Katastrophe in Kattowitz: Nur die Leichenspürhunde schlagen an - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Katastrophe in Kattowitz Nur die Leichenspürhunde schlagen an

Die Arbeit der Helfer in Kattowitz wird immer schwieriger. Mehr als 60 Leichen sind schon geborgen, und angesichts bitterer Kälte und unzugänglicher Trümmerberge befürchten die Rettungskräfte, dass es noch weitaus mehr werden. Laut Auswärtigem Amt sind auch Deutsche unter den Opfern.
Von Olaf Sundermeyer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kattowitz - Selbst die Tauben scheinen zu frieren: Die Hälse eingezogen ins dichte Gefieder, achten sie am Morgen nicht auf die Männer von der Grubenwehr. Die wühlen sich bei minus 17 Grad im Lichtkegel ihrer Stirnlampen durch die mit schwerem Schnee bedeckten Trümmer. Die Front der Wellblechhalle, die gestern gegen 17.30 Uhr eingeknickt war, ist durch die Gewalt der weißen Massen so verbeult wie die auf dem Boden umherliegenden Bierdosen durch den Druck von Menschenhand.

Fotostrecke

Halleneinsturz: Der verzweifelte Kampf der Helfer

Foto: DPA

Es muss laut, sehr laut gewesen sein. "Ich dachte zuerst, dass ein Flugzeug auf das Dach gefallen ist", sagt eine Frau, die mit einer Schramme an der Stirn der Katastrophe entkommen ist. "Erst ist es in der Mitte eingestürzt und dann an allen Seiten, wie bei einem Dominospiel", sagt ein alter Mann, der seiner Leidenschaft wegen in die Ausstellungshalle Pavillon I an der Ulica Bytkowska gekommen ist. Hier liegt der Internationale Markt Kattowitz, zehn Minuten nördlich vom Stadtzentrum. Ein Messegelände aus einer Ansammlung von einem halben Dutzend Blechpavillons, wo an anderen Tagen Blumen, Fahrräder oder Gartenzäune ausgestellt werden.

Der Unglücksbau war der neueste unter ihnen, Baujahr 2000, berichtet der Anwalt der Messefirma. Kattowitz liegt im schlesischen Kohlerevier, "und Bergleute lieben Tauben, so wie bei euch in Deutschland", sagt einer vom schlesischen Taubenzüchterverband. Die Veranstalter der Taubenschau wollen aber nicht gewusst haben, wie viele Taubenfreunde sie an diesem Samstag zu Besuch hatten. "Daher wissen wir auch nicht, wie viele Leute noch unter den Trümmern sein könnten", sagt Kazimierz Krzowski, Einsatzleiter der Feuerwehr.

Und Leszek Suski vom Einsatzstab ergänzt: "Das ist für uns Grund genug, um immer weiter zu arbeiten." 160 Verletzte wurden bislang gezählt, die Zahl der Todesopfer steigt stündlich: Erst waren es 10, dann 12, dann 26, später 33 und mittlerweile mindestens 66. Gibt es noch eine Chance auf Überlebende? Achselzucken bei den Rettern. "Das hängt auch davon ab, wie warm die Messebesucher angezogen waren."

Musik spielte, als es krachte

Es lief Musik, als das Unglück passierte. Zeugen berichten von einer ausgelassenen Stimmung. Die Zunft kennt sich und trifft sich zu diesen Gelegenheiten wie eine große Familie. Beim Verband der schlesischen Taubenzüchter ist man stolz, "dass wir hier die zweitgrößte Taubenschau Europas haben. Die größte ist in Dortmund, dort haben wir uns erst vor zwei Wochen alle gesehen."

Heinz Richard Mennen und Christian Wak kommen seit fünf Jahren auf die Messe. Die beiden Deutschen sind knapp dem Tod entgangen, Deckenteile stürzten nur wenige Meter von ihnen entfernt zu Boden. "Wir sind Richtung Ausgang geflüchtet, die Notausgänge waren aber verschlossen", sagt Mennen. "Der Sicherheitsdienst hatte keine Schlüssel. Wir haben die Türen und Fenster mit Feuerlöschern aufgebrochen. Es herrschte riesiges Chaos."

