Kaschmir: Rettungsflug in das Tal des Todes - DER SPIEGEL
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Kaschmir Rettungsflug in das Tal des Todes

Das Elend ist kaum noch zu übertreffen: Schwerverletzte winden sich im Staub, Hunger und Kälte quälen Überlebende. Das einst idyllische Kaghan-Tal ist heute eine Schlucht des Verderbens. Rettungspiloten versuchen zu helfen, doch Hunderte müssen sie sterbend zurücklassen. Protokoll einer verzweifelten Mission.
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Hubschrauber in Balakot: Lebensmittel für Überlebende, Hilfe für Verletzte

Hubschrauber in Balakot: Lebensmittel für Überlebende, Hilfe für Verletzte

Foto: AP


Balakot - Als der schwere Chinook-Hubschrauber auf dem Flughafen Chaklala nahe Islamabad abhebt und sich mit seinen zwei Rotoren langsam auf Flughöhe schraubt, baut sich vor dem Piloten Marc Jones eine majestätische Kulisse auf. Hinter den grün bewachsenen Bergen Kaschmirs ist gerade glutrot die Sonne aufgegangen. Von den Hügeln steigt langsam Nebel auf, doch der Blick geht weit in die Ferne. "Wenn unsere Mission nicht so dringend wäre", sagt US-Pilot Jones, "könnte ich in den Tälern hier nur zum Spaß fliegen."

Die Schönheit der Natur und das Elend nach dem Erdbeben liegt auf der Flugstrecke nur eine halbe Stunde auseinander. Kaum hat der 38-Jährige aus Seattle mit dem Transporthubschrauber der US-Truppen in Afghanistan die ersten Bergketten überwunden, werden die schrecklichen Verwüstungen sichtbar. Gebäude liegen eingestürzt am Boden. Immer größer werden auch die aus Plastikplanen und Tüchern zusammengebastelten Zeltstädte. Das Rotoren-Geräusch lockt die Menschen aus den Behausungen. Mit Tüchern winken sie, um den Hubschrauber anzulocken. "Es ist schwer, nicht einfach kurz zu landen", sagt Jones. "Doch wir haben heute ein anderes Ziel."

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Kaghan-Tal: Bilder aus der Schlucht des Elends

Foto: SPIEGEL ONLINE

Das Ziel ist eins der am schlimmsten getroffenen Gebiete des Erdbebens. Von Islamabad geht es nordwestlich in Richtung Balakot, wo die Naturkatastrophe die ganze Stadt zerstört hat. Von 25.000 Einwohnern sollen ersten Schätzungen zufolge 17.000 getötet worden sein. Da alle Schulen einstürzten, hat die Stadt eine ganze Generation verloren. Balakot ist nur der erste Stopp. Seit am Mittwoch dort der erste US-Hubschrauber landete, tasten sich Jones und seine Mannschaft mit jedem Flug weiter ins Kaghan-Tal vor. Nach zwei Tagen im Einsatz nennen er und seine Männer die Gegend nur noch das "Tal des Todes".

Eine neue Katastrophe droht

Mit jedem Flug in die tiefe Schlucht entdeckt Jones aus dem Cockpit neue Dörfer, die zerstört wurden. Er und seine Männer finden mehr Bedürftige, Tote und Verzweifelte. Auf ihren Landkarten finden sich am Ende des Tages Dutzende rote Punkte. Jeder markierte ein Ziel für die nächsten Tage. Allein die Tagesmission dieses einen Helikopters zeigt ganz deutlich: Pakistan braucht dringend mehr Hubschrauber, um endlich in die entlegenen Gegenden zu kommen. Bisher sind rund 45 Maschinen im Dauereinsatz, doch mehr werden benötigt. Ohne sie werden viele Menschen an Hunger sterben, die das Erdbeben überlebt haben. Ohne Hilfe wie die der USA droht dort die Katastrophe nach der Katastrophe.

Als der Helikopter am frühen Morgen langsam in Balakot einschwebt, laufen auf dem Boden die Menschen zusammen. Die pakistanischen Soldaten haben rund um den provisorischen Landepunkt einen mannshohen Zaun mit Stacheldraht gespannt. "Gestern konnten wir kaum wieder starten, weil Menschen versucht haben, sich an den Helikopter zu hängen", sagt Jones. Sie wollten um jeden Preis raus. Nun kann das nicht mehr passieren. Wie Gefangene in ihrer zerstörten Stadt stehen die Einwohner des Ortes und viele andere aus umliegenden Dörfern hinter dem Zaun im schneidenden Wind der mächtigen Rotoren. Keiner von ihnen weicht auch nur einen Zentimeter zurück.

"Eine Frage von Leben oder Tod"

Immer wieder dreschen die Soldaten mit Holzstöcken auf diejenigen ein, die zum Hubschrauber laufen wollen. Hinter der Menschenmenge türmt sich in Trümmern das auf, was einst ihre Stadt war. Von oben sieht die Stadt aus, als ob jemand mit einem überdimensionalen Hammer zugeschlagen hätte. Lediglich die Straßenläufe lassen noch eine Stadt erkennen, ansonsten ist nur grauer Betonschutt zu sehen. Dazwischen stehen Zelte aus Planen, hier und da hocken Menschen um ein Feuer.

Vor den Hunderten am Landeplatz türmen die pakistanischen Soldaten die Kartons mit der Hilfe aus dem Chinook von Pilot Jones auf, auf die die Menschen hier seit Tagen gewartet haben. Der US-Hubschrauber hat vor allem stabile Zelte mitgebracht, die vor der Kälte in der Nacht schützen sollen. Aber auch Nahrung und Medikamente werden aus dem Laderaum gerollt. Neben den Kisten winden sich Menschen im Staub, manche liegen auf hastig zusammengeflickten Liegen. Meist komplett in Decken eingehüllt ist kaum zu erkennen, ob und wie schwer sie verletzt oder gar schon tot sind. Ein Vater drückt das von Blut verklebte Gesicht seiner Tochter gegen seine Brust, um das Kind vor dem Staub zu schützen.

