Pilotprojekt in Kassel Sterilisation von hessischen Waschbären muss gestoppt werden
Zwei junge Waschbären in Kassel
Foto: Peter Hartenfelser / IMAGOIn einem europaweit angeblich einzigartigen Projekt hat der Bundesverband der Wildtierhilfen seit Anfang August Waschbären in Kassel einfangen und sterilisieren lassen. Nun muss das Vorhaben gestoppt werden, zumindest vorläufig. Das teilte die Stadt Kassel mit, die auf eine Fortsetzung hofft.
Seit dem 5. August hatte ein Team aus rund 30 Ehrenamtlichen und zehn Tierärzten Waschbären im Stadtgebiet eingefangen und operativ sterilisiert. Anschließend wurden die Tiere wieder in die Freiheit entlassen. So sollte die Zahl der Waschbären in Kassel zunächst stabilisiert und in kommenden Jahren um etwa 20 Prozent reduziert werden. Die nordhessische Stadt ist seit Jahren bekannt für die im Stadtgebiet lebenden Tiere.
Das Sterilisationsprojekt wurde von der Stadt unterstützt und zunächst auf drei Jahre begrenzt. Der Bundesverband der Wildtierhilfen hatte zu Beginn erklärt, es solle wissenschaftlich durch die Universität Bonn begleitet werden. Alle behördlichen Genehmigungen lägen vor, das Vorgehen sei konform mit geltendem EU-Recht.
Hessens Jäger sind gegen das Projekt
Das sehen jedoch nicht alle in Hessen so. Mit einer sogenannten Zuständigkeitsverordnung vom 12. August stellte die Landesregierung klar, dass eine Genehmigung der Oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium notwendig sei. Zuvor hatte der Landesjagdverband eine juristische Prüfung des Projekts angestoßen. Die Jäger monierten, es sei inakzeptabel, dass ohne Genehmigungen und wissenschaftliche Prüfung chirurgische Eingriffe an Wildtieren vorgenommen und diese anschließend wieder ausgesetzt würden. Auch Biologen hatten sich laut »FAZ« kritisch gezeigt.
»Nach Auffassung des LJV stellt dieses Vorgehen einen erheblichen Eingriff an einem Wirbeltier dar, der sowohl einer tierschutzfachlichen als auch einer tierversuchsrechtlichen Genehmigung durch die Obere Veterinärbehörde bedarf«, teilte der Verband mit. »Wie das Regierungspräsidium Kassel bestätigte, liegen entsprechende Anträge nicht vor.«
Ferner hätten Wissenschaftler der Goethe-Universität Frankfurt festgestellt, dass zentrale Annahmen der Verantwortlichen widerlegt seien. Weder zeigten Waschbären territoriales Verhalten, noch stimme die These eines »Bestandsanstiegs durch Bejagung«.
»Es ist nicht erklärbar, warum ein einmal gefangener Waschbär nach einer Sterilisation wieder freigesetzt wird«, so Verbandspräsident Jürgen Ellenberger. Auch ein sterilisierter Waschbär fresse weiter Singvögel, Bodenbrüter und Amphibien. »Nach EU-Recht ist der Waschbär eine invasive Art, die zurückgedrängt werden muss. Das Aussetzen ist grundsätzlich verboten.«
Landesregierung will Waschbären künftig ganzjährig zur Jagd freigeben
»Wir bedauern diese Situation sehr« erklärte Kassels Ordnungsdezernent Heiko Lehmkuhl. Etliche Gespräche auf Fachebene hätten keine Einwände ergeben. Man habe das Vorhaben gern ermöglicht, das zudem vom Bundesverband der Wildtierhilfen getragen werde. »Wir hoffen, dass auch in Zuständigkeit des Regierungspräsidiums das Projekt zeitnah fortgesetzt werden kann«, so Lehmkuhl. Kassel wolle die Waschbären weiter auf verschiedenen Wegen stoppen.
Das Regierungspräsidium Kassel muss die Sterilisationen nun prüfen. Allzu lange sollten sich die Waschbären nicht freuen. Laut Plänen des hessischen Landwirtschafts- und Jagdministeriums sollen sie mithilfe einer geänderten Jagdverordnung künftig ganzjährig gejagt werden.