Karneval: Tschä Hoi, Helau, Ahoi - DER SPIEGEL
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Karneval Tschä Hoi, Helau, Ahoi

ARD und ZDF haben ein Quasi-Monopol auf den TV-Fasching ­ und nerven mit Frohsinn auf allen Kanälen. Das Programm ist vor allem bei Älteren beliebt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenigstens ein Gutes hatte die überraschend gescheiterte ZDF-Intendantenwahl im Januar für Rainer Brüderle: Der Freidemokrat und Fernsehrat kam pünktlich zu seiner Mainzer Karnevalssitzung.

Brüderle ist nicht der einzige einflussreiche Freizeit-Narr in der Umgebung der Programmzentralen von ARD und ZDF: Die öffentlich-rechtlichen Entscheidungsgremien sind infiltriert mit Polit- und Medienkarnevalisten, die ihre Narrenkappe sowohl ins als auch im Programm tragen. Wenn etwa der SWR "Fasnacht an Neckar, Rhein und Bodensee" zur besten Sendezeit in der ARD präsentiert, dann werden erst einmal der eigene Vize-Intendant und der Unterhaltungschef ins Bild gerückt.

So senden sich ARD und ZDF dieses Jahr in einen öffentlich-rechtlichen Faschingsrausch, der selbst Profi-Zappern kaum ein Entkommen lässt. Kurz vor Aschermittwoch fallen alle Hemmungen: 34 Sendungen in zwei Wochen. 19 Stunden Täterää allein beim ZDF, 24 Stunden bei der ARD. Und am dollsten treibt es mit 42 Stunden ­ ohne Wiederholungen ­ wie jedes Jahr der WDR, der sich ohne jede Selbstironie "Karnevalssender Nummer 1" nennt und drei Monate lang regelmäßig eine Narrenkappe statt des Senderlogos einblendet.

TV-Fasching hat eine erschreckend lange Tradition, und Mainz bleibt leider schon seit 1955 "Mainz, wie es singt und lacht". So überrascht es nicht, dass der muffige Büttenspaß von graumelierten Schnauzbartträgern dominiert wird. Da wird Humor serviert, dessen Zotenniveau noch unter dem von Stefan Raab liegt: "Junge Frau mit Humor und Pferdeschwanz sucht Mann mit gleichen Eigenschaften." Schunkeleinlagen wie "Indianertanz am Titisee, die Hände in die Höh" helfen da eher weniger, die Grundversorgung zu sichern.

Jährlich kommen immer neue Spaßprogramme hinzu, weil inzwischen jede Kleinstadt-Prunksitzung die Lizenz zur TV-Verbreitung bekommt. Zudem sorgen die zahllosen Karnevalsvereine gern für billige Kalauer ­ auch was die Produktionskosten angeht, die weit unter denen einer üblichen Abendshow liegen.

Mittlerweile grüßen die "Mombacher Bohnebeitel" im SWR, und der GSV Baunatal zwingt den Zufallszuschauer im HR "Rein ins Vergnügen". Umschalten ist zwecklos, denn selbst lange faschingsfrei geglaubte Zonen haben genügend Kappenträger, um sich ins regionale Programm zu bugsieren.

Der Bayerische Rundfunk etwa droht mit den "beliebtesten fränkischen Humoristen", der NDR veranstaltet die "Närrische Party im Norden". Und der ORB nimmt seinen Programmtitel wörtlich und präsentiert bei "Die Narren sind los" Frank Zander und Gottlieb Wendehals.

Bei den Privaten wird wegen der öffentlich-rechtlichen Faschingsinflation hinter vorgehaltener Hand gern über Proporz und allzu enge Verflechtungen von Sendern und Karnevalisten gelästert. Offenbar wähnt man sich dafür in einer guten Ausgangsposition, denn mit "Kölle Alaaf" auf RTL läuft nur eine Sendung bei den Kommerzkanälen ­ und die auch nur, wie es heißt, als Tribut an die Stadt Köln, wo der Sender seinen Sitz hat.

Sat.1 lässt verlauten, man wolle nun mal "kein Pappnasen-Sender sein". Das heißt aber nicht, dass man es nicht schon mehrfach versucht hätte.

Immerhin zwei Jahre lang übertrug Sat.1 "Helau aus Düsseldorf" und warf sich zeitweilig auch an den Mainzer Carneval-Verein ran. Die Sitzung des Traditionsvereins sollte aber ­ wenn schon ­ ein "Event" werden und noch vor den Sitzungen der anderen Vereine gesendet werden.

Das hat dann nicht geklappt, sagt ein Sat.1-Sprecher, weil es im Karneval derart viele "große Rituale" gebe. Was so viel heißt wie: Die wollten sich nicht den Ansprüchen der Privaten beugen ­ also einer guten Quote auch bei Zuschauern unter 60 Jahren.

Denn obwohl die großen Hauptveranstaltungen wie "Mainz bleibt Mainz" und "Karneval in Köln" noch immer sieben bis acht Millionen Zuschauer locken, ist der Anteil des jüngeren und damit werberelevanten Publikums minimal. Bei den dritten Programmen liegt die Zahl der Jungzuschauer bei Krachern wie "Tschä Hoi, He-lau, A-hoi" im kaum noch messbaren Bereich.

Nun hat man sogar versucht, das Programm zu verjüngen, indem man einschlägige Tingelbrüder der Hüttenzauber-Spaßfraktion wie DJ Ötzi einlud. Aber wenn die Klostertaler "Drei Tiroler mit dem Gummiboot" grölen, ist das letztlich auch nur ein bizarres Zwitterwesen im Niemandsland zwischen Ballermann und Musikantenstadl, das genauso schmerzt wie die anderen Lachsäcke.

Macht alles nichts, denkt man sich offenbar in den Unterhaltungsredaktionen, Humor ist, wenn es trotzdem kracht. Auf der ZDF-Webseite heißt es passend in blumigstem Büttendeutsch: "Den Karneval im Fernsehen sehn, ist amüsant und recht bequem, doch fällt auf ZDF die Wahl, lachst du dich tot ­ auf jeden Fall." Also eine gerechte Strafe.

THOMAS SCHULZ