Mit einem Arzt schreitet ein Kollege von Pilot Jones die Reihe ab, sieht unter die Decken. Auf keinen Fall wollen die Soldaten den wenigen Platz verschwenden, den sie haben. Auch Menschen, die keine Chance mehr haben, lassen sie liegen. Andere versuchen, sich durch Verbände den Weg nach Islamabad zu erschwindeln. "Wir müssen innerhalb von Minuten entscheiden, wen wir mitnehmen und wen nicht", sagt Jones später, "letztlich eine Frage von Leben oder Tod". Wenn sie das nächste Mal wiederkommen, werden einige der Menschen schon gestorben sein. Vor dem Helikopter stehend, betrachtet Jones noch einmal das Stadtzentrum von Balakot, von dem kein einziges Haus mehr steht. "Bloß raus hier", sagt er und steigt ein.

"We should come back quickly!"

Jones will keine Zeit verlieren. So oft wie möglich will er an diesem Tag die Route in das Tal fliegen. Per Funk trommelt er seine Kollegen zusammen, pocht auf Eile. Als schließlich der tonnenschwere Helikopter abhebt, versinkt der Platz mit den Menschen in einer Staubwolke. Was sie denken, spricht der pakistanische Flugbegleiter aus. "We should come back quickly", sagt er und dirigiert Jones nach Islamabad. Dort wird der Hubschrauber in 20 Minuten entladen und wieder neu mit Hilfsgütern bestückt, diesmal aus dem Iran. Schon ein halbe Stunde später ist Jones wieder in der Luft.

Im Tiefflug geht es wieder ins Kaghan-Tal. Obwohl die Menschen in Balakot winken und auf der Stelle hüpfen, will Jones jetzt weiter nach Norden. Drei Stellen ohne Namen hat er auf seiner Liste angekreuzt. Dort sollen Verletzte liegen und Hilfe nötig sein. Im ersten Ort, von dem nur noch die Grundrisse zu erkennen sind, finden die Soldaten nur Tote. Auch nachdem der Helikopter mit ohrenbetäubendem Lärm gelandet ist, ist niemand zu sehen. In der Nähe des Landeplatzes finden die Männer eine frische Grube. Vermutlich haben die Bewohner dort die Leichen begraben und sind dann zu Fuß nach Balakot geflüchtet. Jones umrundet den Punkt auf seiner Karte mit einem grünen Filzstift. Erledigt, heißt das.

Weiter geht es einige Kilometer in Richtung der größeren Stadt Kaghan, in der bereits die ersten Helfer angekommen sind. Wann diese Region wieder mit dem Auto erreichbar ist, ist schwer vorstellbar. Die steil ansteigende Bergstraße ist von Felsbrocken blockiert, teilweise komplett abgerutscht. Auf der Straße abwärts sind immer wieder Menschengruppen zu sehen, die mit ihrer Habe in Richtung Süden des Tals fliehen. Obwohl sie winken, will Jones nicht anhalten. "Wir müssen die suchen, die nicht mehr laufen können", sagt er.

Fünf von tausend Schülern konnten gerettet werden

In Khanian schließlich findet Jones eine Stelle zum Landen. Gleich neben dem Flussbett setzt er auf, schickt seine Männer hinaus. Rasch laufen aus dem zerstörten Ort mehrere Männer auf den Helikopter zu, während die Soldaten eine Holzkiste mit Zelten und Nahrung abladen. Mit einer Trage bringen sie einen alten Mann und ein Kind. Beide haben schwere Schürfwunden, sind kaum noch bei Bewusstsein. Die Soldaten legen beide in den Laderaum des Hubschraubers. Als immer mehr Menschen kommen und auch einsteigen wollen, schließt Pilot Jones abrupt die Ladeklappe, lässt die Motoren aufheulen. Langsam hebt sich die Maschine. Die Überlebenden von Khanian halten sich die Hände vor die Augen und bleiben mit dem Hilfspaket zurück.

Als sich der Tag neigt, hat Jones fünf Flüge von Islamabad geschafft. Insgesamt hat er 40 Verletzte in die Hauptstadt gebracht und 14 Kisten mit Zelten und Nahrung abgeladen. Auf dem letzten Flug bringt er noch eine Truppe französischer Soldaten aus Balakot mit. Drei Tage haben sie in den Schulen der Stadt nach Überlebenden gesucht. Von über tausend Schülern haben sie nur fünf lebend aus dem Schutt retten können. "Unsere Mission ist beendet, hier lebt niemand mehr", sagt Team-Leiter Jean-Jaques Mornet resigniert. Immer wieder redet er sich ein, dass es keine Hoffnung mehr gab.

Pilot Jones ist mit seinem Tag einigermaßen zufrieden. "Als ich gestern in Balakot ankam, lag das gesamte Feld neben dem Landeplatz voll mit Verletzten", sagt er, "heute waren es nur noch wenige." Bei seinem ersten Flug am nächsten Morgen will er auch diese mitnehmen. Danach soll es weiter nach Norden gehen, bis sie das ganze Tal einmal abgesucht haben. Über den Zeitrahmen der Mission macht sich der Pilot keine Illusionen. Aus den geplanten fünf Tagen Sondereinsatz in Pakistan werden wohl zwei Wochen werden. "So lange können sich die Taliban noch ein bisschen ohne uns austoben", lacht er. "Hier werden wir im Moment dringender gebraucht."