Katastrophen-Flüchtlinge Im Stadion der verlorenen Kinder
Houston - Gwendolyn Green nimmt alles, was sie bekommen kann. Sobald einer der zahllosen Freiwilligen an der resoluten 47jährigen und ihrem Mann James Clay vorbei läuft, hält ihn Gwendolyn am Arm fest. Zuerst sind Handtücher Gwendolyns Beute. Dann Packungen mit Taschentüchern. Etwas später kleine Kulturbeutel mit Zahnbürsten und Rasierschaum. Ordentlich packt die Frau mit den mächtigen Oberarmen ihre Fundstücke in einen braunen Karton gleich neben ihrer Pritsche. "Ich und mein Mann können alles gebrauchen", lacht sie und lässt die goldenen Kronen in den Schneidezähnen aufblitzen, "wir fangen ja sozusagen bei Null an".
Dass sie je wieder nach New Orleans zurück kehren werden, glaubt die Mutter einer Tochter nicht. Wohin sollten sie auch gehen? Und vor allem warum? Ihr Haus haben schon vor der Flut die Böen des Hurrikans Katrina zum Einsturz gebracht. Auch die Praxis, in der Gwendolyn seit Jahren als Krankenschwester schafft, existiert nicht mehr. Das Ehepaar weiß noch nicht einmal, ob ihre beiden Mütter die Katastrophe überlebt haben, auch die Schwester von Gwendolyn wird noch immer vermisst. "Wir haben sehr viel Glück gehabt und sind in letzter Minute gerettet worden", sagt Gwendolyn. Sie lacht nicht mehr. "Doch wir haben mit einem Schlag alles verloren, was wir in vielen Jahren aufgebaut haben", presst sie heraus.
Seit Mittwoch sitzen die Greens wenigstens im Trockenen. Sie waren mit die ersten, die von New Orleans ins texanische Houston gebracht wurden. Nun hausen sie in einem mächtigen Stadion, dem Astrodome. Selbst mitten in der Nacht ist es noch taghell durch die blendenden Flutlichtstrahler, die normalerweise wettkämpfende Sportler beleuchten. Zwar drängeln sich auch hier um die 20.000 Menschen. Doch es gibt Essen, Getränke, Strom. Klimaanlage und die Toiletten funktionieren. Sogar die Polizei ist da.
Wie ein riesiges Zeltlager
Von den Tribünen aus wirkt die Szenerie im Astrodome wie ein riesiges Zeltlager. Eng an eng stehen Tausende von Feldbetten. Rund um das mittlerweile größte Notlager außerhalb von New Orleans reihen sich Stände, an denen man etwas zu essen bekommt. Daneben gibt es eine Abteilung, in der die Ärzte ihre Arbeit tun und Medikamente austeilen. Vor den Toiletten bilden sich lange Schlangen. Wieder daneben ist eine große Wand aufgehängt, an denen Suchanzeigen kleben. Darüber prangt die Anzeige, auf der normalerweise der Spielstand angezeigt wird. Seit Tagen jedoch blinken hier nur die Namen von vermissten Menschen aus der Hurrikan-Region auf.
Für Tausende Familien aus New Orleans und der Umgebung ist das Astrodome eine Zwischenstation in einem zur Wirklichkeit gewordenen Alptraum. Stunden mussten viele anstehen, bis sie hinein kamen. Als das Stadion voll war, machten die texanischen Behörden andere Gebäude auf. Jetzt rechnen sie damit, dass um die 50.000 Menschen nach Houston kommen würden. Essen wurde beschafft, Ärzte herbeigekarrt, Medikamente besorgt, Hunderte Telefonleitungen in die Notunterkünfte geschaltet, Computersysteme für die Vermissten installiert und Tausende Freiwillige rekrutiert.
