche - erwünschen.