Katastrophe in Japan: Vom harten Rocker zum sanften Helfer - DER SPIEGEL
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Tsunami-Schäden: Leben in den Trümmerbergen

Foto: Kimimasa Mayama/ dpa

Katastrophe in Japan Vom harten Rocker zum sanften Helfer

Tomohiro Naritas Motorradladen ist zur Zentrale einer ungewöhnlichen Hilfsaktion für die japanischen Tsunami-Opfer geworden: Ehemalige Straßenkämpfer und Drogenabhängige versorgen die Menschen in den Geisterstädten der Katastrophenregion.
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Tokio - Irgendwo hinter Kisten mit Instant-Nudeln, Wasserflaschen und Gaskochern stehen im Motorradladen Phantom Gate in Tokio noch ein paar Maschinen rum. Sonst sind aber einige Ausgaben des "Hardcore Chopper"-Magazins und ein Schild mit der Aufschrift "Parken nur für Harley Davidson Motorräder" die einzigen sichtbaren Anzeichen, dass hier normalerweise Motorräder an Rocker verkauft werden.

Seit das Erdbeben und der Tsunami Tomohiro Naritas Heimatstadt Sendai verwüstet haben, ist sein Motorradladen zur Zentrale seiner Hilfsaktion geworden. Naritas Bemühungen werden dabei von Gruppen unterstützt, die sonst weniger für ihre Menschenliebe bekannt sind: Motorradbanden, Tattoo-Studios, Rockerkneipen, Anarchisten, Ausgestoßene - kurz, Menschen die der Regierung nicht trauen und wohl kaum ans Rote Kreuz spenden. Im vergangenen Monat konnte die "The Underground" getaufte Hilfsorganisation so schon Hilfe im Wert von 250.000 Dollar in die Katastrophenregion schicken.

Die Organisatoren des Projekts rund um Narita sind Männer, die sich einen Ruf als Straßenkämpfer, Drogenabhängige oder als Mitglieder von Rockerbanden erworben haben, nun aber erwachsen geworden sind. "Ich bin voll Dankbarkeit", sagt Narita ruhig, während er vor seinem Laden eine Zigarette raucht. So viele ehemalige Rivalen und komplett Fremde hätten sich in den vergangenen Tagen an der Hilfe für seine Heimatstadt beteiligt, sagt er. "Ich brauche mein ganzes Leben, um mich dafür zu bedanken."

Rauhe Kerle, jetzt ganz sanft

Der sonst so hart wirkende Rocker mit dem Spitznamen "Nadel" ist nach der Katastrophe nachdenklicher geworden. Mehrfach blinzelt er Tränen weg, während er von seinen Reisen ins Katastrophengebiet, vom Gestank der Leichen und den von Trümmern übersäten Stränden seiner Kindheit erzählt.

Narita war früher Mitglied einer der berüchtigten japanischen Motorradbanden. Einige seiner früheren Kollegen gehören nun der Mafia an. Narita interessierte sich vor allem für Rockmusik, Motorräder und Drogen. Er habe nur von Tag zu Tag gelebt, erzählt er. Bis zum Jahrtausendwechsel. Als die Welt nicht, wie von ihm fest erwartet, unterging, suchte er sich einen Job. Mit 44 Jahren ist Narita nun Besitzer von Phantom Gate, hat seinen eigenen Oldtimer-Motorradclub und eine Rockband mit dem Namen "Hash Ball". Kettenrauchen und Kaffee haben die Drogen ersetzt.

Sobald er von der Katastrophe erfuhr, habe er beschlossen zu helfen, erzählt er. Allerdings wollte er nicht mit leeren Händen im Katastrophengebiet aufkreuzen. Deshalb rief er Freunde an und fragte, ob sie helfen könnten, im Tsunami-Gebiet benötigte Waren zu besorgen. Diese Freunde riefen wiederum ihre Freunde an. So wanderte der Hilferuf von Tattoo-Studio zu Motorradclub, zu Tattoo-Ausrüster, zu anderen Motorradclubs in die Musikszene, durch ganz Japan. Am Ende stand Naritas Motorradladen voll mit Hilfsgütern aus dem ganzen Land.

Eine Woche nach der Naturkatastrophe ging die erste Lieferung nach Sendai: 18 Lkw und Lieferwagen bepackt mit Nahrungsmitteln, Wasser, Milch, Kleidung, Matratzen und Möbeln. Was als private Hilfsaktion für Naritas Freunde und Verwandte begann, hatte sich zu einer Großaktion ausgewachsen.

Es gibt immer welche, denen es schlechter geht

Nach mehreren Besuchen konzentrierten die Rocker ihre Hilfe auf die unmittelbare Küstenregion. Sie wanderten zu Fuß in Dörfer, die nicht mit dem Auto zu erreichen waren, klopften an Türen und suchten nach Überlebenden, die zu gebrechlich waren, um sich in Notunterkünfte zu flüchten. Sie versorgten sie mit Wasserflaschen und Energieriegeln.

"So viele Menschen, mit denen wir geredet haben, haben ihre Häuser und all ihren Besitz verloren, aber jeder sagt, er habe Glück gehabt, weil er jemanden kennt, der noch mehr verloren hat", sagt einer von Naritas Mitstreitern.

Die Männer notierten sich bei jeder Fahrt, was die Menschen brauchten und kamen dann etwa mit Medikamenten oder Gaskochern zurück. Anfang April kamen sie mit einem eigenen Tankwagen mit 4000 Litern Benzin an Bord. Sie verteilten den Treibstoff an Notunterkünfte, andere Hilfsorganisationen und an Menschen, die in ihren Autos lebten.

In den Wochen seit der Tragödie haben sie schon Verbesserungen beobachten können. Die Straßen sind besser, einzelne Tankstellen haben wieder geöffnet, und Nahrungsmittellieferungen erreichen wieder Gemeinden, die vor kurzem noch komplett verlassen schienen.

Ihre Hilfsarbeit wollen sie auch in Zukunft weiterführen, egal, ob es Jahre oder Jahrzehnte dauere, die Städte wieder aufzubauen, kündigen die Helfer an. Beispielsweise könnten sie helfen, Schulen auszustatten oder bei der Reinigung des Meers mithelfen, damit die Fischer wieder ihrer Arbeit nachgehen können, überlegen sie. Damit die Spenden nicht versiegen, haben sie schon eigene "The Underground"-T-Shirts entworfen und "Hash Ball" hat bereits einen Termin für ein erstes Benefizkonzert festgesetzt.

Die Menschen im Katastrophengebiet hätten ihn inspiriert, sagt Narita. "In unserem Leben schauen wir immer nur zur Seite. Sie schauen immer nach vorn", sagt er.

Michael Alison Chandler, dapd