"Ich gehe hier nicht weg, bis ich sie gefunden habe"
Die Erinnerung an die schlimmste Zeit ihres Lebens, Momente der Todesangst, holt die Greens immer wieder ein. Geflüchtet hatten sich die beiden auf ein Dach eines fünfgeschossigen Hauses. Doch obwohl der Sturm lang vorbei war, stieg das Wasser unaufhörlich. Zuerst schwamm ihr Freund Chris los, um ein Boot zu holen. Als das Wasser den vierten Stock erreichte, begannen sie mit Handtüchern in Buchstaben "HELP" auf die Dachpappe zu markieren. Eine weitere Stunde später fingen sie an zu beten. Als schließlich ein Armeehelikopter kam und sie mit einem Korb vom Dach hob, stand das schon unter Wasser. Als sie ein letztes Mal nach unten sahen, sackte der Bau zusammen. Ihren Freund haben die beiden seitdem nicht mehr gesehen.
Gleich neben den Greens sitzt Wadell Dupuy. Mit seiner krakeligen Handschrift hat er ein Pappschild bemalt und hält es seit zwei Tagen eisern nach oben. "Allan und Rose, bitte meldet euch", lautet die schlichte Nachricht des 57jährigen. Hinter den beiden Namen stecken seine Tante und sein Onkel. Seit den ersten Nachrichten über den Hurrikan hat er nichts mehr von ihnen gehört. "Ich kann nur hoffen, dass sie hier irgendwann auftauchen", sagt der Mann, hinter dessen Hornbrille zwei müde Augen sitzen, " bevor ich nichts Genaues weiß, werde ich hier nicht weg gehen". Durch die Boxen an der Decke der Halle knarzen in diesem Moment wieder neue Namen. Allan und Rose sind nicht dabei.
Die meisten der Menschen hier kommen aus armen Verhältnissen. Schwarze, die schon vor der Katastrophe gerade genug zum Überleben hatten. Nun haben sie auch noch ihre kleine Welt verloren. Oft waren die ärmlichen Behausungen am Stadtrand oder die so genannten mobile homes, wie man in den USA auf Fahrgestellen errichtete Wohnstätten nennt, nicht versichert.
Der Frust ist riesig. Schon jetzt halten Wortführer hitzige Reden über angeblich gezielte Nicht-Hilfe für die Armen in New Orleans. Ob es denn wohl Gottes Wille war, das gerade im Armutsviertel das Wasser sieben Meter hoch stand, will einer wissen. Andere berichten von Gerüchten, die von der gezielten Überflutung zugunsten der historischen Altstadt sprechen. Wie nach den Attentaten des 11. September sind es nicht Beweise, die solchen Theorien Schlagkraft verleihen. Dass die Geschichten plausibel sind und solidarisierend in einer Zeit des totalen Verlustes wirken, reicht vollkommen aus.
Die Kinder wissen nichts von ihrem Schicksal
Einzig die Kinder scheinen den Ausflug ins ferne Texas zu genießen, sie tollen durch die Halle. Viele von ihnen hatten in ihrem früheren Leben kaum mehr als billigstes Plastik-Spielzeug. Nun werden sie von Helfern mit Batman-Kostümen und allerlei Spielen ausgestattet, lernen neue Altersgenossen kennen. Selbst in einem abgesperrten Bereich neben der Haupthalle spielen mehrere Dutzend Kleinkinder mit lachenden Gesichtern. Das Schild an der Tür können sie nicht lesen. "Lost Kids" steht darauf, "Verlorene Kinder". Die Betreuer vor dem Raum tun alles, um die jungen Flutopfer abzulenken. Sie wissen, dass viele ihre Eltern niemals wieder sehen werden.
Wie lange die Menschen in Houston bleiben sollen oder können, ist bisher völlig unklar. Den meisten geht es wie der Familie Green. Kein Haus mehr, keinen Job mehr und dazu noch die Angst, in die völlig zerstörte Stadt zurück zu kehren. Einige werden bei Freunden irgendwo unterkommen oder schlicht umziehen und ein neues Leben beginnen. Die Mehrzahl aber wird auf staatliche Hilfe angewiesen sein, ohne die sie einen Neuanfang nicht schaffen werden.
Gwendolyn Green jedenfalls sammelt weiter jede Hilfe, die sie bekommen kann. "Wenn wir hier raus kommen, habe ich vielleicht schon drei oder vier Kisten mit Hausrat zusammen", sagt sie, "besser als gar nichts".