Karneval Millionen Jecken im Ausnahmezustand
Köln/Mainz - In Köln hieß es heute in Deckung gehen: 140 Tonnen Süßigkeiten und 700.000 Tafeln Schokolade sowie 300.000 "Strüssjer" (Sträußchen) prasselten von den Fest- und Prunkwagen auf die Zuschauer am Straßenrand nieder. Die rund 10.000 Teilnehmer der Karnevalzugs in Köln benötigten für die sieben Kilometer lange Strecke etwa vier Stunden. Das Motto des Zuges lautete in diesem Jahr "Mir all sin Kölle" (Wir alle sind Köln). Die Polizei geht davon aus, dass bis zu einer Million Jecken die Straßen säumen werden.
Für launige Musik sorgen rund 120 Kapellen aus Köln, dem Umland und mehreren europäischen Ländern. In Mainz startete der Rosenmontagszug um 11.11 Uhr. Bereits zum 106. Mal schlängelte sich der närrische Lindwurm auf 7,2 Kilometern durch die Straßen der Landeshauptstadt. Der Mainzer Carneval Verein erwartete eine halbe Million Zuschauer.
Unter dem Motto "Fassenacht in Mainz am Rhein, Lebenslust für Groß und Klein" zogen mehr als 9000 Teilnehmer mit insgesamt 134 närrischen Wagen sowie 92 Musikformationen durch die Stadt. Schunkelnd und mit lauten "Helau"-Rufen begrüßten die Fastnachtsfreunde an der Strecke den Zug, der traditionell von der Mainzer Ranzengarde mit angeführt wird.
Nicht nur die Teilnehmer, sondern auch die Zuschauer tragen teils schrille Kostüme. So wandelt unter ihnen eine Freiheitsstatue und eine ganze Familie von Sträflingen. Auf 15 Motivwagen nehmen die Mainzer Narren politisch aktuelle Themen aufs Korn. Dreidimensionale Karikaturen zeigten unter anderem den bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU), der von einem roten Schuh mit der Aufschrift "Pauli" ins Abseits befördert wird. Auf einem anderen Wagen verschläft der Wiesbadener OB-Kandidat der SPD seine Anmeldung, weil seine Partei ihn nicht rechtzeitig weckt. Ein weiterer zeigt wie US-Präsident George W. Bush von der Freiheitsstatue der blanke Hintern versohlt wird.
Adolf Hitler mit heruntergelassener Hose
Die Innenstadt ist fest in der Hand der Narren, die Polizei hat das Zentrum weiträumig abgesperrt. Auch das Wetter spielte zunächst einigermaßen mit: Die Sonne zeigte sich zwar nicht, es blieb aber bisher bei bedecktem Himmel trocken. Hunderttausende Narren haben den Rosenmontagszug in Aachen bejubelt. Bei milden Temperaturen nahmen rund 4500 Jecken an dem Zug unter dem Zepter von Prinz Roger I. teil. Traditionsgemäß verzichteten die Aachener auf ein Motto. 126 Gruppen, 21 Kapellen und 3 Pferdegruppen unterhielten die Schaulustigen an den Straßen mit heißen Rhythmen, "Alaaf" und Tänzchen.
Als letzter der großen Rosenmontagszüge hat sich der Zug in Düsseldorf in Bewegung gesetzt. Unter dem Motto "Düsseldorfs närrische Illusionen" machten sich rund 5500 Teilnehmer auf den Weg durch die Altstadt und über die Königsallee. Der närrische Lindwurm aus 70 Wagen, 44 Musikkapellen und 70 Fußgruppen ist etwa 6,5 Kilometern lang.
George Bush und die "Achsel des Bösen"
Der Düsseldorfer Zug hat seinem Ruf, die provozierendsten Wagen zu haben, dieses Jahr wieder alle Ehre gemacht. Selbst vor dem heiklen Thema Islamismus machten die Düsseldorfer nicht Halt: So zeigte ein Wagen zwei bis an die Zähne bewaffnete Mullahs. Beide sahen genau gleich aus, nur vor dem einem stand "Klischee", vor dem anderen "Wirklichkeit".
Auf einem anderen Düsseldorfer Wagen fuhr Adolf Hitler mit heruntergelassener Hose mit und schied die NPD als stinkende Nachgeburt aus. Zugleiter Hermann Schmitz ließ die provokante Figur aus Angst vor Störungen durch Neonazis erst 20 Minuten vor dem Start des Zuges enthüllen. Auch die Außenpolitik kam nicht zu kurz: Auf einem Wagen roch US-Präsident George W. Bush beim iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad an der "Achsel des Bösen".
jto/ddp/dpa