Aus zehn Nationen sollen die Opfer stammen: Deutsche, Polen, Tschechen, Slowaken, Russen, Ukrainer, Holländer, Belgier, Littauer und Österreicher. Die Namensliste an der Wand im provisorisch eingerichteten Informationszentrum ist nicht eindeutig. Man liest "Klaus", "Dieter", aber es sind bei den Deutschen vermutlich auch viele mit einem Namen polnischer Herkunft dabei. Die Liste ist nicht vollständig, bislang umfasst sie nur 88 Namen, es herrscht Chaos. Namen werden verwechselt, Silben von Handys verschluckt.

Deutsche Opfer unter den Trümmern

Im Nebenraum werden die Überlebenden und Familien der Opfer versorgt. Fünf Psychologen wurden geschickt, um die Angehörigen zu betreuen. Irgendwann tritt der Polizeipsychologe Bogdan Lach vor die Türe. Er ist blass und spricht mit leiser Stimme: "Wir reden mit den Leuten über ihre Gefühle, sie sollen alles aussprechen. Das gilt auch für die Helfer, die über das sprechen sollen, was sie sehen, um es zu verarbeiten. Letztlich ist es eine Frage der Zeit, dieses Trauma zu verkraften. Das wird dauern."

Nach Angaben des Auswärtigen Amts sind auch Deutsche unter den Opfern. Ein Todesopfer und vier Verletzte sind bislang bestätigt, es könnten aber noch mehr werden. "Wir haben einen deutschen Pass in den Trümmern gefunden", sagt Marek von der Messegesellschaft. Mann? Frau? "Ein Mann, aber der Pass wurde konfisziert." Dann taucht ein Name auf: Uwe T., verletzt, aber außer Lebensgefahr. Im Krankenhaus dann noch eine Spur: "Ja, wir haben eine Frau aus Deutschland hier", sagt eine Krankenschwester in Siemianowice/Schlesien, "außerdem einen Tschechen und einen Belgier." Im Krankenhaus von Chorzow, zwölf Kilometer von der eingetürzten Halle entfernt, erklärt der Arzt Roman Mendecki: "Zwei Deutsche, einer hat ein Bein gebrochen, der andere hat eine starke Quetschung am Brustkorb, aber keiner schwebt in Lebensgefahr." Einer der beiden soll Polnisch sprechen und übersetzt haben.

Rettung mit Spaten und Schneeschiebern

Derweil, vor der Trümmerhalle, wo Zelte, Feuerwehrautos und Mannschaftsbusse kreuz und quer stehen, ist die Grubenwehr fieberhaft bei der Arbeit. Hinzu kommen Feuerwehr, Polizei und sogar Militärpolizei, die zugweise mit Spaten und Schneeschiebern über das Messegelände stapft. Insgesamt 300 Mann. Zwischendurch müssen sie eine Pause machen, erschöpft vom Schrecken, körperlicher Anstrengung und vor allem von der Kälte in diesem härtesten polnischen Winter seit 30 Jahren. Minus 17 Grad zeigt das Thermometer an, selbst die in die Trümmer gepumpte Heißluft wird die dort eingeklemmten Menschen nicht vor dem Erfrierungstod bewahren können, wenn sie nicht rasch herausgeholt werden.

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit - und die Chancen stehen schlecht. Bislang konnte kein schweres Räumgerät eingesetzt werden, weil man fürchtet, beim Anheben großer Hallenteile Überlebende durch herabstürzenden Schutt zu töten. Deshalb wurden Löcher in das Dach geschnitten, durch die Spürhunde Eingang in den Katastrophenort fanden. Bislang, so die schreckliche Nachricht, hätten nur die Leichensuchhunde angeschlagen.

Es wird wenig geredet, es geht ruhig zu. Nur die Generatoren für Licht und Werkzeug wummern fortwährend. Drei mit glimmender Steinkohle gefüllte Stahlkörbe stehen vor der Halle, solche, die von den Kumpeln sonst als Streiköfen im Kampf um Arbeit angeheizt werden. Heute ist es ein Kampf um Menschenleben.